Pilgern im Winter auf dem Camino Francés

Winter

Das Pilgern im Winter hat seinen ganz besonderen Reiz. Beate Zaschke war im Winter 2019 vom 23. November bis 26. Dezember 2019 auf dem Camino Frances unterwegs. Ihre beeindruckende Erlebnisse hat sie in diesem Gastbeitrag zusammengefasst:


Im Winter pilgern auf dem Camino Francés- ein Erfahrungsbericht

Ganz wichtig: Pack die Badehose ein!

Ich hatte natürlich keine eingepackt. Wozu auch? Im Winter?

Aber, ich fange vielleicht doch lieber von vorne an. Pilgern auf dem spanischen Jakobsweg, im Winter, ist kein Spaziergang. Auch kein „Winterspaziergang“. Es gehört schon eine Portion Unerschrockenheit dazu und man sollte auch psychisch nicht ganz labil sein.

Mein erster Pilgertag im Winter 2019

Ich bin im Winter, am 24. November 2019, früh morgens, im Dunkeln, in Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich, am Fuß der Pyrenäen, losgelaufen. Bei leichtem Regen laufe ich die ersten 12 km auf asphaltierten Nebenstraßen stetig bergauf. Alles gut machbar. Ich bemerke nicht einmal, als ich nach wenigen Kilometern die Grenze nach Spanien überschreite.

Der rechte Fußballen tut mir in den fast neuen Wanderschuhen bereits nach einer Stunde weh. Das macht mir mehr Sorgen als die 1.200 Höhenmeter, die an diesem Tag zu erklimmen sind. Eigentlich ist es mir nicht bewusst, dass mir heute der steilste und längste Anstieg des gesamten Caminos bevorsteht.

Heute früh wollte ich nur eines:

-endlich los, los, los!

Nach dem letzten Bergdorf, geht’s nun über steile, ausgewaschene Pfade hoch ins Gebirge. Die anhaltenden Regenfälle der vorherigen Tage machen sich jetzt bemerkbar. Der Bach, an dem der Camino Frances entlangführt, ist stark angeschwollen und tritt bereits über seine Ufer.

im Winter Aufstieg zu den Pyrenäen

Über den Pilgerweg ergießen sich Sturzfluten. Es sind doch eigentlich nur noch wenige Kilometer bis Roncesvalles, zu meinem heutigen Tagesziel, denke ich. Nun müsste doch auch langsam mal der Gebirgskamm erreicht sein! Nein, hinter der nächsten Wegbiegung geht es nochmal steil weiter. Nochmal. Und nochmal.

Der Winter naht

Ich breche immer wieder eine Zacke von meiner Toblerone-Schokolade ab. Ein Glück, dass ich die im letzten Ort im Supermercato (einem kleinen Tante-Emma-Laden) gekauft habe. Nun genehmige ich mir auch noch die Dose spanische Orangenlimo, die ich im Rucksack habe. Der Zucker geht sofort ins Blut. Das muss reichen bis zum Pyrenäenkamm. Ich setze langsam und gleichmäßig einen Fuß vor den anderen und verkrieche mich dabei unter meinen Regenschirm.

Zwischendurch stehenbleiben, verschnaufen, warten, dass der Puls sich beruhigt. Weiterlaufen bis zur nächsten Kurve. Weiter. Und weiter.

Im trüben, feuchten Nebel erreiche ich endlich eine Passstraße mit Parkplatz und Aussichtspunkt. Höher geht’s nicht mehr. Das ist also der Kamm der Pyrenäen.

Kinder auf Schulausflug besteigen gerade wieder ihren Bus, um abzufahren. Der Motor des Busses läuft die ganze Zeit, man sieht, dass es drinnen mollig warm ist. Mir ist kalt. Ob die mich bis nach Roncesvalles mitnehmen? Nein, ich schiebe den Gedanken sofort wieder beiseite. Die paar Meter Abstieg nach Roncesvalles schaffe ich jetzt auch noch.

Als spirituelle Atheistin im Kloster

Nach einer dreiviertel Stunde Abstieg tauchen vor mir in der einsetzenden Dämmerung die dunklen, gewaltigen Mauern des Klosters Roncesvalles auf. Was für eine Erleichterung bei diesem Anblick, hoffe ich hier doch auf Schutz und Obdach. Genauso müssen sich auch die Pilger in den Jahrhunderten vor mir gefühlt haben. Ich erinnere mich an die düstere Stimmung im Film: „Der Name der Rose“. Genauso ist es hier auch. Habe ich jetzt vielleicht einen Zeitsprung gemacht?

winter monastery-roncesvalles

Die Herberge im Kloster ist wie erwartet geöffnet. In einem dunklen, holzgetäfelten Büro sitzt eine strenge, ältere Dame, eine Nonne? Hier checke ich ein. Ich muss meinen Pilgerausweis sowie meinen Personalausweis über den schweren Schreibtisch reichen und werde aufgefordert, ein Formblatt auszufüllen. Es wird u.a. nach dem Grund der Pilgerreise und der Konfession gefragt. Eine Reihe von Optionen steht zur Auswahl. Ich kreuze „Atheist“ an und beim Zweck der Reise „spirituell“ und „kulturell“.

Ich stutze kurz und überlege, ob „Atheist“ und „spirituell“ nicht im Widerspruch zueinanderstehen.

Die Nonne wirft einen prüfenden Blick auf meine Kreuze und nimmt meinen Zettel ungerührt entgegen. Also scheint die Kombination „spiritueller Atheist“ gar nicht so ungewöhnlich zu sein.

Ein behaglicher Schlafsaal

Der Schlafsaal mit den vielen Doppelstockbetten ist wohlig warm. Nur ein einziger Pilger ist bisher da, Candido aus Murcia, Spanien. Er liegt mir gegenüber im unteren Bett. Nun unter die heiße Dusche! Stundenlang könnte ich hier verweilen.

Nach und nach treffen in der Herberge des Klosters weitere Pilger ein. Wir sitzen am Abend alle an einem großen, runden Tisch beim Pilgermenü im benachbarten Restaurant. Wir unterhalten uns, als würden wir uns schon lange kennen. Candido, Cyrille aus Frankreich, Heedo aus Süd-Korea und ich. Wir tauschen sogleich die Telefonnummern aus und werden später während des gesamtem Caminos in Kontakt bleiben und uns gelegentlich treffen.

Pilgermesse in Roncesvalles

Am Abend findet in der Klosterkirche eine Pilgermesse statt, zur Segnung der Pilger. Wir sind ca. 12 Pilger aus aller Welt. Die Messe ist eine katholische Zeremonie in spanischer Sprache.

Pilgermesse

Ich sitze allein in einer der vorderen Reihen, alle anderen Pilger haben hinter mir Platz genommen. Oops, ich bin ja jetzt der Vorturner! Zum Glück sitzt Candido schräg hinter mir und ich drehe mich immer wieder nach ihm um, um zu sehen, wann man bei bestimmten Gebeten aufstehen muss und wann man sich wieder setzen darf. Schließlich wird die Gemeinde zum Abendmahl gebeten. Ich bin erst unsicher, ob ich daran teilnehmen darf. Ich meine, in Deutschland gehört zu haben, dass man als Atheist davon ausgeschlossen ist.

Aber Candido stupst mich an und bedeutet mir, nach vorn zu gehen. Auch mein koreanischer Pilgerbruder geht ohne zu zögern nach vorn. Okay, na gut. Wenn Ihr meint.

Am Ende der Messe geht der Priester mit ernstem, aber freundlichem Blick auf jeden von uns Pilgern zu, drückt uns ganz fest und lange die Hand und wünscht einen „Buen Camino“, einen „Guten Weg“.

So werden wir nun auf den Weg geschickt. Diese Pilgersegnung, hat mich auf dem gesamten Weg irgendwie beschützt fühlen lassen. 

Winterpause auf dem Camino

Im Winter gibt es auf dem Camino eine Besonderheit. Fast alle Herbergen sind geschlossen, sie haben Winterpause. Es gibt jedoch eine täglich aktualisierte, spanische Webseite, welche die wenigen geöffneten Herbergen auflistet. Der Link dazu hängt in den Unterkünften aus. Diese Information sollte man unbedingt bei der Planung des täglichen Streckenziels berücksichtigen. Es ist jedoch von den spanischen Organisatoren des Pilgerwegs sichergestellt, dass in den größeren Orten, jeweils im Abstand einer Tagestour (ca. 20 bis 25 km), mindestens eine Herberge geöffnet ist.

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Die anschließenden Etappen, über Pamplona, durch das Weingebiet Rioja, durch Burgos bis Fromista, d.h. ca. die Hälfte des Caminos waren hinsichtlich der Schwierigkeit des Geländes und des Wetters kein Problem. Zeitweilig bin ich sogar in kurzen Hosen und T-Shirt gelaufen, bei Sonnenschein und Temperaturen bis 17 °C. Hin und wieder regnete es aber auch und kühle Temperaturen bis 0 °C erinnerten an die Jahreszeit.

Auch die Gastronomie am Camino befindet sich in der Winterpause. Nur in den größeren Orten gibt es Bars und Restaurants. Trotzdem ist es mir fast immer gelungen, wenigstens einmal am Tag ein offenes Lokal zu finden, um dort einen Kaffee, eine heiße Suppe oder einen Bogatillo (Baguette mit Schinken) zu bekommen. Ein paar Kekse, eine Banane und eine Dose Cola sollte man trotzdem als Notproviant immer dabeihaben.

Winter Wetter mit nassen Schuhen

Der Camino führt an vielen Klöstern, Kirchen und Einsiedeleien vorbei. Diese sind im Winter alle geschlossen. Nur die ganz großen kirchlichen Stätten in Pamplona, Burgos, Najera etc. sind geöffnet.

Ab der zweiten Hälfte meiner Tour setzte dann auch in Spanien der Winter ein. Es war zwar mit Temperaturen zwischen -2 und +9 °C nicht besonders kalt, aber es gab tagelang Regen, auch strömenden Regen, zum Teil begleitet von heftigem Sturm. Über die Unwetter im nördlichen Spanien im Dezember 2019 wurde sogar in den deutschen Medien berichtet.

mit Regenschirm und Merino-Socken durch Galizien

Bei Regen benutze ich immer einen (Sturm-)Regenschirm. Ich habe 3 Stück davon verbraucht, da mir diese immer wieder aufgrund von Sturmböen umgeknickt und zerfleddert sind. Mit einem Regenponcho habe ich es auch versucht. Da bin ich leider noch nasser geworden, insbesondere die Beine und Schuhe. Ganz zu schweigen, dass man mit diesen Ponchos kaum etwas sieht, weil einem die Kapuze ständig über die Augen rutscht. Und von innen wird man auch noch nass.

Im Winter muss man damit klarkommen, dass an Regentagen die Schuhe jeden Tag nass, bzw. feucht werden, selbst die teuersten und besten Schuhe.

Mit konventionellen Mitteln, d.h. Ausstopfen der Schuhe mit Zeitung über Nacht, werden sie auch niemals ganz trocken, eine Restfeuchte bleibt immer. Hier empfehle ich Merino-Socken, die einem auch in feuchten Schuhen ein trockenes Gefühl vermitteln.

Wichtig ist auf jeden Fall warme Kleidung, am besten aus Merino, nicht aus Fleece. Merino hält unglaublich warm und man schwitzt nicht, d.h. man bekommt keinen nassen Rücken.

Das tagelange Laufen bei Regen schlägt einem durchaus aufs Gemüt. Nicht der Regen an sich, aber die Folgen, wie komplett aufgeweichte, matschige und überflutete Wege.

Wenn man bereits am Vormittag mit dem Fuß auf einen vermeintlichen Laubhaufen tritt, aber unverhofft bis zum Knöchel im Wasser steht und sofort spürt, wie das kalte Wasser in den Schuh läuft, können einem aus Verzweiflung schon mal die Tränen kommen.

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Winterlandschaft: Echte Schwierigkeiten

An mehreren Stellen stand der Camino einen halben Meter unter Wasser, bei gleichzeitiger Überflutung der angrenzenden Wiesen. Nur die lose aufgestapelten Natursteinmauern, die auf beiden Seiten den Camino begrenzen, schauten noch aus dem Wasser. Da ist guter Rat teuer.

Winter Sturzbach

Was nun? Schuhe und Hosen ausziehen und mit Badelatschen durch den recht tiefen Bach, d.h. Camino, waten? Bei 4 °C Wassertemperatur? Das würde ich vielleicht noch aushalten. Aber, wenn ich ausrutsche und mitsamt Rucksack im Wasser lande? Dann sind die ganzen Stempel im Pilgerbuch futsch! Die Kamera hinüber. Alle Klamotten im Rucksack nass.

Nein, es muss doch irgendeinen Weg geben. Die Pilger vor mir sind nicht zurückgekehrt, also muss es eine Möglichkeit der Überquerung geben… Gibt’s einen Trampelpfad? Sind Spuren zu erkennen?

Ich finde keine andere Möglichkeit als über die Natursteinmauer zu balancieren. Mich mit einem Teleskopstock abstützend, taste ich mich vorsichtig Schritt für Schritt über die wackligen Steine der aufgestapelten Mauer.

Nur nicht abrutschen! Wenn mir hier etwas passiert, findet mich heute niemand mehr.

Die anderen Pilger sind alle vor mir.

winter Camino Frances a-long-way-to-go

Geschafft. Gott sei Dank, jetzt kann ich den Weg fortsetzen. Es wird heute und morgen nicht die einzige derartige Gefahrenstelle bleiben.

Kontrastprogramm in Astorga

Kurz vor der Stadt Astorga (bei KM 261 vor Santiago) macht in der Pilgerherberge die Information die Runde, dass es dort ein Wellness – Hotel gibt. Ein Spa! Ein Schwimmbad! Vielleicht eine Sauna! Ein Bett mit frischer, glatt gebügelter Bettwäsche und große, weiße, kuschelige Handtücher?

Das Hotel Via de la Plata Spa Astorga ist auf Booking.com schnell gefunden. Tolle Fotos vom Schwimmbad, eine Sauna, 4 Sterne, der Preis ist moderat. Schnell ist der Beschluss gefasst. Ein Pilgerbruder und ich reservieren jeweils ein Zimmer. Badebekleidung ist mitzubringen. Die haben wir beide nicht dabei.

In Astorga, im Stadtzentrum, gibt’s zum Glück ein Sportgeschäft. Es öffnet erst ab 17 Uhr. Die Ladenöffnungszeiten in Spanien sind durchaus gewöhnungsbedürftig. Bruder Fedor und ich haben beim Einchecken ins Hotel die Spa-Zeit von 18 bis 19 Uhr zugeteilt bekommen.

Das könnte knapp werden mit dem Kauf der Badekleidung. Wir stürmen um 17 Uhr ins Geschäft, schnell 5 Badeanzüge anprobiert, einen nehmen, bezahlen und nichts wie zurück ins Hotel. Pünktlich um 18 Uhr sitzen wir mit neuer Badebekleidung in der Sauna. Nicht nackt, wie in Deutschland.

Ist das ein Gefühl! Diese Wärme! Man spürt, wie sich die strapazierten Muskeln langsam entkrampfen und entspannen. Herrlich!

Nun ab ins Sprudelbecken. Das kräftige Blubbern des warmen Wassers bei gedimmter Beleuchtung massiert herrlich den ganzen Körper. Dann noch den Wasserfall dazu schalten, der kräftig auf die Schultern trommelt und diese durchwalkt.

Die Stunde ist viel zu schnell vorbei. Wie gut fühlen sich die riesigen, weißen Handtücher an und schon geht es in den flauschigen, hoteleigenen Bademantel hinein.

Noch nie habe ich ein Spa so genossen, wie hier auf dem Camino.

Na, Ihr Luxuspilger? Macht Ihr Urlaub vom Urlaub? Diese Sprüche nimmt man gern mit einem wissenden Schmunzeln in Kauf, habe ich doch diesen Ausflug in die Zivilisation sehr genossen.

Mal ganz im Ernst, gerade im Winter, ist es eine gute Idee, zwischendurch einen Ruhetag in einem Hotel einzulegen. Danach fühlt man sich wieder so viel besser. Pilgern enthält ja nicht unbedingt die Verpflichtung zur Armut und Askese.

Die Mythen des Camino

Und was ist nun mit den ganzen Mythen, die sich um den Camino ranken? Dass man sich auf der Pilgerreise verändert, Stichwort „Waschmaschine für die Seele“? Die Wunder auf dem Camino?

Die letzten beiden Erfahrungen sind beim Winterpilgern wahrscheinlich nicht anders als beim Sommerpilgern. Probiert es doch selbst aus!

Es heißt ja, das erste Drittel des Caminos von St. Jean bis Burgos ist der physisch anstrengende Teil. Das kann ich bestätigen. Man muss schließlich die Pyrenäen überwinden und sich erst Kraft und Kondition zulegen.

Der Abschnitt von Burgos bis Astorga stellt den Pilger dann mental auf die Probe. Tagelanges Gehen auf einem schnurgeraden Camino neben der lauten Bundesstraße bei Regen und ohne Landschaft ist nicht ohne. Da hilft nur der Blick nach innen, man fängt unbewusst an zu meditieren, man blendet die Umwelt aus.

Cruz de Ferro

Ab Astorga kommt nun der „spirituelle Teil“ des Caminos. Der Klassiker ist hier wohl das berühmte „Cruz de Ferro“, wo der Pilger einen Stein ablegt, um damit die Schmerzen seiner Pilgerreise (und seines bisherigen Lebens) hinter sich zu lassen. Aufgrund des strömenden Regens und weil ohnehin nur weniger Pilger unterwegs sind, war ich ganz allein dort. Ich habe dort einige Zeit verbracht. Für mich war das Ablegen des Steins ein sehr emotionaler Moment.

Die Wunder kommen von den Pilgern selbst

Und die Wunder auf dem Camino?

Die Wunder kommen von den Pilgern selbst.

Während des gesamten Caminos hatte ich Ausschau gehalten nach Toblerone-Schokolade. Ich hatte einen mächtigen Appetit darauf. Toblerone hatte mir über die Pyrenäen geholfen. Nachschub? Nicht zu bekommen.

Vier Tage vor Santiago bin ich abends in der Herberge am Kramen in meinem Rucksack und… halte eine kleine Stange Toblerone in der Hand. Maßlose Überraschung meinerseits! Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich meinen Pilgerbruder Rolf schmunzeln. Rolf? Hey, gibt`s denn sowas, Rolf? Ist die Toblerone von Dir? Vor Freude breche ich fast in Tränen aus.

Pilger im Nebel

Rolf war in einer Tankstelle und hatte beim Hinausgehen die Toblerone entdeckt. Ich fand noch eine weitere kleine Stange in meiner Jackentasche und noch eine unter meinen Klamotten auf dem Bett.

Das ist mein ganz persönliches Caminowunder. Einen meiner glücklichsten Momente.

Ihr mögt jetzt vielleicht denken „wie trivial“.

Was von Bedeutung ist

Es ist Teil der Camino-Erfahrung, dass plötzlich ganz vermeintlich kleine Dinge wichtig werden. Ich war auf dem Camino auf ganz wenige, aber wichtige, existenzielle Fragen reduziert. Mit folgender Priorität:

  • Bin ich warm?
  • Tut mir was weh?
  • Bin ich trocken?
  • Habe ich Hunger oder Durst?
  • Wo finde ich eine geöffnete Bar, um einen Kaffee zu trinken und was zu essen?
  • Wird heute Abend in der Herberge die Dusche richtig heiß sein?

Das waren die wichtigen Fragen, die während meines Caminos übrig bleiben. Alle wirklich schwierigen Fragen, wie z.B.: „Wie will ich mein Leben in den nächsten Jahren gestalten?“, treten irgendwann in den Hintergrund.

Im Winter spürt man ganz deutlich, wie stark man vom Wetter abhängt. Man fühlt mit eigener Haut, wie gewaltig die Natur ist, viel stärker als man selbst.

Wie glücklich ist man, wenn es aufhört zu regnen. Unbeschreibliche Glücksgefühle, wenn nach dem Regen sogar die Sonne scheint.

Man wird von Sturmböen auf die Straße geschleudert, obwohl man mit 10 kg Rucksack beschwert ist. Ich lief durch dicken Nebel und bewunderte, wie sich der Horizont im Nebelmeer auflöst. Man freut sich darüber, wie Raureif Pflanzen und Bäume in zauberhafte, filigrane, weiße Gebilde verwandelt. Ich bestaunte hin und wieder einen dramatischen Sonnenaufgang. Und ich ertrug demütig stundenlangen Regen. Und heulte irgendwann einfach mit.

Habe ich es bereut, im Winter gepilgert zu sein? Nein, Im Gegenteil. Es war genau meine Jahreszeit.

Es waren sehr wenige Pilger unterwegs, ca. 10 bis 15 Leute gleichzeitig mit mir. Unterwegs wird man ab und zu von einem anderen Pilger überholt, aber sonst ist man tagsüber ganz allein. Das hatte ich gesucht, Ruhe und Einsamkeit. Fast jeder läuft für sich allein.

Abends, in der Herberge hat man ja wieder in Gesellschaft. Dort ist eine Stimmung wie im Schullandheim. Ich fand das super.

Ich mag den Herbst und Winter und die Lichtstimmung während dieser Zeit.

Ankunft in Santiago de Compostela

Genau an Heiligabend bin ich in Santiago angekommen, zur besten „Bescherungszeit“. Man kommt auf den Vorplatz und ist einfach nur überwältigt vom Anblick der gewaltigen Kathedrale.

Die Pilger, die sich auf dem Vorplatz befinden, kennt man alle. Man fällt sich in die Arme. Hier treffe ich sogar Heedo und Cyrille aus Roncesvalles wieder. Umarmungen, Tränen der Freude, Fotos vor der Kathedrale. Und schon treffen weitere Pilgerbrüder und -schwestern ein. Auch, wenn man sie bisher nicht oft gesehen hat, man fällt sich um den Hals.

Nun bin ich da. Ich bin so lange gelaufen und doch …, so ganz plötzlich bin ich am Ziel. Zu schnell?

Die Compostela hole ich noch schnell, kurz vor der Schließung, im Pilgerbüro ab. Hier treffe ich auf Rolf. Wir haben beide Hunger.

In den Pilgerklamotten, so wie wir sind, gehen wir zusammen, gleich hier am Vorplatz der Kathedrale in ein superschickes Restaurant, um unseren „Zieleinlauf“ zu feiern. Es gibt ein Pilgermenü, wie im Sternerestaurant, mit Pulpo (Tintenfisch, lokale Delikatesse) und dazu einen leckeren, lokalen Weißwein, Albariño. Wir sitzen am elegant gedeckten Tisch und strahlen um die Wette! Was für ein Weihnachten, was für ein Abschluss einer großartigen Pilgertour!

Natürlich möchte ich noch erwähnen, dass ich am nächsten Tag, am ersten Weihnachtsfeiertag, früh morgens ganz allein in der Kathedrale war, um den Namensgeber des Wegs, den heiligen Jakobus, d.h. seine überlebensgroße Statue, ganz innig zu umarmen.

Ich habe es bis zu Dir geschafft, mein Freund!!

Santiago im Winter

Tipps für den Winter:

  1. Der Rucksack darf nicht mehr als 10 kg wiegen, egal wie, das ist das Limit. Ich habe tagelang gepackt und gewogen und immer weiter aussortiert, zum Schluss noch einen neuen, gut sitzenden Trekkingrucksack gekauft – für diese Entscheidung habe ich mir täglich gratuliert.
  2. Pilgern ist teurer als gedacht. Im Schnitt habe ich 40 bis 50 € pro Tag ausgegeben.
  3. Ganz wichtig ist ein zweites Paar Schuhe (z.B. Turnschuhe), um bei den unvermeidlichen Fußproblemen der ersten Wochen wechseln zu können. Mir hat auch das Tauschen der Einlagen zwischen den Paaren geholfen.
  4. In den Herbergen schlafen viele Leute gemeinsam in einem Raum, eine Stirnlampe mit Rotlicht ermöglicht das Packen des Rucksacks ohne andere Pilger durch das Licht zu stören.
  5. Die Wanderschuhe sollten wirklich gut und lange (!!!) eingelaufen sein.
  6. Wer die Zeit hat sollte einige Ruhetage einplanen, 6 Tage wurde die Welt geschaffen, am 7. Tag ruhte auch der Herr!
  7. Und jetzt los, die Etappen sind so bemessen, dass es jeder einigermaßen Gesunde schafft, viel Erfolg und „Buen Camino!“

Weitere Tipps für das Pilgern im Winter

Über die Autorin:

Winter Camino Frances Beate ZaschkeBeate Zaschke unternimmt gern Trekking- und Radtouren und hat dabei immer ihre Kamera mit. So wurde aus dem Hobby Fotografieren schon eine Leidenschaft. Ihre Lieblingsmotive sind Landschaft und Architektur.

Außerdem fasziniert sie der morbide Charme von Lost Places, den sie versucht, mit ihren Aufnahmen einzufangen.

Fotosammlung von Beate Zaschke

17 Kommentare
    • Peter Kirchmann
      Peter Kirchmann sagte:

      Liebe Nina,
      deine Frage nach den Kosten kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Frage ist jedoch immer sehr individuell und personenabhängig. Z.B. kannst du bei guter Planung und bei Übernachtungen in Pilgerherbergen pro Tag zwischen 5-12 EUR für die Übernachtung einkalkulieren. In Hotels oder Pensionen natürlich mehr. Für ein Pilgeressen oder selbstzubereitete Mahlzeit kannst du ebenfalls zwischen 5-8 EUR kalkulieren. Ein Pilgermenue in einem Restaurant ab ca. 13 EUR aufwärts. Mehr dazu kannst du hier nachlesen, ich hoffe das hilft dir weiter:

      https://jakobsweg-lebensweg.de/kosten/

      Antworten
      • Beate Zaschke
        Beate Zaschke sagte:

        Liebe Nina, ich habe mich selbst gewundert, dass es so teuer ist. Bei mir sind folgende Kosten zusammen gelaufen, das deckt sich mit dem, was Peter geantwortet hat:
        5 – 15 € Übernachtung in der Herberge (durchschnittlich 10 €)
        5 – 8 € Wäsche waschen in der Herberge (Eine Füllung Waschmaschine und eine Füllung Trockner kosten je (!) 2,50 bis 4 €. Ich habe mindesten jeden dritten Tag gewaschen. Ich habe meine Wäsche meist mit einem anderen Pilger zusammen getan, um Geld zu sparen. Wäsche waschen im Waschbecken wird nicht gern gesehen.)
        4 – 5 € Frühstück in einer Bar (Die Herbergen bieten meist kein Frühstück an. Wenn doch, bekommt man für 5 € nur ein paar Zwiebacks und löslichen Kaffee.)
        5 – 6 € Mittagessen in einer Bar (z.B. Linsensuppe oder belegtes Baguette mit Getränk)
        ggf. 6 € Eintritt für Kirchen und Klöster. Man bekommt zwar eine Ermäßigung als Pilger, aber es wird fast immer Eintritt genommen.
        11 – 13 € Pilgermenü, bestehend aus Vorspeise (einfache Suppe), Hauptgang (immer Pommes und irgendein Fleisch oder Fisch), Nachspeise, z.B. Pudding. Wein gehört immer dazu oder Wasser. Das ist das preisgünstigste Essen, dass man als Pilger bekommen kann, insbesondere, weil die Getränke dabei sind. Besonders toll schmeckte es meist nicht, aber es macht satt und der Wein war immer gut.
        5 – 10 € Proviant (Kekse, Schokolade, Wasser, Banane, Cola). Kauft man aber nicht jeden Tag.
        ggf. 2 – 4 € für Getränke in der Herberge (Bier, Cola in geselliger Runde am Abend).
        Am Ende ergibt das zusammen am Tag 40 bis 50 €, mal mehr, mal weniger.

        Antworten
  1. Martitna Lassacher
    Martitna Lassacher sagte:

    Liebe Beate, dankeschön für diesen Bericht. Ich bin den Camino Francés letztes Jahr im März und April gegangen und war überwältigt. Dein Bericht hat mir Lust gemacht, das auch im Winter mal auszuprobieren. LG. Ma.

    Antworten
    • Beate Zaschke
      Beate Zaschke sagte:

      Lieben Dank, Martina, es freut mich, dass ich Dich auf das Winterpilgern neugierig gemacht habe. Wünsche Dir auf jeden Fall einen Buen Camino! LG Beate

      Antworten
  2. Isabell
    Isabell sagte:

    Hallo. Ich möchte in diesem Jahr den Jakobsweg gehen. Meinen Pilgerpass habe ich schon. Nun mache ich mir etwas Sorgen, alleine als Frau zu gehen. Da ich mich dummerweise im Netz darüber belesen habe. Die Dame, die 2015 ermordet wurde, die sexuellen Übergriffe an Frauen, die einfach angesprochen werden oder begrabscht werden. Kann einem überall passieren, ja. Aber wenn man so ganz alleine ist?! Bin normalerweise kein ängstlicher Mensch und ich denke, ich kann mich gut wehren, verbal und körperlich. Nun bin ich etwas am zweifeln… :(

    Antworten
    • Beate Zaschke
      Beate Zaschke sagte:

      Liebe Isabell,
      wegen der Sicherheit, allein, als Frau, musst Du Dir keine Sorgen machen. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Von den Organisatoren des Camino wird sehr auf Sicherheit geachtet, ist doch der Camino dort eine riesige Einnahmequelle, die man nicht aufs Spiel setzten will. Am Camino habe ich häufig Polizeipräsenz gesehen, z.B. auf Parkplätzen, die direkt am Camino liegen. Oder vorbei fahrende Polizeiautos in den Dörfern, wo der Camino durchführt. Viel mehr Polizeipräsenz als in Deutschland. In den Herbergen werden immer sehr sorgfältig Deine Personalien aufgenommen bzw. Dein Personalausweis fotografiert. Falls Du abhanden kommen solltest, wäre sofort feststellbar, wo Du zuletzt übernachtet hast. Die größte Sicherheit bieten Deine Pilgerbrüder und -schwestern. Man tauscht die Tel.Nr. aus und ist permanent per WhatsApp mit den anderen in Kontakt, insbesondere, wenn man allein läuft. So wissen die anderen immer, wo man ist. Ich bin kein einziges Mal in Spanien belästigt worden, keine Sprüche, nichts. Ich bin allein in Bars rein, kein Problem. Ich war als Pilger erkennbar und alle waren sehr freundlich zu mir. Wichtig ist, dass Du ein Smartphone hast, ein Powerpack, genug Datenvolumen und die GPS-Tracks des Camino auf dem Handy. Dann noch eine Camino-App runterladen (z.B. „Buen Camino“), weil sie wichtige Infos zu Übernachtungen etc. liefert.
      Buen camino, Beate

      Antworten
  3. Gabi Dooley
    Gabi Dooley sagte:

    Wunderschöner Bericht; hat mir sehr gut gefallen! Beschreibung von Umgebung und Erlebnissen, einfach klasse. Konnte mich sehr gut in die Stimmung hineinversetzen.
    Vielen Dank!

    Antworten
    • Beate Zaschke
      Beate Zaschke sagte:

      Vielen Dank, Gabi, ich freue mich, dass ich Dich mit meinem Erlebnisbericht ein wenig auf den winterlichen Camino mitnehmen konnte. LG Beate

      Antworten
  4. Clemens,Gerd
    Clemens,Gerd sagte:

    Danke für den wirklich guten Bericht. Er ist wirklich schön geschrieben und man konnte sich so manche Szenen auch so richtig vorstellen. Danke

    Antworten
    • Beate Zaschke
      Beate Zaschke sagte:

      Danke lieber Gerd, ich freu mich, dass es mir mit meinem Bericht gelungen ist, Dir ein wenig zu verdeutlichen, wie man sich auf dem Camino fühlt.
      Buen Camino, Beate

      Antworten
  5. Reni Hofen
    Reni Hofen sagte:

    Du hast einen sehr schönen Bericht geschrieben. War mit meinem Mann im Oktober 2017 auf dem Weg . Würde mir den Weg im Winter nicht zutrauen. Ich habe Respekt, wie du das geschafft hast.

    Antworten
  6. Michaela
    Michaela sagte:

    Hallo zusammen, hallo Beate,

    Zunächst vielen Dank für den schönen Bericht zum Winterpilgern!

    Meine Anmerrkung zur Ausrüstung im Winter:
    Ich nehme gerne eine Thermoskanne statt Wasserflasche mit, und mach mir morgens in der Herberge da einen heissen Tee rein für den Tag.
    Zum zweiten : Gerade im Winter möchte ich auf keinen Fall auf meine Gamaschen verzichten.

    Zu den Kosten kann ich Beate bestätigen, die waren auch bei mir im Winter immer etwas höher. Erstens zum Mittag statt Rucksackvesper in die Bar, auch zumAufwärmen, zum zweiten öfter Waschmaschine und Trockner was sonst imSommer in der Regel mit Handwäsche und trocknen auf der Leine erledigt wird.

    Mit Regenschirm habe ich auch keine guten Erfahrungen gemacht eben wegen der Windproblematik – Rückkehr zum Poncho, leider

    BC Michaela

    Antworten
  7. Heidi
    Heidi sagte:

    hallo beate,
    dein bericht ist wirklich toll! ich wollte an 04.04.20 den camino portugues laufen, leider hat mir der corona-virus einen strich durch die rechnung gemacht! ich bin lungenkrank und traue mich nicht! ich ganz schön traurig und hoffe so sehr das ich im mai oder juni meinen weg antreten kann!
    liebe grüße
    heidi

    Antworten

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