Trauer verarbeiten auf dem Jakobsweg

Kann man Trauer verarbeiten auf dem Jakobsweg?

Fragt man Pilger nach ihrer Motivation warum sie den Jakobsweg gelaufen sind oder laufen möchten, kommt häufig auch die Antwort: „einen Verlust verarbeiten zu wollen“. Hierüber hat Pilgerin Simone Ganz einen wertvollen Gastbeitrag für euch geschrieben:

.

Die Motivation den Jakobsweg zu laufen ist so vielfältig wie wir Menschen selbst.

Wahrscheinlich steckt hinter jedem Aufbruch etwas von:

  • Seinem Leben eine neue Richtung zu geben
  • Zu Sich selbst finden
  • Auf ungeklärte Fragen Antworten finden

Die Trauer im Gepäck

Wanderer Trauer verarbeiten

Oftmals kann auch ein herber Verlust, eine Krise oder der Tod eines nahestehenden Menschen der Auslöser sein, sich auf den Weg zu begeben. Verknüpft mit der Hoffnung, die Traurigkeit, Hilflosigkeit oder Perspektivlosigkeit auf dem Weg zu lassen, loszulassen und etwas leichter zurückzukommen.

Wieder neuen Lebensmut zu finden, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen ist gerade in dieser Zeit eine große Herausforderung.

Das sich Aufmachen ins Unbekannte, reduziert auf das Notwendigste, die Einfachheit, Stille und die Natur können hierbei helfen, der Trauer Raum zu geben.  Außerdem kann die Trauer – auf eine andere Art und Weise als im Alltag- voll und ganz wahrgenommen nehmen.

Meist wandern wir dann los mit viel zu viel Gepäck, sei es im Äußeren wie im Innern. Ballast, den wir schon nach wenigen Kilometern körperlich spüren. Gerade am Anfang des Weges werden wir mit unserem Körper konfrontiert.

Der Rucksack liegt schwer und übermächtig auf unseren Schultern. Die Beine und Füße werden schwer, bis zur Herberge dauert es doch länger als gedacht. Hunger und Durst überkommt uns, es regnet vielleicht und wir laufen frierend und durchnässt durch den Matsch, alleine.

Innerer Schmerz spüren

Trauer verarbeiten Schmerzen

All das sind körperliche Erfahrungen, bei denen wir uns selbst wieder spüren. Der körperliche Schmerz, das Unbehagen nimmt zu und kann uns so eine Brücke sein zu unserem inneren Schmerz, den wir bis dahin vielleicht nicht zulassen wollten oder konnten.

Am Anfang kommt uns unser Rucksack meist unendlich schwer und lästig vor, doch je länger wir gehen Schritt für Schritt in unserem eignen Rhythmus, umso leichter wird er und wird ein Teil von uns.

Gerade die täglichen Abläufe auf dem Jakobsweg wie: früh aufstehen, Rucksack packen, frühstücken, loslaufen, andere Pilger auf dem Weg treffen, nicht wissend ob ich sie nochmals wieder sehe. 

Pausen machen, Auftanken, zur nächsten Pilgerherberge laufen, Duschen, Essen alleine oder mit anderen Pilgern, Erschöpfung, Schlafen können sehr hilfreich sein um die Trauer zu verarbeiten.

Dieser alltägliche Rhythmus in Verbindung mit dem stetigen Gehen hilft uns, den Kopf frei zu bekommen und die auftauchenden Gefühle zuzulassen.

Die Aufmerksamkeit auf die kleinen schönen Dinge zu richten und uns daran zu erfreuen.

Tränen dürfen geweint werden

Es kann auch Momente geben, in denen uns der Verstorbene ganz nah ist, wir eine tiefe Verbundenheit spüren.

In einem Regenbogen, einem Schmetterling, der uns ein Stück des Weges begleitet, das Wolkenspiel können für uns Zeichen sein für seine Präsenz und der herbe Verlust tritt deutlich zu Tage.

Dieses oft aufwühlende Gefühlschaos schwankend zwischen tiefer Traurigkeit, Verbundenheit, Liebe, Erinnerungen, Einsamkeit kann sich im Gehen zeigen.

Die Tränen dürfen geweint werden, sie dürfen ungehemmt fließen bis sie von selbst wieder trocknen und genauso kann das Lachen und die Freude in vielen Momenten auftauchen.

Jakobsweg als Kraftquelle, um die Trauer zu verändern

Trauer verarbeiten Kraftquelle

Trauer wirkt enorm auf den Körper ein und belastet das ganze System, vor allem wenn diese unterdrückt werden muss, um funktionieren zu können. Deshalb braucht es Kraft und Stärke, körperlich als auch mental, um diesen Gefühlen standhalten zu können.

Diese Kraft kann der Jakobsweg schenken.

Gerade auch dann, wenn das gesteckte Ziel erreicht wurde, kann dies die Motivation stärken wieder einen Sinn im Leben für sich zu finden, die eigene Kraft in sich zu spüren.

Am Ende des Weges ist die Last geringer, sie ist nicht weg, aber man weiß sie besser zu tragen, besser mit ihr umzugehen.

Diese Möglichkeiten kann das Gehen auf dem Jakobsweg in dieser schwierigen Situation eröffnen.

Ein persönliches Ritual

Trauer verarbeiten Ritual

Manche Pilger nehmen etwas von dem Verstorbenen mit auf dem Weg, um es an einer bestimmten Stelle auf dem Weg, in O Cebreiro am Cruz de Hierro, in Santiago oder Finisterre abzulegen – loszulassen. Auch dies kann ein sehr unterstützendes Ritual sein, um die Trauer zu verändern.

Trauer: Wann wird es besser?

Wann wird es besser, fragen sich Viele. So individuell wie die Menschen sind, so individuell ist der Umgang mit Trauer. Jeder hat seine eigene Art die Trauer zu verarbeiten. Für Manche kann eine Trauerbegleitung hilfreich sein.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie für sich einen Weg finden mit Ihrer Trauer zu leben und das Leben für Sie wieder ein gutes Leben wird, anders gut. Hierbei kann ich Sie auch gerne ein Stück begleiten.

Herzlichst,

Ihre Simone Ganz

über die Autorin:

Durch die Trauer Simone GanzSimone Ganz hat ihre Kindheit in Freiburg verbracht, Jura studiert und vier Jahre als Rechtsanwältin gearbeitet.

Durch den Tod ihr nahestehender Menschen und durch andere tiefgreifende Verluste hat sie erfahren, was Trauerarbeit bedeutet und wie hilfreich es ist, wenn jemand diesen Prozess begleitet.

Simone Ganz ist geprüfte Psychologische Beraterin (VFP), Systemische Beraterin, Trauerbegleiterin und ehrenamtliche Hospizbegleiterin.

Webseite von Simone Ganz: Durch-die-Trauer.de

6 Kommentare
  1. Bruno
    Bruno sagte:

    Hallo Simone;
    besten Dank für Deine Gedanken!
    Wir können sie voll bestätigen!
    Wir haben vor 13,5 Jahren unseren damals 29-jährigen Aik-David durch ein Fremdverschulden im Straßenverkehr verloren (nachdem wir 1974 schon unseren Kai-Joshua durch Nachlässigkeit in der DDR/Geburtsklinik verloren hatten)
    Seit 2006 pilgern wir jährlich auf dem verschiedenen Caminos in Portugal/Spanien.

    Der jährliche Camino ist die einzige wirkliche Kraftquelle für uns, weil wir dort wieder vereint sind.

    Ultreia 👣👣👣

    Die Peregrinos Bruno & Olga aus Freiberg/Sachsen👫

    Antworten
    • Simone
      Simone sagte:

      Liebe Olga, lieber Bruno,
      herzlichen Dank für eure Offenheit. Es gibt keine wirklich tröstenden Worte für das, was euch widerfahren ist- zwei Kinder zu verlieren.

      Und dieser Verlust wird auch immer bleiben, beide sind weiterhin Teil eures Lebens. Und doch habt ihr für euch gemeinsam einen Weg – im wahrsten Sinne des Wortes- gefunden. Das ist eine unglaubliche Leistung von euch!

      Es ist schön, dass der Jakobsweg eure Kraftquelle geworden ist, ihr gerade dort eure Verbundenheit so spüren und leben könnt – wieder vereint seid.
      Ich wünsche euch von Herzen weiterhin diese Kraft und diese besonderen Momente.

      buen camino
      Simone

      Antworten
  2. Gerd
    Gerd sagte:

    Ich kann mich sehr mit den Ausführungen von Simone identifizieren. Fast alles von dem was sie sagt habe ich auch auf dem camino so empfunden.
    ultreia und buen camino
    VG
    Gerd

    Antworten
  3. Gerhard Kahl
    Gerhard Kahl sagte:

    Dieser Artikel hat mich sehr berührt und meine Emotionen in eine Lage versetzt, die ich glaubte, schon überstanden zu haben.Man lernt in solchen Situationen , wie wenig man doch sein Innerstes überhaupt begreift. Mittlerweile aber
    lasse ich “ Ihm “ freien Lauf und fühle mich danach befreit .Trotz alle dem bin ich oft im Friedwald und halte Zwiesprache
    mit meiner lieben Frau, die nach 50 Jahren einen anderen Weg gehen musste.
    Der Artikel hat auf mich gewirkt wie ein “ Reaktionsbeschleuniger „, meine Pilgerfahrt im Frühjahr 2020 zu realisieren.
    Herzlichen Dank dafür ………………../G.Kahl

    Antworten
    • Simone
      Simone sagte:

      Lieber Gerhard Kahl,
      Danke für Ihre berührenden Worte und Offenheit.
      Ja es gibt immer wieder Auslöser, die uns ganz tief in das Gefühl, in die Trauer bringen. Das ist auch in Ordnung. Es ist sehr mutig von Ihnen Ihren Gefühlen diesen Raum zu geben und die Befreiung zuzulassen. Die Verbundenheit und Nähe zu Ihrer Frau immer wieder aufzusuchen, ist hierfür so heilsam.

      Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie auf Ihrer Pilgerfahrt im Frühjahr das für sich finden, was Ihnen gut tut.

      buen camino
      Simone

      Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.