Von Leon nach Santiago: Ein neuer Lebensabschnitt beginnt

Gastbeitrag von Ronald Stubbings

Ronald beschreibt sehr schön, was einem als PilgerIn an wunderbarem aber auch schwierigem erwartet. Vor allem macht sein Bericht auch wieder Lust aufs Pilgern.

Herzlichen Dank an Ronald, dass wir mit seinem Gastbeitrag auch gleichzeitig in die neue Pilgersaison gehen können. Die Grenzen in Spanien sind ab 09.Mai 2021 wieder geöffnet. Das Pilgern kann behutsam beginnen. Vielleicht von Leon nach Santiago?

Hier sein spannender Gastbeitrag:

EIN NEUER LEBENSABSCHNITT: MEIN CAMINO NACH SANTIAGO DE COMPOSTELA

Ich habe im August 2018 mein Berufsleben 71jährig an den Nagel gehängt. Mich hat aber der Gedanke belastet, wie ich das Businessdenken, die ständige Optimierung, Schnelligkeit und all das aus dem Kopf bringe. Was könnte ich machen? Der erlösende Gedanke kam dann von meinem Sohn Michael – geh doch den Jakobsweg und versuche damit all das hinter dir zu lassen. Er ist 2 Jahre vorher den gesamten Camino Frances nach Santiago de Compostela gegangen. Das habe ich mir in meinem Alter nicht mehr zugetraut aber zumindest eine namhafte Teilstrecke nach Santiago de Compostela wollte ich pilgern.

Gesagt, getan, schon ging es los mit den Vorbereitungen. Was brauche ich an Ausrüstung, wie organisiere ich meine Pilgerfahrt und wo krieg ich die nötige Kondition her? Da ich die Entscheidung zu pilgern schon im März getroffen hatte, blieb mir fast ein halbes Jahr um Kondition aufzubauen. Also her mit dem Rucksack und fast täglich auf den Trail. Später, am Jakobsweg war ich glücklich mich so gut vorbereitet zu haben.

BEGINN VOR DER KATHEDRALE VON LEON

Der Termin für den Start am 16. September rückte immer näher und der Rucksack wird testweise gepackt. Natürlich viel zu schwer, sollte nicht mehr als 14 kg haben. Also noch dies oder das ausräumen und letztlich auf 12 kg abspecken.

Leon nach Santiago

Ich habe mich entschlossen das letzte Drittel des Camino Frances nach Santiago de Compostela zu pilgern. Das sind auch noch 280 km aber das habe ich mir zugetraut. Also bin ich nach Leon, der Hauptstadt von Kastilien, geflogen. Nach einer abendlichen Besichtigung des wunderschönen Zentrums von Leon, mit seiner beindruckenden gotischen Kathedrale aus 1205 fuhr ich nach Rabanal del Camino, den Startpunkt meiner Pilgerreise. Ich habe gerade diesen Ort auf Empfehlung von Michael, wegen seiner alten Kirche, seinem Kloster und seiner Spiritualität, gewählt. Nach einem Gebet und der Segnung durch Pater Pius gings ab auf den Jakobsweg.

MEIN GEBETSSTEIN AM CRUZ DE FERRO

Schnellen Schrittes durch das Geisterdorf Foncebadon hinauf zum ersten Höhepunkt – dem Cruz de Ferro, einer hohen Säule mit Kreuz auf einem Berg von Gebetssteinen. Ich habe dort auch meinen, noch zu Hause bemalten Gebetsstein abgelegt und dazu das Cruz de Ferro Gebet gesprochen:

„Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein.“

Nach einer kurzen Pause gings schnellen Schrittes weiter hinauf zum höchsten Punkt meiner Pilgerreise – dem Monte Irago mit den Collados de los Antennas auf dem Gipfel.

DER PREIS FÜR MEINEN ÜBERMUT

Beim Abstieg vom Monte Irago kam die Qual als Preis für meinen Übermut mit den anderen Pilgern mithalten zu wollen. Ich war vom Aufstieg ziemlich erschöpft und habe mich auf einem Stein etwas ausgeruht. Beim Aufstehen hatte ich mir mit einer Drehbewegung mein Kreuz verrissen und hatte sofort starke Schmerzen.

El Acebo Lebensabschnitt

Ich war erst am Anfang meines Jakobswegs und schon verletzt – was sollte ich jetzt machen – ich konnte nur mehr ganz schief mit Schmerzen gehen. Wie ich so gebeugt dastehe sprachen mich ein paar Pilger an, ob sie mir helfen könnten – mein Zustand war ja überdeutlich zu sehen.

Mit Hilfe dieser wunderbaren Peregrino Freunde habe ich mit Mühe den steilen und steinigen Abstieg nach El Acebo geschafft: Harvey aus Australien hat mich gestützt, Ronni aus Holland und seine Partnerin Kate haben abwechselnd meinen Rucksack zusätzlich zu ihren eigenen getragen. Der Arzt Frank aus Nicaragua hatte mir gleich gesagt, dass das ein Lumbago ist und ins Spital gehen soll.

Meggie aus Australien hatte inzwischen einen Heilmasseur in El Acebo aufgetrieben, der mich mit einer wunderbaren Ayurveda Massage wieder so halbwegs auf die Beine gebracht hat.

DIE ERSTE LEKTION DES CAMINOS

Warum habe ich mir wohl gerade am ersten Tag eine Lumbalgie zugezogen? Immer noch in Leistungsdenken, Schnelligkeit, mangelnder Achtsamkeit, an die Grenzen gehen wie im gerade vergangenen Berufsleben? Die erste Lektion des Camino habe ich verstanden….

Die starken Schmerzen sind am nächsten Tag, am Weg von Molinaseca nach Ponferrada wiedergekommen. Dort habe ich das Hospital de la Reina, ein katholisches Privatspital gefunden, welches Pellegrinos seit 1498 kostenlos behandelt. Ich erhielt dort Spritzen und Tabletten und den Auftrag etwas leiser zu treten. Trotzdem habe ich mir die berühmte und wunderschöne Templerburg aus 1282 genau angeschaut – einer der kulturellen Höhepunkte auf dem Camino.

Ponferrada Templerburg

Am nächsten Tag in Villafranca del Bierzo angekommen und schon wieder Schmerzen. Im Centro Medico wieder kostenlose Untersuchung und zusätzliches Schmerzmittel verschrieben was kurzfristig geholfen hatte. Die täglichen abendlichen Telefonate mit meiner lieben Frau Christa Maria haben mir über die schlimmste Phase hinweggeholfen und mich den ganzen Weg hinweg begleitet.

O CEBREIRO: KÖRPERLICH ANGESCHLAGEN – INNERLICH GLÜCKLICH

Dann gings weiter über mehrere Ortschaften wie Trabadelo und Vega de Valcarce zum Aufstieg auf den zweithöchsten Berg auf meinem Pilgerweg, den O Cebreiro. In dem winzigen Pilgerdorf mit 15 Häusern, steht die älteste Kirche am Camino Frances – die Iglesia Maria a Real aus dem 9. Jahrhundert. Ursprünglich gab es hier ein Pilgerhospital und ein Kloster für die Betreuung der Pilger. In der Kirche befindet sich eine romanische Marienfigur „Santa Maria la Real“ aus dem 12. Jh.

Eine ganz einfache vorromanische Kirche und mit Reliquien des Hostienwunders aus 1486 ausgestattet. Bei einem einfachen aber wunderbaren Pilgergottesdienst und dem Pilgersegen war ich so berührt, dass Tränen geflossen sind – und ich war nicht der Einzige.

O Cebreiro Neuanfang

Ich war erstmals am Jakobsweg durch dieses starke spirituelle Erlebnis im Wechselbad der Gefühle – körperlich angeschlagen und innerhalb glücklich. Nachdenklich gings ab in die Herberge.

Nächtliche Übelkeit mit Magenschmerzen und einer schlaflosen Nacht. Medikamente sofort abgesetzt und im nächsten Städtchen in Triacastela Magenschutz und Naturmittel besorgt.

PFERDEPILGER UND COMPOSTELA

Überraschendes Erlebnis in Triacastela – ich saß an einem Tisch im Freien zum Mittagessen – plötzlich Pferdegetrappel und vorbei zog eine Reiterkolonne. Auch so kann man pilgern… Nach einer ruhigen Nacht gings weiter auf meinem Weg über San Xil nach Sarria. Die Besonderheit dieses Städtchens ist, dass ab hier pilgern nach Santiago als offizielles Pilgern gilt und am Ziel mit der „Compostela“ belohnt wird.

EINLASS IN DIE WEHRKIRCHE VON PORTOMARIN

Am nächsten Tag gings weiter nach Portomarin. Dieses Städtchen hat eine Besonderheit aufzuweisen. Es ist eine wichtige Pilgerstation an einer Brücke über den Fluss Miño und wurde in den 1960er Jahren komplett demontiert und auf dem Hügel nebenan 100 m höher neu aufgebaut. Unter den umgesetzten Gebäuden befindet sich die Kirche Iglesia de San Nicolas aus dem 12. Jahrhundert.

Wehrkirche Portomarin

Das mit Zinnen gekrönte, einschiffige Gotteshaus wurde durch die Ritter von Santiago als Wehrkirche und Burg zum Schutz des Jakobswegs gebaut, dessen militärischer Charakter eine Entsprechung in der Architektur der Kirche findet. Dieses riesige Gebäude wurde Stein um Stein unten abgebaut und oben im Originalzustand neu errichtet. Bei Niedrigwasser, so wie an diesem Tag, ragen immer noch Ruinen aus dem Wasser – ein gespenstischer Anblick.

Ich wollte an einem Pilgergottesdienst teilnehmen, aber ein Schild an der Türe wies gerade den heutigen Tag als Sperrtag aus. Traurig ging ich weg und drehte eine große Runde um Portomarin, als ich wieder an der Iglesia vorbeikam – und siehe da, die Pforte war offen. Es war als wäre ich erhört worden…

FRÜHER AUFBRUCH IM MONDSCHEIN

Am Weg von Portomarin nach Palas de Rei bin ich das erste Mal ohne Medikamente schmerzfrei. Je näher ich nach Santiago komme je besser ging es mir und desto leichter fiel mir das Pilgern. Das war sicher kein Zufall. Es zog mich einfach magisch an.

Frühmorgendlicher Aufbruch bei Dunkelheit und Mondschein. Für diesen Tag war Hitze angesagt und die 27 km nach Palas de Rei ziehen sich. Da lieber in morgendlicher Kühle weggehen als zu Mittag nass geschwitzt zu sein. Am Weg traf ich einen spanischen Pilger in Begleitung seines Hundes, der einen kleinen Pilgerrucksack trug. Eine lustige Szene und der einzige pilgernde Hund der mir begegnet ist. Durch typische galizische Hohlwege gings nach Palas de Rei. Der Name trügt, denn hier war nie ein königlicher Palast.

CHRISTUS DER DEN PILGERN DIE HAND REICHT

Am Weg von Palas de Rei nach Melide pilgerte ich über die berühmte römische Brücke über den Porfocobo Fluss nach Furelos. Auch hier gabs es etwas Besonderes zu bestaunen. Die Kirche Parraquia de San Juan de Furelos aus dem 13/14. Jahrhundert ist berühmt für ihr Kruzifix mit dem herabhängenden rechten Arm Jesu Christi, der zur Erde zeigt.

Furelos Christus Pilger Hand

Üblicherweise werden die gekreuzigten Arme Jesu Christi als seine Einladung an uns Gläubige verstanden, ihm nachzufolgen, nicht unbedingt auch am Kreuz, aber auf seinem Weg in die himmlische Herrlichkeit. Ich hatte das auch so gedeutet, als würde Christus am Kreuz hängend uns Peregrinos die Hand reichen um uns aufzuhelfen. Ich stand wie angenagelt vor diesem einzigartigen Kruzifix und spürte eine starke innere Bewegung in mir. Jetzt verstand ich das ungewöhnliche Gefühl welches ich den ganzen Jakobsweg verspürte – zwar ganz allein zu pilgern aber doch nie ganz allein zu sein. Ich war begleitet und beschützt von oben.

DIE EUKALYPTUSWÄLDER VON ARZUA

Nach einigen weiteren Stunden kam ich endlich an mein Tagesziel Melide. Ich verließ Melide am nächsten Tag bei wunderschönem Wetter und wanderte durch riesige Eukalyptuswälder nach Arzua. Da dort keine Unterkünfte mehr frei waren – es war ja Hochsaison für Pilger – wich ich aus nach Dombodan, ein Dörfchen mit wenigen Häusern und zog in meine Unterkunft ein – die Casa Brandariz. Ein restauriertes, mittelalterliches Bauernhaus mit dicken Wänden und dünnen Böden. Ich hörte das spanische Paar über mir bei jedem Schritt. Bevor ich irgendetwas anderes machen konnte, musste ich die Legionen schwarzer Fliegen los werden, die offensichtlich aus einem nahegelegenen Kuhstall stammten.

Nach einer fliegengeplagten unruhigen Nacht Aufbruch zur vorletzten Etappe nach A Rua. An einigen Pilgergedenkstätten vorbeikommend erreichte ich die Capilla Santa Irene de Portugal, die der heiligen Irene geweihte Kapelle aus dem 18. Jahrhundert. Der Überlieferung nach soll die Heilige in einem Jungfrauenkloster gelebt haben und von Hand eines Mörders gemeuchelt worden sein. Nach einer kurzen Rast gings weiter meinem Ziel in A Rua zu, wo ich abends das beste Essen auf meinem ganzen Pilgerweg genoss, eine gebratene Dorade.

MONTE DO GOZO, DER FREUDENBERG KURZ VOR SANTIAGO DE COMPOSTELA

Der Tag brach an zur letzten Etappe zu meinem langen ersehnten Ziel – Santiago de Compostela. Ich war ungeduldig und voller Vorfreude und brach daher schon in der Morgendämmerung auf.

Monte Gozo der Freudenberg

Flotten Schrittes marschierte ich auf den Zwischenhalt – den Monte do Gozo zu, einem letzten kleinen Berg vor dem Ziel, auch der „Freudenberg“ genannt. Dort suchte ich die Capella San Marcos auf um an der Statue des Heiligen Jakobus – dem Schutzheiligen der Peregrinos, für seinen Schutz auf meinem Pilgerweg zu danken. Unweit der kleinen Einsiedelei erinnert ein modernes Denkmal an den Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1982 was ihn mit der Wallfahrt des heiligen Franziskus in Beziehung setzt.

Von dort aus lässt sich erstmals die Kathedrale von Santiago de Compostela und damit das Ziel der Wallfahrt sehen.

Im Jakobsbuch wird er als Mons Gaudii und Ort großer emotionaler Ergriffenheit beschrieben, wie es auch mir ergangen ist. Ich konnte die Tränen der Freude, der Erleichterung und des Glücks nicht mehr zurückhalten. Innerlich sehr bewegt machte ich mich auf die letzten 8 km zu meinem Pilgerziel.

IM WECHSELBAD DER GEFÜHLE

In der Altstadt von Santiago sah ich wieder die Turmspitzen der Kathedrale auftauchen. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten am Praza do Obradoiro – Platz vor der Kathedrale, anzukommen. Ein paar Schritte noch und ich stand vor der prächtigen Cathedral de Santiago de Compostela mit ihrer barocken Fassade. Der Bau der Kathedrale begann 1075 unter König Alfons VI über den Resten einer noch älteren Kirche aus dem 8. Jahrhundert. Die Kathedrale steht über der Grabstätte des Apostel Paulus.

Ich empfand ein Wechselbad der Gefühle – ich war überglücklich an meinem Ziel gesund und wohlauf angekommen zu sein und war zugleich traurig, dass das Pilgern vorbei ist. Ich konnte fast nicht glauben, dass es jetzt vorbei ist.

ANKUNFT BEI BRUDER JAKOBUS

Ich betrat die Kathedrale durch den Seiteneingang, da die wunderbare Portico de la Gloria – das Glorientor, gerade renoviert wird. Die Kathedrale ist riesig und sehr eindrucksvoll. Ich stellte mich in einer Schlange an um zur Rückseite des Hauptaltars mit der sitzenden lebensgroßen Statue des Heiligen Jakobus dessen Schulterumhang reich mit Jakobsmuscheln verziert ist, zu gelangen. Dort können Pilger seine Schultern von hinten umarmen und folgenden Dank sprechen:

„Danke, lieber Freund und Bruder Jakobus, dass du mir geholfen hast, hier anzukommen. Danke für deine Person, für deine Begleitung, für dein Zeugnis, für dein Vermächtnis.“

IN DER KRYPTA DER KATHEDRALE VON SANTIAGO DE COMPOSTELA

Dann betrat ich unter dem Hochaltar die Krypta mit dem eigentlichen Ziel des Jakobswegs, einem silbern/goldenem Schrein, der die Gebeine des Apostels Jakobus beinhalten soll.

Krypta des Heiligen Jakobus Santiago

Des Weiteren wird in der Krypta unter anderem ein auf das Jahr 874 datiertes goldenes Kruzifix verehrt, in das ein Splitter des Kreuzes Christi eingearbeitet sein soll. Später nahm ich am Pilgergottesdienst teil, bei dem die Länder aller Pilger, die an diesem Tag in der Kathedrale eingetroffen waren, aufgerufen wurden. Ich fragte mich wie viele Menschenaußer mir, sich beim Aufruf „Austria“ betroffen gefühlt hatten? Alle Gedanken und Erinnerungen an Schmerz waren verflogen und ich war einfach nur mehr glücklich diesen wunderbaren Gottesdienst erleben zu dürfen.

Und dann, als totale Überraschung wird der sogenannte Botafumeiro vorbereitet. Dieser ist ein 1,60 m großes und 53 kg schweres Weihrauchfass, das an einem etwa 66 m langen Seil von der Decke hängt und nach dem Hochamt 65 m weit bis hoch unter die Decke geschwungen wird. Außer seiner üblichen Funktion in der Liturgiefeier diente der Botafumeiro im Mittelalter auch dazu, den Geruch der Pilger zu neutralisieren, welche nach ihrer Wallfahrt auf dem Jakobsweg eine ganze Nacht wachend und betend in der Kathedrale verbrachten. Ich hatte damit nicht gerechnet, da es kein heiliges Jahr und kein großer katholischer Feiertag war. Was für ein würdiger und berührender Abschluss meines Pilgerwegs…

MEINE PILGERURKUNDE ALS BEGINN MEINES NEUEN LEBENSABSCHNITTES

Dann blieb mir nur noch meine „Compostela“ zu besorgen. Diese ist eine Urkunde für Pilger, die ihnen den Besuch der Kathedrale von Santiago de Compostela und damit das Ende ihrer Wallfahrt auf dem Jakobsweg bescheinigt. Dazu braucht man den Pilgerausweis, den Credencial de Peregrino, der die vielen Stationen des Pilgerwegs den man gegangen ist, durch Stempel beweist. Die Compostela bekam ich im Pilgerbüro des Domkapitels der Kathedrale von Santiago de Compostela, nachdem ich mich wieder in einer langen Schlange angestellt hatte.

Pilgerurkunde neuer Lebensabschnitt Ronald

Da ich bereits am nächsten Tag in die Heimat zurückkehrte, schaute ich mir noch die wichtigsten Highlights von Santiago an. Sehenswert ist beispielweise die Iglesia San Francisco de Val de Deus und das Franziskanerkloster. Der Convento de San Francisco wurde der Legende nach vom Heiligen Franziskus von Assisi gegründet, der auf einer Pilgerreise nach Santiago in den Jahren 1213 bis 1215 die göttliche Offenbarung empfing ein Kloster zu gründen.

ABSCHLUSS UND NEUBEGINN EINER LEBENSREISE

Damit war mein Pilgerweg nach Santiago de Compostela zum Abschluss gekommen und ich habe viel darüber nachgedacht, was mir der Jakobsweg bedeutet und was er mir gelehrt hatte. Er war für mich Lebensweg, Leidensweg und Offenbarung und ich habe gelacht, geweint und bin an meine Grenzen gekommen. Ich kam verändert zurück wie ich es so erhofft hatte und habe gelernt mein Leben so wertzuschätzen wie es ist. Ich durfte viele wunderbare Menschen kennenlernen und ich hoffe ich wurde ein wenig mehr der Mensch, der ich werden wollte.

Der Jakobsweg gibt dir nicht was du willst, sondern was du brauchst. Übe dich in Achtsamkeit, Ruhe, Langsamkeit und lass das Leistungsdenken sausen. Falscher Ehrgeiz rächt sich schneller als man glaubt (siehe Monte Irago).

Der Camino verlangt einem alles ab aber gibt einem so viel zurück. Lernen für das weitere Leben, Begegnungen mit wunderbaren Menschen, Erkennen was wirklich wichtig ist. Der Camino fordert einem Alles ab aber gibt einem so viel zurück. Mich lässt er nicht mehr aus.

Über den Autor:

Peregrino Ronald Stubbings

Ronald Stubbings hat seinen Beruf mit 71 Jahren an den Nagel gehängt. Er hatte Respekt vor der Zeit danach und wie er sich von seinem Businessdenken verabschieden könnte.

Durch seinen Sohn ist er auf den Jakobsweg aufmerksam geworden. Ronald beschloss, den Camino Frances ab Leon zu pilgern. Sinnbildlich als Einstieg in seinen neuen Lebensabschnitt.

Alle Fotos dieses Beitrages stammen von Ronald Stubbings ©

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8 Gedanken zu „Von Leon nach Santiago: Ein neuer Lebensabschnitt beginnt“

  1. Hallo Ronald, ich habe Deinen Bericht mit Interesse gelesen. Inzwischen ging ich den Camino de Santiago viermal, davon ein Mal den Camino portugues und dreimal den Camino frances ab St-Jean über die Parenäen. Angefangen habe ich 2011 mit 68 Jahren (nachdem mir mein erster Herzschritmacher implantiert war). 2014 mußte es einfach noch einmal sein, da mich der Weg so gefangen hielt. Dann folgte 2016 der Camino portugues und 2017 aus Zeitgründen nur der Abschnitt von Pamplona bis Burgos. Falls Du es Dir gesundheitlich zutraust, empfehle ich Dir auch die vorherigen Etappen in Abschnitten – zum Beispiel von Pamplona bis Burgos und von Burgos bis Leon. Auch diese Etappen bieten unvergleichliche Eindrücke und Erlebnisse. Der Jakobsweg wird mich wohl bis zum Lebensende in seinen Bann ziehen – deshalb werden wir im nächsten Jahr auch von Leon bis Santiago laufen. Etwas gemächlicher, in kürzeren Etappen und mit nur minimalem Gepäck. Übrigens: Der älteste Pilger, den ich traf, war 90 Jahre alt und er lief mit seiner Tochter den gesamten Camino! Falls Du Interesse hast und ich Deine Neugier wecken kann: Ich habe auf meiner Fotohomepage https://jsphotographia.jimdofree.com/reisen/spanien/camino-de-santiago/ ein paar Fotos vom Camino frances und dem Camino portugues. Außerdem kann ich Dir gern mein Caminobuch „Der magische Weg“ als Anregung im pdf-Format senden. Ich freue mich über eine Antwort. Buen Camino! Jorge

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    • Hallo Jorge, danke für deinen Feedback und die wunderschönen Fotos die mich geistig zurück auf den Camino bringen und die Sehnsucht nach Wiederholung wecken. Schon beeindruckend was du schon alles gepilgert bist! Seit meinem ersten Camino lässt mich der Jakobsweg nicht mehr los und ich werde wohl (so Gott will) dieses Jahr im September den Camino Portuguese Costal nach Santiago pilgern. Mal sehen…

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  2. Hallo Roland, dein Bericht weckt sehr viele Erinnerungen! Ich bin 2016 (an meinem 70. Geburtstag) das 1. Mal von Leon nach Santiago gepilgert. Nach 4 Tagen begann eine böse Nagelbettentzündung am re. Großzeh – dazu noch an der re. Hacke eine Blase, die sich entzündete. Der Verband war lange Tage jeden Abend durchgeblutet. Aber „wenn du gehst, dann geht’s“. Die Erfahrung habe ich gemacht und bin voller Emotionen in Santiago angekommen 2017 bin ich denn Portugues gepilgert, 2018 und 2019 den Frances. In diesem Jahr, zum 75. Geburtstag, möchte ich mich im September auf den Weg machen. Ich bekomme im nächsten Monat meine 2. Covid Impfung und bin guten Mutes..
    Viele Grüße und weiterhin gute Gesundheit!
    Marlies Prost

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    • Hallo Marlies, dir ist es auch so ergangen – zuerst die Qual und dann die Offenbarung. Und trotzdem wollen die meisten wieder zurück auf diesen faszinierenden Pilgerpfad. Seit meinem ersten Camino lässt mich der Jakobsweg nicht mehr los und ich werde wohl (so Gott will) dieses Jahr im September den Camino Portuguese Costal nach Santiago pilgern. Dann bis ich 74 und hoffentlich noch fit. Vielleicht will der Zufall, dass wir uns in Santiago über den Weg laufen. Mal sehen…

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  3. Grüß Gott Roland!
    Mit Freude und Interesse habe ich Deinen Bericht gelesen. Wenn ich vorhin Freude an den Satzbeginn setzte dann deshalb weil ich in Dir einen Glaubensbruder zu erkennen glaube.
    Heuer habe auch ich „den Hobel liegengelassen“ und es sieht so aus als könne ich nach langer krankheitsbedingter Wartezeit und Dank der Aufhebung pandemiebedingten Sperrmaßnahmen endlich „meinen“ Caminho ab Lissabon beginnen. Portugal wählte ich bewusst um zuerst zur Mutter des Herrn in Fatima und dann zum Apostel des Auferstandenen zu pilgern. Deinen Rat, sich Zeit zu nehmen beherzige ich gerne und habe das heute bei den Ticketreservierungen bereits bedacht.
    Ich kam, was das Pilgern betrifft, am Berg Athos, dem „Vorgarten der Muttergottes“, „auf den Geschmack“. Mit den besten Wünschen für segensreiche Pensionjahre.
    Bernhard

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    • Hallo Bernhard, danke für Deinen Kommentar. Für mich hat am Camino wirklich ein völlig neuer Lebensabschnitt begonnen. Nachdem ich mein ganzes Leben im Business verbracht habe, habe gleich nach meiner Rückkehr mit einem Studium der Theologie und Philosophie begonnen und bin jetzt im 5. Semester. Das hat mich total gepackt wobei mich die Scholastik besonders interessiert. Diese Verbindung aus Theologie und Philosophie ist die Grundlage für unser Geistesleben! Buen Camino Bernhard.

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  4. Hallo Ronald,
    wir planen Ende September von Leon nach Santiago zu pilgern. Wir haben wegen Corona bedenken ob die Unterkünfte offen sind. Hast du Informationen darüber?
    Empfiehlst du vorab zu buchen, oder soll man sich treiben lassen?
    Liebe Grüße Tina und Elke

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    • Liebe Tina und Elke,
      die Unterkünfte sind fast alle offen, jedoch würde ich trotzdem empfehlen die ersten Tage vorzubuchen. Dann könnt ihr euch selbst ein aktuelles Bild davon machen, ob ihr lieber diese Sicherheit haben wollt oder ob ihr euch auf die Spontanität verlassen wollt.

      Buen Camino
      Peter

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