JAKOBSWEG STUDIE
Warum der Jakobsweg in jeder Lebensphase anders zu dir spricht
Der Jakobsweg bedeutet in jeder Lebensphase etwas anderes. Junge Pilger suchen auf dem Camino oft Selbstfindung und Orientierung, Menschen in der Lebensmitte eine bewusste Unterbrechung des Alltags, angehende Ruheständler einen Übergang in einen neuen Lebensabschnitt – und ältere Pilger vor allem Dankbarkeit und Lebensbilanz. Dieser Artikel zeigt anhand unserer Jakobsweg-Studie, welche innere Frage dich in deiner aktuellen Lebensphase auf den Camino führen könnte.
Diesen Beitrag gibt es auch als Podcastfolge. Wenn du die Geschichte lieber hörst statt liest, kannst du direkt hier reinhören:
Warum dich der Jakobsweg in jedem Lebensalter anders berührt
Selbstfindung, Unterbrechung, Übergang, Dankbarkeit – die vier Gesichter des Camino

Am ersten Abend in Orisson, acht Kilometer über Saint-Jean-Pied-de-Port, beginnt nach dem Essen fast immer dasselbe Ritual. Jeder Pilger stellt sich kurz vor. Name, Herkunft, und dann diese eine Frage: Warum bist du hier?
Manche zögern. Man kennt sich erst seit ein paar Stunden, die Beine schmerzen vom ersten Tag, und jetzt soll man vor fremden Menschen erklären, warum man seinen Alltag stehen und liegen gelassen hat. Andere haben fast darauf gewartet. Der Achtundzwanzigjährige, der zugibt, dass er selbst noch nicht genau weiß, warum er unterwegs ist. Die Frau um die fünfzig, die tief Luft holt, bevor sie zu reden beginnt. Der ältere Mann, der einfach lächelt und sagt: „Es war Zeit.“
Derselbe Weg, dieselbe erste Etappe – und doch sitzt jeder mit einem völlig anderen Punkt in sich. Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen: Warum ruft der Camino in verschiedenen Lebensphasen so unterschiedlich? Und was suchst du, je nachdem, wo du gerade auf deinem eigenen Lebensweg stehst?
Keine Altersanalyse, sondern eine Frage nach der inneren Schwelle
Diese Betrachtung ist ausdrücklich keine Alterskunde. Mit dreißig ist man nicht automatisch so und mit sechzig automatisch anders – das stimmt ohnehin nicht. Es gibt Menschen mit fünfundvierzig, die innerlich gerade an einer Schwelle stehen, die andere erst mit sechzig erreichen. Und es gibt Menschen mit siebzig oder achtzig, die noch einmal richtig aufblühen.
Die Auswertung unserer Jakobsweg-Studie, die ich, Peter Kirchmann, gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Braun von der BSP Business School Berlin durchführe, zeigt etwas anderes. Wir haben über die Jahre hunderte Pilgerinnen und Pilger befragt, und ein Muster taucht dabei immer wieder auf: Je nach Lebensphase übernimmt der Camino eine andere Funktion. Mal ist er ein Ort, an dem man sich selbst ausprobiert. Mal eine dringend gebrauchte Unterbrechung. Ein andermal ein bewusster Übergang, manchmal tiefer und stiller als die Jahre davor.
Entscheidend ist weniger, wie alt man ist. Entscheidend ist, an welcher inneren Schwelle man gerade steht.
Die Jüngeren: zwischen Aufbruch und Ausprobieren

Wer in den Zwanzigern oder frühen Dreißigern auf den Camino geht, trägt oft Fragen mit sich, die sich noch gar nicht richtig in Worte fassen lassen. Als mein erster eigener Jakobsweg begann, war ich neunundzwanzig. Keine praktischen Fragen standen im Vordergrund, eher so etwas wie:
- Wer bin ich eigentlich?
- Was kann ich allein?
- Welches Leben will ich wirklich leben?
Für viele junge Pilger ist der Camino weniger Rückschau als Aufbruch. Es geht nicht ums Loslassen, sondern ums Herausfinden, wer man ist, wenn die gewohnten Rollen wegfallen – die Erwartungen der Familie, der Vergleich mit Freunden, die Frage nach dem, was man werden soll. Auf dem Camino bist du einfach ein Pilger. Du heißt, wie du heißt, und der Rest ist offen.
Das klingt nach Freiheit, und ein Stück weit ist es das auch. Gleichzeitig kann es ungemütlich werden, weil die Stille manchmal genau das zurückbringt, wovor man eigentlich weggehen wollte: die Unsicherheit, die offenen Fragen. Mir gingen damals jeden Tag dieselben Gedanken durch den Kopf – bis mein Gehirn sie irgendwann langweilig fand und es plötzlich ruhiger wurde.
Vielleicht ist gerade deshalb der Camino in jungen Jahren so wertvoll. Man lernt sich selbst kennen, merkt, dass der nächste Schritt auch alleine funktioniert. Es gibt nicht die eine große Antwort, aber ein klareres Gefühl dafür, in welche Richtung man will.
In den Gesprächen, die wir für unsere Studie geführt haben, fällt bei dieser Altersgruppe etwas auf: Junge Pilger sprechen selten davon, etwas „hinter sich lassen“ zu wollen. Sie sprechen davon, etwas herausfinden zu wollen. Der Unterschied ist klein, aber er verändert die ganze Bewegung. Es ist kein Weg weg von etwas, sondern ein Weg hin zu etwas, das sich noch nicht klar benennen lässt. Genau diese Offenheit, diese Unfertigkeit, macht den Camino für junge Menschen zu einem so besonderen Raum. Niemand erwartet von dir, dass du am Ende Antworten hast. Es reicht, dass du unterwegs bist.
Die Lebensmitte: eine wertvolle Unterbrechung
Zwischen vierzig und sechzig, grob gesagt, liefert die Jakobsweg-Studie besonders viele aufschlussreiche Aussagen. Wer in dieser Phase lebt, kennt das Gefühl: Man funktioniert. Beruf, Familie, vielleicht Eltern, die Unterstützung brauchen, vielleicht Kinder, die gerade flügge werden. Das Leben ist voll, manchmal zu voll.
Irgendwo in diesem täglichen Rauschen taucht ein leises Gefühl auf.
Soll das jetzt alles gewesen sein? Wo bin ich selbst in all dem geblieben? Wie lange kann ich so noch weitermachen?
Der Ruf zum Camino kommt in dieser Phase oft überraschend leise. Ein Buch, das man gelesen hat. Ein Bild, das nicht mehr loslässt. Ein Gespräch, bei dem man plötzlich sehr aufmerksam zuhört, weil jemand von seiner Pilgerreise erzählt, und merkt, wie sehr man an den Lippen dieser Person hängt.
Was viele in dieser Lebensphase suchen, ist selten das Abenteuer. Gesucht wird ein Ort, an dem man wieder hören kann, was in einem selbst eigentlich los ist. Genau das kann der Camino sein. Er reduziert den Lärm, weil er das Leben für ein paar Wochen auf wenige Dinge herunterbricht: Gehen, Essen, Schlafen, der nächste Ort. In dieser Einfachheit werden Dinge klarer, die zu Hause nicht klar werden konnten.
In unserer Studie zeigt sich dieses Muster besonders deutlich bei Menschen mit hoher beruflicher Verantwortung. Sie berichten seltener von spektakulären Erlebnissen unterwegs, dafür häufiger von kleinen, fast unscheinbaren Momenten – ein Gespräch am Wegesrand, eine Mahlzeit in Stille, ein Blick auf die eigenen Hände beim Gehen –, die im Nachhinein als Wendepunkt beschrieben werden. In der Lebensmitte ist der Jakobsweg selten ein Abenteuer. Er ist eine Unterbrechung, die dringend gebraucht wurde.
Der Übergang in den Ruhestand: eine bewusste Schwelle
Jahrelang, manchmal jahrzehntelang, war der Beruf der Mittelpunkt. Er hat Struktur gegeben, Identität, einen festen Platz im Alltag. Dann fällt das weg, manchmal von einem Tag auf den anderen. Was bleibt, ist eine neue Freiheit – und oft auch eine Unsicherheit.
Mit der Freiheit kommen Fragen, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hat:
- Wer bin ich, wenn mein Beruf nicht mehr mein Mittelpunkt ist?
- Was beginnt jetzt?
- Wie will ich die nächsten Jahre gestalten?
Viele tragen den Gedanken an den Jakobsweg jahrzehntelang mit sich, immer wieder aufgeschoben. In dieser Lebensphase ist die Zeit plötzlich da. Es gibt keine Ausreden mehr.
Die Auswertung zeigt: Der Camino wirkt in diesem Übergang oft wie eine bewusste Schwelle, wie der nächste Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Er gibt Ziel und Rhythmus in einer Zeit, in der alte Strukturen gerade wegfallen. Er schenkt die Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen, ohne die alten Rollen und alten Erwartungen. Für manche beginnt mit dem Ruhestand nicht nur ein freierer Kalender, sondern auch die Frage, wie das Leben jetzt weitergehen soll. Eine endgültige Antwort liefert der Jakobsweg selten. Bewegung liefert er immer, und diese Bewegung ist oft der Anfang von Klarheit.
Was mir in Gesprächen mit Pilgerinnen und Pilgern in dieser Lebensphase immer wieder begegnet, ist eine Art Erleichterung, die erst nach ein paar Tagen einsetzt. Die ersten Etappen sind oft noch von der alten Struktur geprägt: früh aufstehen, ein Ziel für den Tag, eine Aufgabe erledigen. Doch irgendwann, meist so ab der ersten Woche, verändert sich etwas.
Der Tag bekommt einen anderen Rhythmus, einen, der nicht mehr von Terminen, sondern vom eigenen Körper und vom Wetter bestimmt wird. Genau in diesem Rhythmuswechsel liegt für viele der eigentliche Wert dieser Reise: Sie lernen noch einmal neu, wie sich ein Tag anfühlt, der nicht von außen vorgegeben ist.
Für manche wird aus dieser Erfahrung sogar ein neues Verständnis von Zeit selbst. Nicht mehr die Uhr bestimmt den Tag, sondern das Licht, der Hunger, die Müdigkeit. Und mit diesem neuen Zeitgefühl beginnt oft auch die eigentliche Frage nach dem Ruhestand: Wie will ich meine Zeit ab jetzt gestalten, wenn niemand mehr sie für mich einteilt?
Die Älteren: noch einmal spüren, dass man lebt
Eine Gruppe begegnet mir auf dem Camino immer wieder und macht mich dabei nachdenklich: Menschen, die mit siebzig, fünfundsiebzig oder achtzig unterwegs sind, in einem Alter, in dem viele zu Hause längst auf der Couch sitzen würden.
Irgendwo zwischen Pamplona und Logroño traf ich einen ruhigen, freundlichen Mann, nicht besonders schnell unterwegs. Auf die Frage, warum er den Camino gehe, überlegte er einen Moment und sagte dann:
„Ich glaube, ich will noch einmal spüren, dass ich lebe.“
Dieser Satz berührt mich bis heute, auch weil eine alte Freundin von mir immer vom Camino geträumt und ihn immer wieder verschoben hat – bis es zu spät war.
In dieser Altersgruppe geht es kaum noch um Kilometer oder Etappenlängen. Es geht um Dankbarkeit, um eine innere Lebensbilanz, um Glauben, der in späteren Jahren anders wahrgenommen wird als in jungen Jahren. Und manchmal einfach darum, noch einmal bewusst etwas zu erleben, das sich lebendig anfühlt.
Was mich an diesen Begegnungen jedes Mal aufs Neue beeindruckt, ist das Tempo, das viele ältere Pilger mitbringen. Nicht das Lauftempo – das ist naturgemäß langsamer. Gemeint ist ein anderes Tempo: das Tempo des Wahrnehmens. Wo jüngere Pilger manchmal von Etappe zu Etappe eilen, um möglichst viel zu schaffen, bleiben ältere Pilger stehen. Sie schauen länger auf ein Feld, setzen sich länger auf eine Bank vor einer Kirche, unterhalten sich länger mit der Herbergsmutter über deren Familie. Es ist, als hätten sie gelernt, dass die Zeit, die man hat, kein Grund zur Eile ist, sondern ein Grund, genauer hinzuschauen.
In unserer Studie berichten Menschen dieser Altersgruppe auffallend oft von Begegnungen statt von Landschaften, wenn wir sie nach ihren stärksten Erinnerungen fragen. Ein Gespräch in der Herberge. Eine gemeinsame Mahlzeit mit Fremden, die am Ende keine Fremden mehr waren. Ein Moment, in dem jemand ihnen zugehört hat, ohne zu urteilen. Der Camino wird in diesem Lebensabschnitt weniger zur Leistung und mehr zur Begegnung – mit anderen und mit sich selbst.
Vier Bilder, eine Bewegung
Der junge Pilger, der noch nicht weiß, warum er losgeht. Die Frau in der Lebensmitte, die endlich durchatmen muss. Der Mann kurz vor oder nach dem Ruhestand, der sich neu orientiert. Der ältere Pilger, der noch einmal aufbricht. Was verbindet diese vier?
Keiner von ihnen geht, weil gerade ein guter Zeitpunkt wäre. Keiner hat einfach einen freien Kalender und denkt, dann mache ich mal den Jakobsweg. Die meisten gehen, weil sich innerlich etwas verändert hat und nicht mehr warten will. Weil eine innere Stimme lauter geworden ist. Weil sich entweder schon etwas verändert hat oder verändern möchte.
Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum der Camino Menschen in so unterschiedlichen Lebensphasen anzieht: Er gibt Raum für das, was längst in dir ist, im Alltag aber noch nicht entdeckt wurde.
Zurück nach Orisson
Was in Orisson wohl passiert, wenn nach dem Abendessen diese Runde jeden Abend aufs Neue beginnt? Wie viele Menschen haben dort im Laufe der Zeit zum ersten Mal gehört, wie jemand anderes erzählt, warum er unterwegs ist? Wie viele haben in diesem Moment gemerkt, dass die eigene Unsicherheit, die eigene offene Frage, gar nicht so ungewöhnlich ist, wie sie sich anfühlt?
Genau das ist schon der Anfang vom Camino. Nicht der erste Schritt am nächsten Morgen, sondern dieser Moment am Abend zuvor, in dem man merkt: Man ist nicht der Einzige, der so fühlt.
Zwei Fragen für dich
In welcher Phase stehst du gerade? Und was will in dir gehört werden?
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