Jakobsweg Studie: Die 6 Pilgertypen auf dem Jakobsweg

6 Pilgertypen aus der Jakobsweg Studie

Gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Braun von der BSP Business & Law School Berlin habe ich eine Studie zum Jakobsweg durchgeführt – eine der größten ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Die Ergebnisse befinden sich gerade im Peer-Review-Prozess. In einer neuen Podcast-Serie nehme ich dich Schritt für Schritt durch das, was wir dabei herausgefunden haben.
Den Anfang macht heute eine Frage, die ich wirklich sehr oft höre…

Zur Podcastfolge:

Nicht alle gehen aus demselben Grund – die 6 Pilgertypen auf dem Jakobsweg

Von Peter Kirchmann | Jakobsweg-Lebensweg


Zwei Menschen gehen am selben Morgen in Saint-Jean-Pied-de-Port los. Dieselben Berge vor sich. Dieselben gelben Pfeile. Derselbe erste Anstieg. Und trotzdem tragen sie etwas ganz anderes in sich.

Der eine möchte einfach nur weg – weg aus einer Zeit, die schwer geworden ist. Die andere sucht vielleicht Ruhe. Oder Klarheit. Oder sie weiß es selbst noch nicht genau. Sie spürt nur dieses Ziehen zum Weg.

Genau das hat mich an der Auswertung unserer Jakobsweg-Studie am meisten berührt. Nicht die Zahlen. Sondern dieser eine Gedanke: Dass der Camino für so viele äußerlich derselbe Weg ist – und innerlich doch etwas völlig anderes.


Warum gehst du eigentlich?

Ich höre diese Frage sehr oft – und noch öfter höre ich die Gegenfrage, die Menschen sich selbst stellen:

„Aber habe ich denn überhaupt einen richtigen Grund dafür?“

Manche haben sofort eine Antwort. Klar, konkret. Trennung. Burnout. Rentenbeginn. Die wissen, warum sie gehen.

Aber viele andere spüren nur ein Ziehen. Eine Unruhe. Ein Gefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt. Etwas, das sagt: Ich muss da irgendwie hin. Und dann kommt sofort die innere Gegenstimme: Ja, aber warum eigentlich?

Meine Antwort darauf: Der Camino braucht am Anfang keine fertig formulierte Begründung. Manche verstehen erst auf dem Weg, warum sie gegangen sind. Manche erst Monate danach. Und manche bringen den Grund, mit dem sie losgelaufen sind, wieder mit nach Hause – und der Weg hat ihnen dabei einen ganz anderen gezeigt.

Wenn du dieses Ziehen spürst und noch nicht weißt, warum – dann ist das kein Zeichen, dass du noch nicht bereit bist. Vielleicht ist das schon genug.


Was die Jakobsweg-Studie sichtbar gemacht hat

Im Rahmen unserer Jakobsweg-Studie – einer der größten ihrer Art im deutschsprachigen Raum, durchgeführt gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Braun von der BSP Business & Law School Berlin – haben wir Pilgerinnen und Pilger zu ihren Beweggründen, ihren Erfahrungen unterwegs und dem befragt, was nach der Rückkehr geblieben ist.

(Die Studie befindet sich derzeit im Peer-Review-Prozess. Die vollständigen Ergebnisse werden nach Abschluss veröffentlicht.)

Was dabei sichtbar wurde: Es gibt wiederkehrende Muster. Keine Gesetze, keine festen Kategorien. Aber innere Bewegungen, die man immer wieder erkennt.

Diese Muster haben wir in sechs Pilgertypen beschrieben.

Ich sage dazu gleich: Das sind keine Schubladen. Kein Mensch passt vollständig in einen davon. Die meisten tragen mehrere dieser Bewegungen gleichzeitig in sich. Und wer am Anfang des Weges noch ein Typ ist, kann am Ende ein ganz anderer sein.


grafik pilgertypen

Die 6 Pilgertypen im Überblick

1. Der Krisen- und Neuorientierungspilger

Menschen, die gehen, weil das bisherige Leben irgendwo eng oder schwer geworden ist.

Das kann sehr deutlich sein: eine Trennung, der Verlust eines nahestehenden Menschen, eine Diagnose, ein beruflicher Einschnitt, der einen kalt erwischt hat.

Aber es kann auch leiser sein. Viel leiser. Eine innere Müdigkeit, die sich seit Monaten angesammelt hat. Das Gefühl, im eigenen Alltag irgendwie fremd geworden zu sein. Morgens aufwachen und nicht mehr so richtig wissen, wofür eigentlich. Keine Krise, die man klar benennen könnte – und trotzdem dieses deutliche Gefühl: So kann es nicht weitergehen.

Was der Weg in diesen Momenten tut – und das finde ich wirklich bemerkenswert –: Er löst die Krise am Anfang noch gar nicht. Er macht sie erst mal gehbarer. Buchstäblich.

Du gehst. Du isst. Du schläfst. Du gehst weiter. Das klingt banal. Aber für Menschen, die in einer schweren Zeit feststecken, hat genau diese Einfachheit etwas sehr Entlastendes. Der nächste Ort wird wichtiger als die große Lebensfrage. Der Körper übernimmt den Rhythmus. Und irgendwann, nach ein paar Tagen, merkt man: Ich kann mich gerade nur um das kümmern, was jetzt gerade ist. Und das reicht.

Ich erinnere mich an meinen dritten Tag auf dem Camino. Ich war 30 Kilometer gelaufen, völlig am Ende – und dann habe ich nachgeschaut, wie weit das mit dem Auto gewesen wäre. 20 Minuten. Das tat richtig weh. Und genau in diesem Moment, wenn der Körper an seine Grenzen kommt und der Kopf aufhört, so laut zu sein, entsteht meistens zum ersten Mal so etwas wie Stille. Nicht die Lösung. Aber ein Anfang.


2. Der spirituell Suchende

Einige gehen bewusst mit einer Glaubensfrage. Andere suchen Sinn – ganz konkret: Wofür lebe ich eigentlich? Was trägt mich?

Der Camino hat eine lange spirituelle Geschichte. Das spürt man. In den Kirchen am Weg, in der Stille mancher Plätze, in den Riten, die Pilger seit Jahrhunderten vollziehen. Und auch wer keine religiöse Sprache hat, kann unterwegs in Berührung kommen mit etwas, das sich schwer benennen lässt.

Ich denke an die Kapelle von Eunate, kurz vor Puente la Reina. Ich war damals barfuß um sie herumgelaufen, ohne besonderen Grund. Es hat sich einfach so ergeben. Und trotzdem ist das ein Moment geblieben. Nicht weil etwas Dramatisches passiert wäre. Sondern weil ich plötzlich sehr still war – innen.

Ob man das Glaube nennt oder einfach Stille – ich lasse das gern offen. Beides hat auf dem Weg seinen Platz.


3. Der Entschleunigungs- und Wesentlichkeitspilger

Viele Menschen, die den Camino gehen, kommen aus einem Alltag, der einfach voll ist. Voll mit Terminen, Verantwortung, Nachrichten, Erreichbarkeit. Voll mit Entscheidungen. Voll mit einem Leben, das funktioniert – und trotzdem irgendwie zu laut ist.

Auf dem Weg reduziert sich das plötzlich auf sehr wenige Dinge. Was trage ich im Rucksack? Wie weit ist die nächste Herberge? Habe ich genug zu trinken?

Das klingt erstmal ungewohnt, manchmal sogar beunruhigend. Aber nach ein paar Tagen passiert etwas: Man merkt, wie wenig man eigentlich braucht. Ein einfacher Kaffee am Morgen. Eine Mahlzeit, die man teilt. Wäsche auf der Leine. Ein Abend, an dem wenig genug ist.

Ich hatte auf meinem ersten Camino mit 18 Kilo Gepäck begonnen. Fotoausrüstung, Wörterbuch, Reiseführer, drei Jeanshosen – alles „unbedingt notwendig“. Spätestens in Pamplona, vor dem Postamt mit einem Riesenkarton, musste ich mich von diesen lebensnotwendigen Dingen trennen. Was danach blieb: Ein Rucksack, der leichter war. Und das Erkennen, dass ich nichts davon vermisst habe.


4. Der Selbstwirksamkeits- und Bewährungspilger

Es gibt Menschen, die den Camino gehen, weil sie sich innerlich etwas beweisen wollen. Nicht im leistungssportlichen Sinne. Eher so: Schaffe ich das? Steckt da mehr in mir, als ich bisher gedacht habe?

Und der Camino gibt darauf eine sehr konkrete Antwort – nicht durch große Erkenntnis, sondern durch das Erleben selbst.

Du machst weiter, obwohl der Regen nicht aufhört. Du gehst weiter, obwohl die Blase drückt. Du stehst morgens wieder auf, obwohl du abends gedacht hast: Das war’s für heute. Und am Ende steht kein Heldentum. Eher ein ruhiges Wissen: Ich kann mehr tragen, als ich vorher gedacht hatte.

Das ist ein gutes Gefühl. Und es bleibt.


5. Der Beziehungs- und Gemeinschaftspilger

Begegnungen auf dem Camino entstehen anders als im Alltag. Beiläufig. Du läufst eine Weile neben jemandem. Ihr teilt eine Pause, einen Kaffee, ein Pflaster. Abends sitzt man zusammen, obwohl man sich morgens noch nicht kannte. Und manchmal entsteht daraus in wenigen Stunden eine Verbindung, die tiefer ist als manche Bekanntschaft daheim nach Jahren.

Ich erinnere mich an Marc, den Pilger aus Belgien, der sich eines Nachmittags einfach an meine Seite gesellte. Drei Tage hat er mir seine Lebensgeschichte erzählt. Und am Ende musste ich ihm sagen: Ich brauche jetzt Stille. Ich möchte alleine weiterlaufen.

Das war nicht einfach. Aber auch das gehört zur Gemeinschaft auf dem Camino – zu lernen, was man selbst braucht, und es aussprechen zu können.

Manche suchen diese Verbindung mit anderen bewusst. Andere werden davon überrascht. Beides gehört dazu.


6. Der Wiederholungspilger – Camino als Lebensstil

Einige kommen zurück. Immer wieder.

Nicht weil die erste Erfahrung nicht gereicht hätte. Sondern weil der Camino für sie zu einer Art Wegmarke im eigenen Leben geworden ist. Ein Ort, zu dem man geht, wenn sich etwas verschoben hat. Oder wenn man einfach wieder wissen möchte, wie sich das anfühlt: nur gehen. Nur da sein.

Jeder dieser Wege ist anders, weil man selbst jedes Mal ein anderer ist. Die Wiederholung ist nie eine Kopie.

Wer einmal wirklich auf dem Camino war, wird das kennen: dieses Ziehen, das nach der Rückkehr bleibt. Die Sehnsucht nach der Einfachheit. Nach dem Rhythmus. Nach dem, was der Alltag daheim nicht hat.


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Die Gründe bleiben in Bewegung

Ich möchte an dieser Stelle nicht sagen, in welchen der sechs Typen du am besten passt. Das wäre zu schnell.

Weil die meisten Menschen mehrere dieser Bewegungen gleichzeitig in sich tragen. Oder nacheinander.

Jemand geht los, weil das Leben eng geworden ist – und findet auf dem Weg eine Stille, die er nicht gesucht hatte. Jemand geht für Ruhe – und wird von einer Begegnung überrascht, die alles verändert. Jemand geht, um sich etwas zu beweisen – und kommt zurück mit einer Glaubensfrage, von der er vorher gar nicht wusste, dass sie in ihm war.

Was die Auswertung unserer Studie zeigt: Der Camino verschiebt etwas. Nicht immer sofort. Nicht immer dramatisch. Aber er verschiebt den Blick auf die eigene Geschichte.

Und der Grund, mit dem man losgeht, ist oft nur der Anfang.


Fünf Fragen für dich

Bevor du weiterliest oder weiterschaust – bleib kurz bei diesen Fragen:

  • Was zieht dich am Jakobsweg an? Nicht was du antworten würdest, wenn jemand fragt – sondern was wirklich.
  • Wovon brauchst du gerade Abstand?
  • Welche Sehnsucht meldet sich schon länger – leise, im Hintergrund?
  • Wo wünschst du dir wieder mehr Einfachheit?
  • Was darf auf deinem Camino offen bleiben – zumindest am Anfang?

Du musst das nicht beantworten können. Es reicht, wenn du die Fragen hörst und schaust, welche davon dich berührt.


Die große Jakobsweg-Studie wurde gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Braun, von der BSP Business School Berlin, durchgeführt. 588 deutschsprachige Pilgerinnen und Pilger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben teilgenommen. Die Studie befindet sich aktuell im Peer-Review-Verfahren.

Alle Blogartikel zur großen Jakobsweg-Studie:

Der Camino-Effekt: Warum der Jakobsweg dein Leben verändert – Eine wissenschaftliche Spurensuche mit Prof. Dr. Andreas Braun und Peter Kirchmann

Jakobsweg Studie 2026: Was wirklich passiert, wenn Menschen pilgern

Jakobsweg Studie: Die 6 Pilgertypen auf dem Jakobsweg

Camino Blues: Warum die Rückkehr oft schwerer ist als der Aufbruch


Was kommt als nächstes?

In den nächsten Folgen der Serie schauen wir weiter hin:

  • Warum der Camino Menschen zu unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens anders ruft
  • Was nach der Rückkehr passiert – und warum das oft schwerer ist als der Aufbruch

Ich freue mich, wenn du dabei bleibst.


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