Peter Kirchmann vor dem Camino Primitivo – persönlich wie selten zuvor

eter Kirchmann im Jakobsweg Podcast

Claudia Homberg übernimmt das Mikrofon und stellt die Fragen aus der Community.

direkt zur Podcastfolge:

plötzlich Gast im eigenen Podcast – und die Frage, wie der Jakobsweg mein Leben verändert hat

Ein persönlicher Rückblick von Peter Kirchmann, kurz vor dem Aufbruch zum Camino Primitivo

Nach mehr als 260 Podcastfolgen sollte man meinen, dass mich ein Mikrofon nicht mehr nervös macht. Normalerweise weiß ich ziemlich genau, was gleich passiert. Ich begrüße meine Gäste, stelle die erste Frage und versuche, ihnen einen Raum zu geben, in dem sie ihre Geschichte erzählen können.

An diesem Morgen war das anders.

„Ich bin aufgeregt“ – einer meiner ersten Sätze, noch bevor die Aufnahme richtig begonnen hatte.

Claudia Homberg, die mich seit den Anfangsjahren des Podcasts begleitet, saß mir gegenüber und freute sich natürlich darüber. Diesmal war sie die Gastgeberin, und ich saß zum ersten Mal in meinem eigenen Podcast auf der anderen Seite des Mikrofons. Claudia ist gelernte Journalistin, sie kennt mich seit vielen Jahren, und sie hatte vorher schon angekündigt, ein wenig herumzustochern und vielleicht auch Dinge zu fragen, die ich von mir aus niemals erzählen würde.

Genau deshalb war ich aufgeregt.

Ein herzliches Dankeschön an Claudia, die mich seit vielen Jahren als Coach und Buddy begleitet. Wer sie ist, erfährst du am Ende dieses Artikels.

Als Gastgeber kann ich ein Gespräch lenken. Ich weiß ungefähr, wohin es gehen soll, kann nachfragen oder auch einmal das Thema wechseln. Als Gast funktioniert das nicht. Da kommt eine Frage, die man vorher nicht kannte, und plötzlich beginnt man, über das eigene Leben nachzudenken.

Dabei wurde mir etwas bewusst: Vieles von dem, was heute ganz selbstverständlich zu meinem Leben gehört – der Podcast, die Community, Bücher, Vorträge oder der Buen Camino Verlag –, hatte nie als großer Plan begonnen. Meistens gab es nur eine Frage, ein Bedürfnis oder eine Idee. Und daraus entstand der nächste Schritt.

So war es auch mit diesem Podcast.

Wie aus mehr als tausend E-Mails ein Podcast entstand

Als die Webseite Jakobsweg-Lebensweg entstanden ist, beantwortete ich jede Nachricht von Pilgerinnen und Pilgern persönlich. Es waren Fragen zur Ausrüstung, zu den verschiedenen Wegen, zur Anreise, zu Herbergen oder zu den Kosten. Manche Menschen schrieben auch, warum sie den Camino gehen wollten oder was sie gerade in ihrem Leben beschäftigte.

Ich habe sehr gerne geantwortet. Es war mir wichtig, nicht einfach nur einen vorgefertigten Text zu verschicken. Hinter jeder E-Mail steckte schließlich ein Mensch, der vielleicht vor seinem ersten Camino stand und gerade nicht wusste, wo er anfangen sollte.

Doch die Zahl der Nachrichten wuchs. Irgendwann waren es mehr als tausend E-Mails innerhalb eines Jahres, und mir wurde klar, dass ich eine andere Vorgehensweise brauchte. Wenn ich einem Menschen eine ausführliche Antwort schrieb, half diese Antwort genau diesem einen Menschen. Dabei stellten viele andere ganz ähnliche Fragen.

In dieser Zeit lernte ich Gordon Schönwälder kennen. Gordon gehörte damals schon zu den Menschen in Deutschland, die sich mit dem Podcasten wirklich gut auskannten. Ich rief ihn an, weil ich von ihm lernen wollte, wie man einen Podcast macht.

Die ursprüngliche Idee war ganz einfach: Ich beantworte die häufigsten Fragen nicht mehr ausschließlich per E-Mail, sondern spreche darüber. Dann können viele Menschen die Antwort hören, und vielleicht werden dadurch auch die E-Mails weniger.

Zumindest der letzte Teil des Plans ist nur vorübergehend aufgegangen.

Am Anfang dauerte es ohnehin eine Weile, bis ich unter meine Antworten den Hinweis schrieb, dass es zu vielen Themen bereits eine Podcastfolge gab. Eine Zeit lang wurden die Anfragen tatsächlich weniger. Inzwischen sind sie wieder deutlich gestiegen, aber darüber freue ich mich heute. Denn es zeigt mir, dass Menschen nicht nur eine Information suchen. Sie möchten manchmal ihre persönliche Situation schildern und eine Antwort bekommen, die wirklich zu ihnen passt.

Aus demselben Gedanken entstand später die Community. Ich fragte mich irgendwann, warum eigentlich immer nur ich die Antworten geben sollte. Auf dem Jakobsweg begegnen sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Einer kennt sich besonders gut mit leichten Rucksäcken aus, eine andere ist schon mehrere Wege in Portugal gegangen, jemand anderes weiß, wie es ist, mit gesundheitlichen Einschränkungen zu pilgern.

Wie wertvoll wäre es, wenn sich diese Menschen gegenseitig helfen könnten?

Heute geschieht genau das. Menschen beantworten Fragen, teilen ihre Erfahrungen, machen sich Mut und begleiten sich manchmal sogar über den Camino hinaus. Der Podcast und die Community sind deshalb für mich eng miteinander verbunden. Beides ist aus demselben Wunsch entstanden: Menschen bei ihrem ersten oder nächsten Schritt zu unterstützen.

Natürlich gab es auch im Podcast Zeiten, in denen ich mich gefragt habe, ob nach so vielen Folgen überhaupt noch neue Themen kommen können. Gordon gab mir damals den Tipp, zwischen den längeren Episoden kurze Folgen einzubauen. So entstanden die „Pilgerfragen an Peter“. Ich sammelte die Fragen einer Woche und beantwortete jeweils eine davon in einer kurzen Episode.

Zwischendurch gab es auch Pausen, zum Beispiel über Weihnachten und Neujahr. Im Moment erscheint der Podcast wieder wöchentlich, und das hat einen einfachen Grund: Es macht mir unglaublich viel Freude.

Die Begegnungen, die ein Pilger auf dem Jakobsweg erlebt, erlebe ich heute ein Stück weit auch im Podcast. Menschen erzählen von ihrem Camino, aber meistens erzählen sie dabei auch von ihrem Leben. Und genau das fasziniert mich bis heute.

Mein erster Jakobsweg begann nicht mit einer Lebenskrise

Wenn Menschen heute vom Jakobsweg erzählen, geht es häufig um einen Wendepunkt, um eine Krise oder um die Suche nach einer neuen Richtung. Deshalb vermuten viele, dass es bei meinem ersten Camino ähnlich gewesen sein muss.

Das war es nicht.

Der ursprüngliche Grund war meine Leidenschaft für Spanien und für die Fotografie.

Anfang der 1990er-Jahre war ich neben meiner beruflichen Tätigkeit viel in Spanien unterwegs. Ich fotografierte damals noch auf Dia und hielt anschließend Vorträge, vor allem über Andalusien, die Semana Santa und über die Geschichte und die Geheimnisse der Templer in Spanien.

Heute muss man sich immer wieder daran erinnern, wie anders Reisevorbereitung damals aussah. Es gab kein Internet, keine Apps und keine digitalen Karten. Alles, was man wissen wollte, musste man sich aus Büchern und in Bibliotheken zusammensuchen.

Als ich begann, eine Reise durch den Norden Spaniens vorzubereiten, nahm ich eine große Landkarte und markierte mit Stecknadeln die Orte, die ich besuchen und fotografieren wollte: Städte, Kirchen, Klöster, Baudenkmäler und besondere Landschaften.

Während dieser Recherche stellte ich irgendwann fest, dass fast alle diese Orte entlang eines alten Pilgerweges lagen.

1993 steckte der Jakobsweg noch in den Kinderschuhen. Die Markierungen waren nicht mit heute vergleichbar, die Infrastruktur war viel einfacher, und im deutschen Buchhandel gab es vielleicht drei oder vier Bücher, in denen man überhaupt etwas über den Camino oder den Norden Spaniens finden konnte.

Normalerweise wäre ich mit dem Auto gefahren. So hatte ich es bei meinen Reisen durch Südspanien auch gemacht. Doch diesmal dachte ich irgendwann: Das ist langweilig. Warum sollte ich diese Strecke nicht einfach laufen?

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht viel über das Pilgern. Ich hatte keinen großen inneren Auftrag und auch keine Vorstellung davon, was dieser Weg mit mir machen könnte. Ich wollte den Norden Spaniens sehen, fotografieren und erleben.

Was sich daraus entwickeln würde, begann erst unterwegs – und manches davon habe ich wahrscheinlich erst viel später verstanden.

Peter Kirchmann im Jakobsweg Podcast 1

18 Kilogramm Gepäck und eine große Portion Gelassenheit

Ich war 29 Jahre alt, als ich meinen ersten Camino ging. In diesem Alter sprüht man vor Energie und Tatendrang und macht gelegentlich Dinge, über die man später ein wenig schmunzeln muss.

Mein Rucksack wog ungefähr 18 Kilogramm.

Allein meine Fotoausrüstung brachte etwa viereinhalb Kilogramm auf die Waage. Dazu kamen Filme, Kleidung und vieles, von dem ich damals überzeugt war, dass ich es unbedingt brauchen würde. Heute würde ich niemandem empfehlen, mit einem solchen Gewicht loszulaufen. Wobei es auch heute noch Menschen gibt, die erstaunlich viel Gepäck mitnehmen.

Gerade in den ersten Tagen war dieser Camino für mich deshalb auch eine körperliche Grenzerfahrung. Ich kam an Punkte, an denen ich dachte, dass etwas nicht mehr möglich sei, und stellte dann fest, dass doch noch ein weiterer Schritt ging.

Diese Erfahrung habe ich mit nach Hause genommen: Dinge können möglich sein, obwohl sie sich im ersten Moment unmöglich anfühlen.

Nach dem Camino war da eine größere Gelassenheit gegenüber dem, was das Leben an Überraschungen bereithält. Nicht, weil ich plötzlich glaubte, alles schaffen zu können. Aber ich hatte erlebt, dass Grenzen nicht immer dort liegen, wo man sie vermutet.

Der zweite große Schatz waren die Begegnungen. Menschen, die ich damals kennenlernte, sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Aus einigen Begegnungen entstanden Freundschaften, und genau diese Freundschaften waren später auch einer der Gründe, warum ich wieder auf den Camino zurückkehrte.

Damals gab es keine sozialen Medien und kein Handy, das man unterwegs aus der Tasche ziehen konnte. Wenn man in Kontakt bleiben wollte, schrieb man Briefe oder telefonierte. Trotzdem blieben wir miteinander verbunden und verabredeten uns später wieder auf dem Weg.

So führte ein Camino zum nächsten.

Warum ich immer wieder auf den Camino gehe

Diese Frage wird mir häufig gestellt: Warum geht man den Jakobsweg mehrfach?

Meine erste Antwort im Interview war: Weil es Spaß macht und man irgendwann gar nicht mehr anders kann.

Ganz falsch ist das nicht, aber die eigentliche Antwort ist vielschichtiger.

Mein zweiter Camino entstand aus dem Wunsch, die spanischen Freunde wiederzusehen, die ich 1993 kennengelernt hatte. Auch beim dritten Weg waren einige dieser Menschen dabei. Danach kamen Caminos mit anderen Freunden, später Wege mit unserer Familie und mit Simone.

Jeder dieser Wege war anders. Ich habe nie dasselbe erlebt, und ich habe auch mich selbst auf keinem Camino genauso erlebt wie zuvor.

Beim zweiten oder dritten Mal beginnt man trotzdem automatisch zu vergleichen. Wird es noch einmal so wie damals? Kommen dieselben Gefühle zurück? War der erste Camino vielleicht der besondere, einmalige Weg, den man lieber in Ruhe hätte lassen sollen?

Ich habe irgendwann aufgehört, diese Vergleiche anzustellen. Oder zumindest dachte ich das, bis es mir auf unserem Camino im vergangenen Sommer noch einmal passiert ist.

Eunate und der Versuch, einen besonderen Moment zu wiederholen

Kurz vor Puente la Reina liegt das kleine romanische Kirchlein Santa María de Eunate. Wer von Pamplona kommt, muss dafür einen kleinen Umweg gehen.

Für mich gehört Eunate zu den besonderen Orten des Camino Francés. Als ich 1993 dort ankam, blieb ich fast einen ganzen Tag. Das Kirchlein stand damals noch viel einsamer in der Landschaft, umgeben von Feldern. Heute wachsen dort häufig Sonnenblumen, damals erinnere ich mich vor allem an Weizenfelder.

Um die Kirche verläuft ein offener Arkadengang. Man weiß nicht genau, ob er früher einmal ein Dach hatte. Ich zog meine Schuhe aus, ging dreimal barfuß um die Kirche und betrat anschließend diese kleine Kapelle.

Dort gibt es eine Stelle, an der ich eine ganz besondere Energie wahrgenommen habe. Ob man daran glaubt oder nicht, spielt wahrscheinlich keine Rolle. Für mich war sie spürbar. Ich blieb lange, verlor das Gefühl für die Zeit und ging erst am Abend weiter.

Damals hielten dort keine Reisebusse, deren Besucher schnell aussteigen, einen Blick in die Kirche werfen und kurz danach wieder verschwinden. Wer Eunate heute besuchen möchte, dem empfehle ich deshalb, möglichst früh am Morgen dort zu sein. Dann ist es still. Man hört die Vögel, manchmal läutet das kleine Glöckchen, und der Ort kann wieder etwas von seiner ursprünglichen Wirkung entfalten.

Die Magie des Weges, Eunate

Als ich viele Jahre später mit Simone dort war, wollte ich dieses Erlebnis unbedingt wiederholen. Ich ging erneut barfuß um das Kirchlein, betrat die Kapelle und wartete darauf, dass dasselbe Gefühl zurückkehren würde.

Es passierte nichts.

Zuerst ärgerte mich das. Dann musste ich über mich selbst schmunzeln.

So etwas lässt sich nicht erzwingen. Es ist vielleicht ein wenig wie das erste Verliebtsein. Man kann nicht beschließen, genau diesen einen Moment ein zweites Mal zu erleben. Der Ort mag derselbe sein, aber man selbst ist in einer anderen Lebensphase.

Das bedeutet nicht, dass spätere Caminos weniger wertvoll sind. Sie schenken einem nur etwas anderes.

Was das Gehen mit den Gedanken macht

Ein Grund, warum Menschen immer wieder auf den Camino gehen, liegt für mich auch in seinem einfachen Tagesrhythmus. Morgens steht man auf, geht, isst, schläft und beginnt am nächsten Tag wieder von vorn.

Das klingt zunächst nicht besonders aufregend. Doch genau diese Einfachheit schafft einen Raum, den viele Menschen in ihrem Alltag kaum noch erleben.

Auf meinem ersten Camino nahm ich einen regelrechten Gedankensturm mit. Da waren Gedanken an die Familie, an die Arbeit, an Freunde und an alles, was mich zu Hause beschäftigt hatte. Diese Gedanken verschwinden nicht, nur weil man einen Rucksack aufsetzt und losläuft. Sie begleiten einen und wiederholen sich. Man denkt denselben Gedanken nicht nur einmal, sondern zehnmal, fünfzigmal oder vielleicht hundertmal.

Irgendwann muss mein Gehirn wohl beschlossen haben, dass es langweilig wird. Alles war schon gedacht worden.

Ich habe den Übergang gar nicht bewusst bemerkt. Doch plötzlich fiel mir auf, dass ich seit einer Stunde überhaupt nichts mehr gedacht hatte.

Ich hatte einfach aufgehört zu denken.

Diese Erfahrung ist bis heute geblieben. Wenn ich in der Natur und wirklich in der Ruhe bin, kann ich mich gedanklich völlig lösen. Dann nehme ich Dinge wahr, die mir im normalen Alltag vielleicht entgehen würden. Ich sehe eine Schnecke, die einige Meter entfernt einen Baumstamm hinaufkriecht, höre Geräusche bewusster und bin tatsächlich dort, wo ich gerade bin.

Auf einem Camino viele Jahre später kam eine weitere Erfahrung hinzu:

Jeder Tag darf eine eigene Einheit sein.

Wir waren in Burgos gewesen, und die Kathedrale hatte mich völlig fasziniert. Sie wurde so aufwendig restauriert, dass man sich vorstellen kann, wie sie vielleicht im Mittelalter ausgesehen haben mag. Darüber könnte ich lange erzählen.

Doch am nächsten Morgen standen wir früh auf und liefen in der Dunkelheit aus der Stadt. Es war Sommer und schon am frühen Morgen warm. Dann ging die Sonne auf, und dieser Sonnenaufgang war das nächste Wunder – die Kathedrale trat für diesen Moment ganz in den Hintergrund. Am folgenden Tag kam wieder etwas Neues: eine Landschaft, eine Begegnung, ein Gedanke oder ein Augenblick, den man vorher nicht planen konnte.

So lernte ich, einen Tag nicht ständig mit dem vorherigen zu vergleichen. Jeder Tag bringt etwas Eigenes mit. Vielleicht ist das eine der Erfahrungen, die gerade in meiner heutigen Lebensphase besonders wichtig geworden sind.

Hätte ich nach dem ersten Camino aus Angst aufgehört, spätere Wege könnten die Erinnerung daran beschädigen, hätte ich all diese Erfahrungen nicht machen können.

Der Camino ist heute anders als 1993. Viele Orte wurden wunderbar restauriert, die Infrastruktur hat sich verbessert, und auf einigen Abschnitten sind erheblich mehr Menschen unterwegs. Trotzdem ist ein Teil des Weges gleich geblieben.

Selbst auf den letzten hundert Kilometern vor Santiago kann man Ruhe finden. Man kann antizyklisch gehen, sehr früh loslaufen oder später starten, wenn der größte Pulk bereits unterwegs ist. Oder man wählt einen weniger bekannten Weg. Es gibt eben nicht nur den einen Camino.

Wo ich zu Hause bin

Im Interview wollte Claudia mich irgendwann vom Jakobsweg herunterlocken und fragte, wo Peter Kirchmann eigentlich lebt, wenn er nicht gerade unterwegs ist.

Heute lebe ich mit Simone in Walldorf, südlich von Heidelberg. Doch wenn ich gefragt werde, woher ich komme, fällt unweigerlich der Bodensee.

Ich bin in Überlingen aufgewachsen. Wenn ich heute in diese Region fahre und zum ersten Mal wieder den See sehe, berührt mich das jedes Mal. Diese Ruhe und die majestätische Weite des Wassers haben etwas, das mich bis heute fasziniert.

Wenn ich Heimat beschreiben soll, ist Überlingen deshalb ein wichtiger Teil davon.

Und gleichzeitig ist Heimat für mich nicht nur ein bestimmter Ort. Vielleicht bin ich am ehesten dort zu Hause, wo die Menschen sind, die mich lieben.

Überlingen Bodensee

Mit 60 noch einmal neu anfangen

Claudia fragte mich auch nach einer Veränderung, die für mein Leben wahrscheinlich ebenso bedeutsam war wie mancher Camino: dem Entschluss, nach mehr als 35 Jahren meine berufliche Tätigkeit zu beenden und noch einmal neu anzufangen.

Um diese Entscheidung zu verstehen, muss ich die Zeit meiner Krankheit vorausschicken.

Ich war mehr als 15 Monate, wie ich es im Interview genannt habe, ausgeknockt. Es gab Operationen, Ungewissheit und die Erfahrung, dass das Leben innerhalb kurzer Zeit eine völlig andere Richtung nehmen kann.

In dieser Zeit habe ich sehr viel Dankbarkeit erfahren. In erster Linie gegenüber Simone und unserer Familie. Unsere Kinder haben diese Zeit mitgetragen. Ich bin dankbar für das Ärzteteam, das großartige Arbeit geleistet hat, für enge Freunde, die mich begleitet haben, und für Menschen aus der Community. Tom hat in dieser Phase vieles aufgefangen und weitergeführt.

Wenn man vor einer solchen Pforte steht, verändern sich die Gedanken.

Ich kann mich an einen Moment erinnern, in dem ich dachte: Es wäre wirklich schade, wenn es jetzt zu Ende wäre. Da sind noch so viele Ideen, und da ist noch so viel Kreativität, die ich gerne leben möchte.

Dieser Gedanke wurde zu einem Motor für die Entscheidung, noch einmal neu anzufangen.

Natürlich fiel die Entscheidung nicht von einem Tag auf den anderen. So funktioniert das wirkliche Leben selten. Auf der einen Seite spürte ich beruflich schon länger, dass etwas nicht mehr stimmte. Auf der anderen Seite redete ich mir immer wieder zu, dass ich die verbleibenden Jahre auch noch schaffen würde.

Da sind Zweifel, Sorgen und Ängste. Man beendet mit 60 nicht leichtfertig eine Tätigkeit, die das eigene Leben über Jahrzehnte geprägt hat, vor allem dann nicht, wenn äußerlich vieles in Ordnung erscheint.

Doch irgendwann war klar, dass ich diese Stufe meines Lebens loslassen durfte. Ich spürte, dass dieser Abschnitt beendet war, ohne bereits genau zu wissen, was danach kommen würde.

Vielleicht ist es ähnlich wie auf dem Camino. Manchmal sieht man den ganzen Weg noch nicht. Trotzdem weiß man, dass der nächste Schritt ansteht.

Von der Begeisterung für Technik zur Begeisterung für Menschen

Ich komme aus einer Unternehmerfamilie am Bodensee. Meine Eltern hatten ein Radio- und Fernsehgeschäft, „Fernseh Kirchmann“. Die Begeisterung für Technik wurde mir also beinahe mitgegeben.

Über mehr als 35 Jahre arbeitete ich später als Geschäftsführer und geschäftsführender Gesellschafter großer Elektrofachmärkte, zuletzt in Heidelberg. In den Anfangsjahren faszinierte mich tatsächlich die Technik. Fernseher, Computer, Telefone und all die Entwicklungen, die in diesen Jahrzehnten entstanden, waren genau meine Welt.

Ich war beruflich im Schwarzwald, in Weiterstadt und Heidelberg tätig und arbeitete zeitweise auch in Madrid und Barcelona mit, als dort Märkte eröffnet wurden.

Irgendwann verlagerte sich meine Begeisterung. Nicht weg von der Technik, aber immer stärker hin zu den Menschen.

Ich fand es faszinierend, junge Menschen zu erleben, die ihre Ausbildung begannen, Neues aufsaugten und sich entwickelten. Über viele Jahre begleitete ich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Führungskräfte, gab Schulungen und Seminare und war später auch deutschlandweit in der Personalentwicklung und an der Weiterentwicklung der Unternehmensphilosophie beteiligt.

Wenn ich heute auf diese lange Zeit zurückblicke, sind es nicht die Fernseher, Kühlschränke oder Computer, an die ich zuerst denke.

Es sind die Menschen.

Warum Menschen wichtiger sind als Kennzahlen

Zahlen mochte ich allerdings auch immer. Claudia kennt mich seit Jahren und weiß, dass ich Statistiken, Auswertungen, Keywords und Zusammenhänge spannend finde. Auch bei einem Podcast schaue ich mir natürlich an, welche Folgen gehört werden, welche Themen Menschen interessieren und wo etwas verbessert werden kann.

In meinem früheren Beruf hießen diese Zahlen KPIs, also Schlüsselkennzahlen.

In den Anfangsjahren war mein Denken stark darauf ausgerichtet, jede Kennzahl zu verbessern. Irgendwann stellte ich fest, dass in diesem System ein Denkfehler steckt.

Zumindest in einem Dienstleistungsunternehmen, in dem Menschen miteinander arbeiten, entsteht Erfolg nicht zuerst durch eine Kennzahl. Ich muss dafür sorgen, dass es den Menschen gut geht.

Wenn es meinen Führungskräften gut geht, können sie gut mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen. Wenn es den Mitarbeitern gut geht, begegnen sie auch den Kunden anders. Und wenn Kunden sich wohlfühlen, kommen sie gerne wieder.

Als ich das gedanklich verstanden hatte, wusste ich natürlich noch nicht, ob es in der Praxis wirklich funktionieren würde. Solche Veränderungen sind von außen kaum sichtbar. Sie beginnen in der eigenen Haltung.

Rückblickend kann ich sagen, dass es hervorragend funktioniert hat.

Am ersten Samstag eines Monats hielt ich vor den Mitarbeitern immer eine sogenannte Monatstreppenrede, obwohl wir gar keine Treppe hatten. Der Name hatte sich einfach eingebürgert.

Diese Reden endeten häufig mit einem Gedanken, der mich bis heute begleitet:

Lasst euch heute etwas einfallen, damit ihr bei jedem Menschen, dem ihr begegnet, in positiver Erinnerung bleibt.

Es musste nichts Großes sein. Vielleicht ein ehrliches Interesse, ein Lächeln, eine kleine Hilfe oder eine unerwartete Aufmerksamkeit.

Diesen Gedanken versuche ich auch heute zu leben. Ich möchte den Menschen, denen ich begegne, etwas mitgeben, das ihren Tag vielleicht ein wenig schöner macht.

Der Camino als Teil unserer Familie

Der Jakobsweg war zunächst meine eigene Leidenschaft. In den Anfangsjahren ging ich allein, später mit Freunden und auch mit einer Gruppe. Doch irgendwann wurde der Camino zu einem Teil unserer Familie.

Als unsere Kinder noch klein waren, liefen wir gemeinsam Wege in Deutschland und in der Schweiz. Wir waren am Bodensee unterwegs und auf dem Pfälzer Jakobsweg. Die Kinder waren damals ungefähr fünf und sieben Jahre alt.

Später gingen wir als Familie auch in Spanien. Ich erinnere mich besonders an einen Camino, als die Kinder bereits Teenager waren. Das war eine intensive und sehr wertvolle Zeit, die wir miteinander erleben durften.

Heute sind beide erwachsen. Unsere Tochter Alina ist inzwischen selbst zweimal mit ihrem Freund auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Irgendetwas davon ist also in unserer Familie geblieben.

Jakobsweg mit Kindern
Jakobsweg mit Kindern

Ob der Camino manchmal auch zu viel wird? Mit Sicherheit: Wenn mich etwas begeistert, kann ich sehr tief eintauchen. Dann rede ich viel darüber, entwickle neue Ideen und merke manchmal etwas spät, dass die Menschen um mich herum vielleicht gerade ein anderes Thema bevorzugen würden.

Insgesamt verbindet uns der Camino aber. Er ist längst nicht mehr nur ein Weg in Spanien, sondern auch ein Bild für Situationen, die wir aus dem Alltag kennen:

  • Wie geht man einen Berg hinauf? Schritt für Schritt.
  • Wie ruht man sich aus? Indem man eine Pause macht.
  • Was tut man, wenn etwas zu schwer wird? Man schaut, was man ablegen kann.

Während der Pandemie war es für unsere damals jugendlichen Kinder ganz selbstverständlich, nach draußen zu gehen. Sie trafen Freunde und liefen stundenlang durch den Wald. Das Gehen war ihnen vertraut, und so fanden sie eine Möglichkeit, diese schwierige Zeit für sich sinnvoll zu gestalten.

Vielleicht ist es genau das, was der Camino mit unserer Familie gemacht hat: Er hat uns eine gemeinsame Sprache für viele Situationen im Leben geschenkt.

Meine vielleicht größte Macke

Zum Ende des Gesprächs wollte Claudia noch wissen, welche Macke ich habe.

Meine erste Reaktion war, dass wir dazu eigentlich Simone fragen müssten. Ihr würden wahrscheinlich mehrere einfallen.

Eine kenne ich allerdings selbst: Wenn mich etwas begeistert, kann ich kaum aufhören.

Dann arbeite ich manchmal bis tief in die Nacht an einer Idee oder verliere mich völlig in einem Projekt. Diese Eigenschaft war schon nach meinem ersten Camino deutlich zu erkennen.

Ich kam 1993 zurück und war voller Jakobsweg. Ich erzählte jedem Menschen die komplette Geschichte. Nicht nur eine kurze Zusammenfassung, sondern wahrscheinlich jede Begegnung, jeden Ort und jeden Gedanken.

Das ging über Tage und Nächte.

Irgendwann hörten die Menschen vermutlich nur noch aus Höflichkeit zu. Mir selbst fiel das gar nicht auf.

Diese Macke ist bis heute vorhanden. Vielleicht ist sie manchmal anstrengend für mein Umfeld, gleichzeitig ist sie aber auch der Grund, warum aus einer Idee oft etwas entsteht.

Ein Mittelalterroman, über den ich eigentlich noch nicht sprechen wollte

Claudia ist Autorin. Als ich im Gespräch von meinen frühen Vorträgen über die Templer erzählte, nutzte sie deshalb die Gelegenheit und fragte nach einem Projekt, von dem bis dahin kaum jemand wusste.

Ich arbeite an einem Mittelalterroman.

Eigentlich wollte ich darüber noch gar nicht sprechen, und mein erster Gedanke war, dass wir diesen Teil aus der Folge herausschneiden müssten. Jetzt ist er trotzdem draußen.

Auch dieses Projekt gehört zu meiner Art, mich über lange Zeit mit einer Idee zu beschäftigen. Manche Projekte entwickeln sich bei mir über Jahre. Ich möchte nicht einfach nur etwas schnell fertigstellen, sondern wirklich in ein Thema eintauchen.

Für den Roman brauche ich Ruhe und einen Rückzugsort. Am liebsten würde ich dafür vermutlich einige Wochen auf einer mittelalterlichen Burg verschwinden. Die Idee ist bereits auf dem Papier. Weitergeschrieben wird wahrscheinlich in den Monaten, in denen die Tage kürzer werden und etwas mehr Ruhe einkehrt.

Wann er fertig sein wird, kann ich noch nicht sagen – aber er ist da.

Warum es wieder auf den Camino Primitivo geht

Kurz nach diesem Interview beginnt für Simone und mich der nächste Camino. Wir gehen erneut den Camino Primitivo.

Der Weg beginnt in Oviedo, der alten Königsstadt Asturiens, und führt durch kleine Dörfer und Städte, vor allem aber durch die kraftvolle Natur Nordspaniens. Er verläuft zwischen dem Camino Francés und dem Camino del Norte und führt immer wieder auf Höhen von mehr als tausend Metern.

Mit den Alpen lässt sich das nicht vergleichen, aber die Landschaft ist anspruchsvoll. Es gibt freilaufende Pferde und Kühe und manchmal auch einen großen Stier, der mitten auf dem Weg steht.

Mich fasziniert die Ursprünglichkeit dieses Caminos. Auf vielen Abschnitten sind deutlich weniger Pilger unterwegs, und die Infrastruktur ist einfacher als auf den bekannteren Wegen.

Der Camino Primitivo gilt als der älteste überlieferte Jakobsweg. Nachdem das Grab des Apostels Jakobus entdeckt worden sein soll, machte sich der asturische König von Oviedo auf den Weg nach Santiago. Damit wurde er zum ersten bekannten offiziellen Pilger auf dieser Route.

Diese Geschichte ist entlang des Weges immer wieder spürbar.

Camino Primitivo

Doch ich gehe nicht nur wegen seiner Historie zurück. Es ist die Landschaft, die Stille und die besondere Kraft dieser Region, die mich anzieht.

Was wir dort genau erleben werden, weiß ich noch nicht. Das ist ein wichtiger Teil des Caminos. Man kann sich vorbereiten, eine Route planen und sich auf bestimmte Orte freuen.

Doch der Weg darf mitentscheiden.

Was von all diesen Wegen geblieben ist

Als Claudia und ich das Gespräch beendeten, hatte ich viel geschmunzelt und auch einiges über mich selbst neu betrachtet.

Vielleicht braucht es manchmal einen Menschen gegenüber, der Fragen stellt, auf die man selbst gar nicht kommen würde.

Wenn ich heute auf die vergangenen Jahrzehnte schaue, sehe ich keinen geraden Plan. Ich sehe viele einzelne Schritte:

  • Eine Spanienkarte mit Stecknadeln.
  • Einen viel zu schweren Rucksack.
  • Freundschaften, die auf dem Weg entstanden sind.
  • Eine kleine Kirche in Eunate, in der sich ein Erlebnis nicht wiederholen ließ.
  • Mehr als tausend E-Mails, aus denen ein Podcast entstand.
  • Eine lange berufliche Zeit, in der aus der Begeisterung für Technik immer stärker eine Begeisterung für Menschen wurde.
  • Eine Krankheit, die mir gezeigt hat, wie kostbar das Leben und die Menschen an meiner Seite sind.
  • Und schließlich die Entscheidung, mit 60 noch einmal einen neuen Weg zu beginnen.

Der Jakobsweg hat mir nicht auf jede Frage eine Antwort gegeben. Das erwarte ich auch nicht von ihm. Aber er hat mir immer wieder einen Raum geschenkt, in dem ich genauer hinsehen konnte:

  • Manchmal auf den Weg vor meinen Füßen.
  • Manchmal auf die Menschen neben mir.
  • Und manchmal auf mich selbst.

Vielleicht gehe ich deshalb immer wieder los. Nicht, um das zu wiederholen, was einmal war. Sondern um wahrzunehmen, was heute da ist.

Das ganze Gespräch mit Claudia – mit noch mehr Geschichten, als hier Platz hatten – kannst du dir in der aktuellen Podcastfolge anhören.

Buen Camino.

Dein Peter

Claudia Homberg Autorin
Herzliches Dankeschön an Claudia Homberg
Autorin

Claudia Homberg schreibt Romane über Sehnsucht, Freiheit und die leisen Entscheidungen, die ein Leben verändern. Bevor Claudia Romane schrieb, war sie Journalistin und begleite seit über fünfzehn Jahren Menschen als LifeCoach an Wendepunkten ihres Lebens. Diese Erfahrung fließt heute in jede Geschichte von ihr ein.

zur Webseite: Claudia Homberg, Autorin

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