Jakobsweg Studie 2026

588 Pilger · Peer-reviewed · Open Access

Jakobsweg Studie 2026: Was wirklich passiert, wenn Menschen pilgern

Wissenschaftliche Jakobsweg Studie 2026

588 deutschsprachige Pilgerinnen und Pilger haben uns erzählt, warum sie gegangen sind, was sie erlebt haben – und warum die Rückkehr so schwer fällt. Die Ergebnisse haben mich selbst überrascht.

Seit über 30 Jahren begleite ich, Peter Kirchmann, Menschen auf dem Jakobsweg – als Pilger, als Autor, als Podcast-Host und als Gründer einer großen deutschsprachigen Jakobsweg-Community. Ich habe Tausende Geschichten gehört. Und trotzdem hat mich diese Studie an mehreren Stellen überrascht.

Die Studie wurde gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Braun, Wirtschaftspsychologe an der BSP Business & Law School Berlin, durchgeführt. 588 deutschsprachige Pilgerinnen und Pilger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben teilgenommen. Der erste wissenschaftliche Artikel ist peer-reviewed publiziert im Journal of Tourism and Cultural Change (Open Access). Weitere Publikationen befinden sich im Peer-Review-Verfahren.

In diesem Artikel teilen wir die wichtigsten Ergebnisse – mit den Daten dahinter, mit Antworten aus der Befragung und mit meiner persönlichen Einordnung als jemand, der den Weg kennt.

Erstmals systematisch erforscht: Was der Jakobsweg mit Menschen macht

Über 588 deutschsprachige Pilger haben in dieser Studie Auskunft gegeben — über ihre Motive, ihre Erlebnisse unterwegs und über die Zeit danach. Verantwortet von Peter Kirchmann (Jakobsweg-Lebensweg.de) und Prof. Dr. Andreas Braun (BSP Business School Berlin) entstand so der bisher größte empirische Datensatz im deutschsprachigen Raum.


Methodisch verbindet die Untersuchung quantitative Skalen mit offenen, qualitativen Antworten. Das Ergebnis sind nicht nur belastbare Zahlen, sondern auch Stimmen, in denen sich viele Pilger wiederfinden werden.

Publiziert wurde die Studie im Journal of Tourism and Cultural Change — peer-reviewed und vollständig im Open Access verfügbar.

Stichprobe:
588 deutschsprachige Pilger

Methode:
Online-Survey, quantitativ + qualitativ


Zeitraum:
Erhebung Ende 2025 – 2026


Publikation:
Journal of Tourism and Cultural Change


Verfügbarkeit:
Open Access, peer-reviewed
DOI
10.1080/14766825.2026.2688831

Die wichtigsten Ergebnisse

Unterschiedliche Lebensphasen

Warum der Camino uns in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich ruft

mehr erfahren ->

6 Pilgertypen

Krisenläufer, Essentialist oder Gemeinschaftspilger? Die Studie identifiziert sechs grundverschiedene Pilgertypen. Finde heraus, welcher du bist.

mehr erfahren ->

Der Camino Blues

4,29 von 5: So stark ist die Sehnsucht nach dem Weg. Was passiert, wenn der Camino endet und der Alltag beginnt? Vielleicht das überraschendste Ergebnis der Studie.

mehr erfahren ->

Warum diese Studie besonders ist

Erste große empirische Pilgerstudie im deutschsprachigen Raum

588 Teilnehmende über alle Altersgruppen, Routen und Erfahrungsstufen

Kombination aus harten Zahlen und echten Pilgerstimmen

Entstanden aus 30 Jahren Camino-Erfahrung und wissenschaftlicher Methodik

Best Paper Award für Forschungsbeitrag zum Jakobsweg

Camino-Erfahrung trifft Wissenschaft

Peter Kirchmann
Pilger, Podcaster, Community-Gründer

Peter Kirchmann ist systemischer Berater, Jakobsweg-Experte und Gründer von Jakobsweg-Lebensweg. Im Rahmen der Studie verantwortet er die inhaltliche Konzeption aus Pilgersicht, die Gewinnung der Teilnehmenden über seine große deutschsprachige Jakobsweg-Community sowie die praxisnahe Einordnung und Vermittlung der Ergebnisse. Seit 1993 ist er auf europäischen Pilgerwegen unterwegs und hat mehr als 6.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Mit jakobsweg-lebensweg.de betreibt er seit 2015 eine der reichweitenstärksten deutschsprachigen Pilgerplattformen mit Podcast und Community. Seine Erfahrung und der enge Austausch mit Tausenden Pilgerinnen und Pilgern waren eine wesentliche Grundlage der Studie.

Zitierfähige Aussage:

„Diese Studie bestätigt, was ich seit mehr als 30 Jahren erlebe: Der Jakobsweg wirkt. Nicht als Allheilmittel, sondern als Raum, in dem Menschen zur Ruhe und wieder mehr zu sich selbst kommen.“

– Peter Kirchmann, Studienautor der Jakobsweg-Studie 2026

Andreas Braun
BSP Business School Berlin

Andreas Braun ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Innovationsmanagement. Im Rahmen der Studie verantwortet er die wissenschaftliche Methodik – von der Fragebogenkonstruktion über die statistische Auswertung bis zur Publikation in einem internationalen Fachjournal. Seit 2016 leitet er zudem ein hochschulbasiertes Jakobsweg-Projekt, das erfahrungsorientiertes Lernen, persönliche Entwicklung und wissenschaftliche Forschung miteinander verbindet. Mehr als 120 Studierende haben bislang an dem Projekt teilgenommen, das jährlich von Astorga nach Santiago führt.

Zitierfähige Aussage:

„Unsere Daten zeigen: Die emotionalen Erfahrungen auf dem Jakobsweg sind kein Zufall. Die gleichen Orte lösen bei völlig verschiedenen Menschen die gleichen Gefühle aus — unabhängig von Alter, Geschlecht oder Vorerfahrung. Der Weg wirkt universell.“

– Andreas Braun, Studienautor der Jakobsweg-Studie 2026

Die Studie im Podcast

In dieser Folge sprechen Peter Kirchmann und Prof. Dr. Andreas Braun über die Ergebnisse — von den Motiven über die Pilgertypen bis zum Camino Blues.

LIES AUCH WEITER

In der Jakobsweg-Studie

Die Studie wurde gemeinsam von Peter Kirchmann und Prof. Dr. Andreas Braun, Wirtschaftspsychologe an der BSP Business & Law School Berlin, durchgeführt. 588 deutschsprachige Pilgerinnen und Pilger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben teilgenommen. Der erste wissenschaftliche Artikel ist peer-reviewed publiziert im Journal of Tourism and Cultural Change (Open Access). Weitere Publikationen befinden sich im Peer-Review-Verfahren.

Camino-Effekt

Die Idee hinter der gemeinsamen Umfrage.

mehr erfahren ->

Ergebnisse

Was wirklich passiert, wenn Menschen pilgern.

mehr erfahren ->

6 Pilgertypen

6 Typen, ein Weg – Welcher bist du?

mehr erfahren ->

Camino Blues

wenn die Rückkehr schwerer ist als der Weg.

mehr erfahren ->

Lebensphasen

Warum der Camino uns in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich ruft.

mehr erfahren ->

Presse & Medien

Fact Sheet, Pressetexte, Infografiken und Kontakt für Journalisten.

mehr erfahren ->

588 Pilger, sechs Erkenntnisse und meine persönliche Einordnung nach 30 Jahren auf dem Jakobsweg.

1. Wer geht überhaupt den Jakobsweg? Das Profil der deutschsprachigen Pilger

Bevor wir über Erfahrungen sprechen, lohnt ein Blick auf die Menschen, die wir befragt haben. Das Bild überrascht viele — denn der typische deutschsprachige Pilger ist weder der junge Rucksacktourist noch der pensionierte Kirchgänger. Die Realität ist differenzierter, diverser und in einem Punkt besonders auffällig: dem Alter.

Durchschnittsalter 61 Jahre. Fast perfekt geschlechterbalanciert mit 51 % Frauen und 49 % Männern. Knapp die Hälfte im Ruhestand, 45 % noch berufstätig. Mehr als ein Drittel mit Master- oder Diplomabschluss. Der Jakobsweg ist kein Aussteiger-Projekt — er ist Mainstream, aber ein sehr bewusster. Das Alter erzählt dabei die eigentliche Geschichte: Viele gehen den Weg in einer Phase, in der zum ersten Mal seit Jahrzehnten echte Zeit für sich entsteht.

STUDIEN ERGEBNIS

10 Studie Demografie_Kombi

2. Altersstruktur der Jakobsweg-Studie

Der Jakobsweg ist kein Jugendprojekt bei den deutschsprachigen Pilgern. Die Altersverteilung zeigt, wann Menschen den Weg gehen — und warum gerade diese Lebensphase entscheidend ist.

STUDIEN ERGEBNIS

09 Studie Altersstruktur

61 Jahre im Durchschnitt bedeutet nicht, dass der Jakobsweg ein Rentnerprojekt ist. Die Spanne reicht von Mitte 20 bis über 80. Aber der Schwerpunkt liegt klar in der zweiten Lebenshälfte — dort, wo Berufsausstieg, Lebensbilanz oder der Wunsch nach Neuorientierung zusammentreffen. International sieht das Bild anders aus: Weltweit stellt die Altersgruppe 18 bis 45 die größte Gruppe.

3. Geschlecht der Jakobsweg-Studie

Wer pilgert — Frauen oder Männer? Die Antwort ist überraschend eindeutig: beide. Zu fast gleichen Teilen.

STUDIEN ERGEBNIS

11 Studie Geschlecht

51 % Frauen, 49 % Männer — eine nahezu perfekte Gleichverteilung. Das widerspricht dem Klischee des einsamen männlichen Wanderers ebenso wie dem der spirituell suchenden Frau. Der Jakobsweg ist einer der wenigen Orte, an denen Geschlecht keine Rolle zu spielen scheint — weder bei der Entscheidung zu gehen, noch bei dem, was unterwegs passiert.

Was mich persönlich beschäftigt: Das Alter. 61 Jahre im Durchschnitt bedeutet, dass viele dieser Menschen den Weg in einer Phase gehen, in der sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten echte Zeit für sich haben. Und das ist kein rein deutsches Phänomen – auch global ist die Altersgruppe 46 bis 65 eine der stärksten überhaupt. Aber eine wichtige Einschränkung gilt: Unsere Studie erfasst ausschließlich deutschsprachige Pilger. Das globale Bild sieht deutlich anders aus (siehe Schaukasten).

Zum Vergleich – die globale Pilgerstatistik

  • Über 530.000 Pilger erreichten 2025 Santiago de Compostela
  • 43 % davon sind Spanier – für viele ist der Camino kulturelle Tradition, kein Lebensprojekt
  • 30 % aller Pilger starten erst in Sarria – nur 120 km vor dem Ziel. Darunter viele Jugendliche, Schulklassen, Gruppen
  • Die Altersgruppe 18-45 Jahre stellt mit über 215.000 Pilger die größte Gruppe weltweit
  • Die Altersgruppe 46–65 Jahre folgt mit über 205.000 Pilgern dicht dahinter

Quelle: Oficina del Peregrino, Catedral de Santiago de Compostela, 2025

4. Auslöser: Was Menschen auf den Jakobsweg bringt?

Das ist die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme — und die Daten geben eine sehr klare Antwort. Es ist selten ein einzelner Moment, der Menschen auf den Jakobsweg bringt. Meistens ist es ein schleichender Prozess: Ein Buch, das etwas auslöst. Ein Gespräch, das hängen bleibt. Eine Lebensphase, in der normale Auszeiten nicht mehr reichen. Wir haben 588 Pilger gefragt, was der entscheidende Impuls war.

STUDIEN ERGEBNIS

03 Studie was war Kernmotiv

Medien und Literatur sind mit 22 % der häufigste Auslöser — vor allem Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“. Dahinter folgen Sport und Herausforderung (13 %) und Lebenskrisen (13 %). Auffällig: Viele berichten, der Weg habe sie seit Jahren „verfolgt“ — bis sie irgendwann gegangen sind.

1. Medien und Literatur – und fast immer Hape Kerkeling

Der mit Abstand häufigste Auslöser: Bücher, Filme, Dokumentationen. 128 von 588 Befragten nannten Medien als primären Impuls – fast doppelt so viele wie die nächste Kategorie.

Und wenn man die offenen Antworten liest, taucht ein Name immer wieder auf: Hape Kerkeling. „Ich bin dann mal weg“hat mehr Menschen auf den Jakobsweg gebracht als jede Marketingkampagne der Welt. Ich selbst habe das in meiner Community immer wieder erlebt – aber es auf diese Weise schwarz auf weiß zu sehen, ist trotzdem beeindruckend.

„Das Buch hat mich geholt. Der Jakobsweg hat mich geholt. Ich hatte es nicht vorgehabt.“

2. Sport, Wandern, Herausforderung

Unterschätzt und wichtig: Ein erheblicher Teil der Pilger geht den Weg primär als körperliche Herausforderung. Das klingt profan – ist es aber nicht. Denn gerade dieser Typ entdeckt unterwegs oft etwas, das er gar nicht gesucht hat.

3. Lebenskrise und Schicksalsschlag

Trennung. Burnout. Krankheit. Tod eines nahestehenden Menschen. Für viele ist der Jakobsweg keine Freizeitgestaltung, sondern ein letzter Ausweg in einer Zeit, in der normale Auszeiten nicht mehr reichen.

„Nach dem Ende meines Berufslebens, einer gesundheitlichen Krise und dem Ende einer Beziehung schien mir der Camino das Richtige, um Altes zu bearbeiten und einen Schritt in die Zukunft zu machen.“

4. Soziale Einflüsse

Freunde, Familienmitglieder, Bekannte – Menschen, die schon gegangen sind und davon erzählt haben. Mundpropaganda funktioniert beim Jakobsweg auf eine besondere Art: Wer ihn gegangen ist, will davon erzählen. Und wer zuhört, will selbst gehen.

5. Ruf und Sehnsucht

Das ist die Kategorie, die sich am schwersten beschreiben lässt. Menschen berichten, dass der Jakobsweg sie seit Jahren „verfolgt“ hat. Dass sie immer wieder darüber gestolpert sind – in einem Buch, in einem Gespräch, auf einem Schild. Bis sie irgendwann gegangen sind.


5. Gemeinsam oder allein? Das Paradox des Jakobswegs

Die Vorstellung vom einsamen Pilger mit Rucksack und Muschel ist eines der stärksten Bilder des Jakobswegs. Doch wie viele gehen tatsächlich allein — und was bedeutet „allein“ auf einem Weg, auf dem man täglich Hunderten begegnet? Die Daten zeigen ein überraschendes Bild.

STUDIEN ERGEBNIS

Jakobsweg Studie Ergebnisse 2026 1

Die Mehrheit der deutschsprachigen Pilger startet allein — und erlebt trotzdem das gemeinschaftlichste Ereignis ihres Lebens. Das ist eines der großen Paradoxe des Jakobswegs: Wer allein geht, ist nie allein. Die Studie zeigt, dass gerade die Solo-Pilger die tiefsten Begegnungen berichten — mit Fremden, die nach drei Tagen zu Vertrauten werden.

6. Welches sind die beliebtesten Routen auf dem Jakobsweg?

Es gibt nicht den einen Jakobsweg — sondern Dutzende. Allein in Spanien führen mehr als ein halbes Dutzend Hauptrouten nach Santiago de Compostela, jede mit eigenem Charakter, eigener Landschaft und eigener Herausforderung. Doch welche Wege wählen deutschsprachige Pilger tatsächlich — und wie viele gehen mehr als einen? Die Studie zeigt klare Favoriten, aber auch einen überraschend hohen Anteil an Wiederholungspilgern, die mehrere Routen kennen.

STUDIEN ERGEBNIS

01 Studie Beliebteste_Routen

Der Camino Francés dominiert mit 69 %, dicht gefolgt vom Portugués (60 %). Der Norte (23 %) und der Primitivo (16 %) sind Routen für Erfahrene. Mehrfachnennungen waren möglich — viele deutschsprachige Pilger gehen mehr als eine Route.

7. Die größten Hürden auf dem Jakobsweg

Über den Jakobsweg wird viel Schönes geschrieben. Weniger darüber, was wirklich schwer ist — körperlich, mental, manchmal beides gleichzeitig. Doch gerade die Hürden gehören zur Wahrheit des Weges. Wer sie kennt, bevor er losgeht, geht nicht leichter — aber bewusster.

STUDIEN ERGEBNIS

07 Studie Hürden

Körperliche Belastung steht für die meisten Pilger an erster Stelle: Blasen, Sehnenentzündungen, Erschöpfung. Aber die Studie zeigt auch, dass mentale Hürden oft unterschätzt werden — Zweifel, Einsamkeit in den ersten Tagen, die Frage, ob man es schafft. Interessant: Dieselben Pilger, die von Hürden berichten, beschreiben sie im Rückblick häufig als die wertvollsten Momente. Was auf dem Weg schwer war, wird danach zur Quelle von Selbstvertrauen.

8. Die Kraft der Begegnungen: Warum der Jakobsweg ein sozialer Weg ist

Man geht allein los — und trifft die Menschen, die man nie gesucht hat. Begegnungen auf dem Jakobsweg haben eine Qualität, die im Alltag selten wird: schnell, tief, ehrlich. Die Studie zeigt, dass genau diese Momente stärker wirken als jede Landschaft und jede Ankunft.

STUDIEN ERGEBNIS

08 Studie Gemeinschaftserlebnis

Begegnungen und Gemeinschaft sind mit 28 % aller Nennungen der am häufigsten genannte berührendste Moment — weit vor der Ankunft in Santiago (15 %) und den Camino-Engeln (13 %). Was Pilger beschreiben, klingt fast immer gleich: Fremde, die nach drei Tagen zu Vertrauten werden. Gespräche, die so tief gehen, wie sie es zu Hause nie täten. Gemeinsames Kochen, Teilen, Schweigen. Der Jakobsweg ist vor allem ein sozialer Weg — auch und gerade für die, die allein gehen.

9. Sechs Pilgertypen auf dem Jakobsweg — Welcher bist du?

Hinter dem gleichen Weg stehen sehr verschiedene Menschen — mit sehr verschiedenen Bedürfnissen, Erwartungen und Erfahrungen. Die Studie identifiziert sechs Typen, die sich so deutlich wiederholen, dass man von empirischen Mustern sprechen kann. Ich kenne alle sechs aus meiner Community. Und ich erkenne mich selbst in mehr als einem.

STUDIEN ERGEBNIS

06 Studie Pilgertypen_Netz

Sechs Typen, sechs Gründe: Der Krisenläufer sucht Atemraum, der spirituell Suchende den Gott des Weges, der Bewährungsläufer will wissen, ob er es schafft. Der Entschleuniger findet ausgerechnet in der Leere der Meseta den bedeutsamsten Moment. Der Gemeinschaftspilger geht allein und findet tiefste Verbindung. Der Wiederholungspilger ist längst nicht mehr unterwegs — der Weg ist sein Leben geworden.

Typ 1: Der Krisen- und Neuorientierungspilger

Dieser Typ startet aus einer biografischen Überforderung heraus. Der Camino wird nicht als Abenteuer gesucht, sondern als Unterbrechung – als Atemraum, als Heilungsraum. Besonders berührend sind für diesen Typ oft Momente von Hilfe, Trost, Loslassen.

Was am Ende bleibt: „Mehr Gelassenheit“„wieder bei mir angekommen“„mein Leben neu sortiert“. Keine großen Worte – aber tiefe Wahrheiten.

Dieser Typ ist in unserer Studie sehr stark vertreten. Das überrascht mich nicht. Es bestätigt etwas, das ich schon lange glaube: Der Jakobsweg ist einer der wenigen Orte, an denen Schmerz seinen Platz bekommt.

Typ 2: Der spirituell Suchende

Hier steht nicht primär eine Krise im Vordergrund, sondern die Suche nach Gott, Sinn, Transzendenz. Aber Vorsicht: Das ist nicht unbedingt der klassisch-kirchliche Typ. Viele beschreiben eine hybride Spiritualität – zwischen Glaube, persönlicher Mystik und offener Sinnsuche.

„Ich habe meinen Glauben wiedergefunden und mich selbst.“ „Ich weiß nun, dass ich Teil von etwas Größerem bin.“

Schlüsselmomente finden in Kirchen statt, in Messen, am Cruz de Ferro – aber auch in einsamen Morgendämmerungen irgendwo in Galizien.

Typ 3: Der Selbstwirksamkeits- und Bewährungspilger

Die zentrale Frage dieses Typs: Kann ich das schaffen? Der Weg ist eine körperliche und mentale Herausforderung, an der sich etwas beweisen lässt – nicht anderen, sondern sich selbst.

Was faszinant ist: Dieser Typ sucht oft keine Transformation und findet sie trotzdem. Denn wer 800 Kilometer gegangen ist, weiß hinterher, dass er mehr kann, als er dachte.

„Ich weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich wirklich machen will. Egal, wie andere das einschätzen.“

Typ 4: Der Entschleunigungs- und Wesentlichkeitspilger

Natur, Einfachheit, Stille. Reduktion auf das Wesentliche. Der Jakobsweg als Gegenwelt zu Beschleunigung, Konsum, Überfrachtung. Dieser Typ schleppt zu Beginn oft noch zu viel im Rucksack – und lernt schnell.

„Was man im Leben braucht, passt in einen Rucksack.“ „Man braucht nicht viel, um glücklich und zufrieden zu sein.“

Ich erlebe diesen Typ besonders häufig bei Menschen, die aus dem Berufsleben in den Ruhestand wechseln – und merken, dass der Alltag sie jahrzehntelang mit Dingen gefüllt hat, die sie gar nicht gebraucht haben.

Typ 5: Der Beziehungs- und Gemeinschaftspilger

Paradox, aber wahr: Viele Menschen gehen den Jakobsweg allein – und erleben ihn als das gemeinschaftlichste Ereignis ihres Lebens. Dieser Typ sucht genau das: echte Verbindung, echte Gespräche, echtes Miteinander.

„Wenn alle so wären wie die Pilger, gäbe es auf der Welt keine größeren Probleme.“

Übertrieben? Vielleicht. Aber ich verstehe, warum jemand das schreibt. Die Begegnungen auf dem Camino haben eine Qualität, die im Alltag selten wird.

Typ 6: Der Wiederholungspilger und Camino-Lebensstil-Typ

Für diesen Typ ist der Jakobsweg kein einmaliges Ereignis mehr, sondern Lebenslinie. Er geht jährlich. Er strukturiert Urlaube, manchmal das ganze Leben um den Camino herum. Der Weg ist Identität geworden.

„Nach dem Camino ist vor dem Camino.“

In meiner Community kenne ich viele, die zu diesem Typ geworden sind. Ich selbst gehöre dazu. Und ich finde das nicht problematisch – sondern zutiefst menschlich. Wenn etwas gut tut, kehrt man zurück.

10. Klärung statt Transformation: Was der Jakobsweg wirklich verändert

Der Jakobsweg gilt als Ort der großen Verwandlung — das Leben auf links krempeln, der radikale Neustart. Und ja, das kommt vor. Aber es ist nicht das, was die meisten erleben. Was die Daten zeigen, ist stiller, unspektakulärer — und in meinen Augen genauso wertvoll.

STUDIEN ERGEBNIS

04 Studie Klaerung statt Transformation

Innere Ruhe steht mit 15 % an erster Stelle, gefolgt von gesteigertes Selbstvertrauen mit 14 % der Befragten. Wertewandel und ein neues Verhältnis zu Besitz folgen mit 9 %. Konkrete Lebensumbrüche — der Jobwechsel, die Scheidung, der Neustart — mit 4 %.

11. Camino Blues: Wenn die Rückkehr schwerer ist als der Weg

Über den Aufbruch wird viel geschrieben. Über die Ankunft auch. Aber über das, was danach kommt, spricht kaum jemand — bis es passiert. Der Camino Blues ist das Phänomen, das Rückkehrer am meisten überrascht. Unsere Daten zeigen, wie weit verbreitet das ist — und dass es kein Zeichen von Schwäche ist.

STUDIEN ERGEBNIS

05 Studie Camino_Blues

Der höchste Einzelwert der gesamten Studie ist kein Zufriedenheitswert — es ist Sehnsucht. 4,29 von 5 Befragten wollen möglichst bald wieder gehen. 4,18 vermissen die besondere Atmosphäre des Camino. Fast die Hälfte (2,95) spürt, dass Teile des Alltags nicht mehr passen. Das Gefühl echter Desorientierung (2,46) bleibt in der Minderheit — aber die Sehnsucht nach dem Weg ist beinahe universell. Der Camino Blues zeigt, dass der Weg gewirkt hat. Wer nichts empfindet, hat nichts erlebt.

Was die Daten zeigen

Wir haben fünf Aussagen zur Rückkehr gemessen, auf einer Skala von 1 bis 5. Die Ergebnisse:

  • „Ich hatte das Bedürfnis, möglichst bald wieder einen Camino zu gehen“: 4,29 – das ist der höchste Einzelwert der gesamten Befragung. Höher als jede Zufriedenheitsfrage, höher als jede Motivfrage.
  • „Ich habe mich nach der besonderen Atmosphäre des Caminos gesehnt“: 4,18
  • „Ich hatte das Gefühl, Teile des Alltags passten nicht mehr zu mir“: 2,95
  • „Ich habe mich nach meiner Rückkehr ungewohnt leer oder orientierungslos gefühlt“: 2,46

Das Bild ist klar: Die Sehnsucht nach dem Weg ist enorm. Das Gefühl echter Desorientierung bleibt in der Minderheit – aber das Gefühl, dass der Alltag nicht mehr ganz passt, ist weit verbreitet.

Warum passiert das?

Der Camino hat einen anderen Takt. Sechs, acht Stunden Gehen pro Tag. Keine Termine. Keine Entscheidungen jenseits der nächsten Herberge. Das Gehirn gewöhnt sich daran – und es tut gut. Wenn dieser Rhythmus plötzlich wegfällt, protestiert etwas in uns.

Dazu kommt: Die sozialen Kontakte auf dem Camino sind von einer Intensität, die im Alltag selten ist. Man teilt alles – Schmerz, Erschöpfung, Freude, Stille. Diese Dichte fehlt danach.

Was Pilger selbst berichten

„Zuviel Geschwindigkeit im Leben. Zu wenig Achtsamkeit der Menschen untereinander. Das Gefühl, nicht mehr kompatibel zu sein.“

„Voll Sehnsucht und still, vom Echo der Eindrücke geprägt.“

„Ich war zweieinhalb Monate unterwegs – und die meisten wollten es in zwei Sätzen hören.“

„Wie in einer ›falschen‹ Welt. Alles zu laut, zu schnell.“

Das letzte Zitat trifft es für mich am besten. Der Camino verändert die Wahrnehmung. Danach wirkt der Alltag manchmal wie auf zu hohem Tempo gestellt.

Was hilft

Aus meiner Erfahrung – und das bestätigen auch viele in meiner Community – hilft vor allem eines: Zeit. Die Rückkehr nicht überstürzen. Wenn möglich, nicht direkt vom Flugzeug ins Büro. Ein paar Tage Übergang einplanen.

Wer langsam zurückkommt – mit dem Zug statt dem Flieger, mit einem Zwischenstopp, mit einem letzten Abend allein – trägt den Weg ein Stück länger mit sich. Das klingt romantisch. Es ist pragmatisch.


Was wirklich passiert unterwegs – und was der Mythos verschweigt

Der Mythos der totalen Transformation

Der Jakobsweg gilt als Ort der Verwandlung. Das große Leben-auf-links-krempeln, der radikale Neustart. Und ja – das kommt vor. Aber es ist nicht das, was die meisten erleben.

Was die Daten zeigen: Die häufigsten selbst beschriebenen Veränderungen sind innere Ruhe und Gelassenheit (mit Abstand am häufigsten), gefolgt von Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit, dann veränderter Umgang mit Besitz und Konsum.

Konkrete biografische Umbrüche – der Jobwechsel, die Scheidung, der Neustart – kommen vor, aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Was viel häufiger passiert, ist stiller und in meinen Augen genauso wertvoll: Klärung. Dinge sortieren sich. Prioritäten werden sichtbar. Man hört Fragen, die man zu Hause unter dem Lärm des Alltags nicht mehr hören konnte.

„Ein bisschen mehr Gelassenheit, ein Problem – nicht ganz gelöst, aber fast/gut genug.“

Das klingt bescheiden. Es ist es nicht. Für viele Menschen ist genau das der Durchbruch.

Was den Camino wirklich ausmacht: die anderen Menschen

Ich stelle diese Frage seit Jahren in meinem Podcast und meiner Community: Was war dein berührendster Moment auf dem Camino?

Die Antworten haben mich immer überrascht. Und die Studiendaten bestätigen es jetzt wissenschaftlich:

Der berührendste Moment ist fast nie die Ankunft in Santiago.

Die Auswertung der offenen Antworten ergibt folgendes Bild:

Was hat dich auf dem Camino am meisten berührt momente
  • Begegnungen und Gemeinschaft mit Abstand Platz 1
  • Ankunft und Zielerreichung Platz 2
  • Camino-Engel (Hilfe durch andere) Platz 3
  • Selbstbegegnung und Transformation
  • Liturgie und Ritual
  • Naturerfahrung

Das ist eine wichtige Botschaft für alle, die den Camino planen: Du gehst nicht dorthin, um irgendwo anzukommen. Du gehst dorthin, um zu begegnen.

Menschen begegnen dir auf dem Weg, die du vorher nie getroffen hättest. Sie kommen aus anderen Ländern, anderen Lebenswelten, anderen Krisen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – entstehen Gespräche von einer Tiefe, die im normalen Leben selten wird.

„Als Fremde zu Vertrauten wurden – das hätte ich so nicht erwartet.“ „In der Stille auf einmal eine unbekannte Person kennenlernen, und das Gefühl, ob man sich seit Jahren schon kennt.“ „Schnellen und intensiven Kontakt zu anderen Menschen bekommen. Sehr persönliches Teilen. »Genau so jemanden wie dich wollte ich treffen.«“

Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht – auf dem Camino Francés, auf dem Primitivo, auf dem Küstenweg. Immer wieder. Und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin.

Was Pilger über den Jakobsweg wissen wollen

Taschenbuch: Jakobsweg 200 Fragen (2.Auflage)

Was muss ich wissen, bevor ich losgehe? Diese Frage stellen sich fast alle, die vom Jakobsweg träumen – egal, ob sie ihn gerade erst entdecken oder schon bald die ersten Schritte auf dem Camino gehen. Mit Bonusmaterial und Checklisten.

Was die Erwartungen lehren

Die Dimensionen Erwartungserfüllung zeigen: Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat auf dem Camino gefunden, was sie gesucht hat – oder mehr. Besonders hoch ist die Zufriedenheit bei Natur, Abenteuer und dem allgemeinen Gefühl, dass der Weg zu den eigenen Motiven gepasst hat.

Etwas gedämpfter sind die Werte bei der Frage, ob der Weg die gesuchte Klarheit oder Orientierung gebracht hat. Das ist ehrlich und wichtig: Der Camino ist kein Therapeut. Er stellt Fragen – er beantwortet sie nicht immer.


Was bleibt: Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick

Für alle, die keine Zeit für den ganzen Artikel haben, hier die Kernaussagen:

Wer geht: Durchschnittlich 61 Jahre, fast gleich viele Frauen wie Männer, zur Hälfte im Ruhestand.

Warum Menschen gehen: Medien und Literatur (vor allem Hape Kerkeling) sind der häufigste Auslöser, gefolgt von Sport und Herausforderung sowie Lebenskrisen und Übergängen.

Was wirklich passiert: Keine totale Transformation, aber tiefe Klärung. Gelassenheit. Selbstvertrauen. Ein neues Verhältnis zu Besitz.

Was am meisten berührt: Nicht die Ankunft in Santiago, sondern die Begegnungen mit anderen Menschen.

Was nach der Rückkehr schwer fällt: Die Sehnsucht nach dem Weg ist der stärkste Einzelwert der gesamten Befragung. Der Camino Blues ist real – und er ist ein Zeichen dafür, dass etwas Echtes passiert ist.

Was die Zahlen sagen: Weit mehr als drei Viertel der Befragten würden den Weg ausdrücklich weiterempfehlen. Mehr als die Hälfte plant, bald wieder zu gehen.


Mein persönliches Fazit

Ich bin seit 1993 auf Jakobswegen unterwegs. Ich bin den Weg in vielen Lebensphasen gegangen – als junger Mann, als Familienvater, als Unternehmer, als jemand, der selbst Fragen hatte, auf die der Alltag keine Antworten gab.

Was diese Studie mir bestätigt hat: Der Jakobsweg funktioniert. Nicht als Allheilmittel. Nicht für jeden auf dieselbe Weise. Aber er schafft einen Raum, in dem Menschen zu sich kommen – manchmal zum ersten Mal seit Jahren.

Er tut das nicht, weil er magisch ist. Er tut es, weil er einfach ist. Weil er reduziert. Weil er Zeit gibt. Und weil er Menschen zusammenbringt, die alle – auf ihre ganz verschiedene Weise – dasselbe suchen: einen Weg.

Buen Camino.

Peter Kirchmann Gründer von Jakobsweg-Lebensweg, Verleger des Buen Camino Verlags, Autor und Podcast-Host


LIES AUCH WEITER

In der Jakobsweg-Studie

Die Studie wurde gemeinsam von Peter Kirchmann und Prof. Dr. Andreas Braun, Wirtschaftspsychologe an der BSP Business & Law School Berlin, durchgeführt. 588 deutschsprachige Pilgerinnen und Pilger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben teilgenommen. Der erste wissenschaftliche Artikel ist peer-reviewed publiziert im Journal of Tourism and Cultural Change (Open Access). Weitere Publikationen befinden sich im Peer-Review-Verfahren.

Camino-Effekt

Die Idee hinter der gemeinsamen Umfrage.

mehr erfahren ->

Ergebnisse

Was wirklich passiert, wenn Menschen pilgern.

mehr erfahren ->

6 Pilgertypen

6 Typen, ein Weg – Welcher bist du?

mehr erfahren ->

Camino Blues

wenn die Rückkehr schwerer ist als der Weg.

mehr erfahren ->

Lebensphasen

Warum der Camino uns in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich ruft.

mehr erfahren ->

Presse & Medien

Fact Sheet, Pressetexte, Infografiken und Kontakt für Journalisten.

mehr erfahren ->

buen camino club 2

KOSTENLOSER ZUGANG

Gut vorbereitet auf deinen Camino.

Im Buen-Camino-Club findest du praktische Hilfen für deine Vorbereitung: Packliste, Etappenplanung, Herbergen, Downloads und begleitende Inhalte für deinen Camino.

Buen Camino Club Reise Camino Primitivo

FÜR DEN AUSTAUSCH

Geh den Weg nicht allein.

Unser Camino Frances 2025 in 3 Minuten