Einmal Pilger, immer Pilger: Sven Kaven und Peter Kirchmann über das Leben am Ende des Jakobswegs

Sven Kaven Peter Kirchmann Simone Ganz in Santiago de Compostela

Sven Kaven lebt seit fast drei Jahren in Santiago de Compostela, zwei Minuten vom Eingang der Kathedrale entfernt. Im August haben Simone und ich ihn dort getroffen, am Ende unserer siebzehn Tage auf dem Camino Primitivo. In diesem Gespräch erzählt er, wie ein Film ihn 2014 auf den Jakobsweg brachte, warum er sich auch ohne Rucksack als Pilger fühlt und was er in vier Wochen ohne Geld zwischen Berlin und Bern über Menschen gelernt hat. Vor allem aber geht es um die Frage, die viele nach der Rückkehr beschäftigt: Wie nimmt man den Camino mit nach Hause? Und was rät man jemandem, der sich noch nicht traut loszugehen?

Die dazugehörige Podcastfolge:

Es gibt einen Platz auf dieser Welt, an dem jeden Tag Menschen ankommen, die vorher wochenlang unterwegs waren. Sie legen den Rucksack ab, sie setzen sich hin, manche weinen, viele lachen. Und mittendrin sitzt jemand, der einfach nur zuschaut.

Sven Kaven lebt seit fast drei Jahren in Santiago de Compostela, zwei Minuten vom Eingang der Kathedrale entfernt. Simone und ich haben ihn im August getroffen, ganz am Ende unserer siebzehn Tage auf dem Camino Primitivo. Wir wollten dieses Gespräch eigentlich schon vor einem Jahr führen. Dann kam das Leben dazwischen, und wir dachten: Machen wir es von zu Hause aus, ist gemütlicher.

Es hat ein Jahr gedauert. Und dann saßen wir doch in einem Café in Santiago, haben drei Kaffee bestellt und einfach angefangen.

Wie ein Mensch in Santiago landet

Sven ist kein Spanien-Auswanderer im üblichen Sinn. Sein Weg hierher begann 2014, und er begann an einem denkbar schlechten Punkt.

„Ich befand mich zu dem Zeitpunkt selbst in extremen Schwierigkeiten persönlich“, erzählt er. Die Ehe war gescheitert, die Sache mit den Kindern, alles war schwer, und es sah nicht so aus, als gäbe es eine Lösung. Dann sah er einen Film: The Way mit Martin Sheen. Ein Mann, eine Wandlung, ein Weg.

„Ich war so beeindruckt von dem Film und von der Transformation, die der Mann durchlebt hat.“

Er suchte auf YouTube nach Videos vom Camino, fand kaum etwas, ein paar Leute, die sich freuten. Das reichte. „Ich geh den Weg. Den geh ich jetzt.“

Zwölf Jahre später wohnt er hier. Erst ein Jahr in Logroño am Camino Francés, dann Santiago. Weiter nach Westen geht es nicht, da ist der Ozean.

„Hätt ich das gewusst in 2014 — Alter, nein, ich würd sagen, ich spinne. Aber jetzt ist es Realität geworden.“

Eine Stadt, die atmet

Wer Santiago nur vom Ankommen kennt, sieht immer denselben Ausschnitt: den Platz, die Kathedrale, die Freude. Sven sieht das ganze Jahr.

„Die Stadt ist wie so ein lebender Organismus“, sagt er. Und sie teilt sich nicht nach Jahreszeiten ein, sondern nach dem religiösen Kalender. Im März geht es los, dann platzt die Stadt aus allen Nähten. Kurz durchatmen, dann Ende April, Mai — und ab da hört es nicht mehr auf, bis in den Herbst hinein.

„Eigentlich hat Santiago zwei Jahreszeiten. Die Jahreszeit, wo die Stadt ganz wenige Touristen und Pilger hat. Und die, wenn die Stadt voll ist.“

Ein ständiges Ein- und Ausatmen.

Was mich überrascht hat: Sven liebt beide. Aber besonders den Winter, wenn die Einheimischen ihre Stadt zurückbekommen und er an der Kasse wiedererkannt wird. Und wenn dann doch jemand ankommt, ist es ein anderes Ankommen.

„Wenn dann der einzelne Pilger mal kommt, oder zwei, und du stehst da eine Stunde beim Regenschirm und dann kommen mal zwei Pilger — ich find das herrlich. Weil ich ganz genau weiß, wie sich das anfühlt.“

Der Platz als Anker

Ich habe Sven gefragt, ob er sich auf diesem Platz eigentlich als Außenstehender fühlt. Als jemand, der zuschaut, während die anderen ankommen.

Die Antwort kam sofort. „Oh, immer. Immer dazugehörig.“

Er hat dafür eine Erklärung, die mich seitdem beschäftigt:

„Vielleicht hat das was damit zu tun, dass wir, bis wir diesen Schritt gehen und zum ersten Mal pilgern, bereits Pilger sind.“

Und wenn es ihm schlecht geht, geht er raus. Nicht in die Kathedrale hinein, sondern auf den Platz davor.

„Anstatt in der Einsamkeit des Pilgers zu hängen, geh ich einfach raus und seh die Leute ankommen.“ Dort, sagt er, tankt er die Freude auf, die von den Ankommenden ausgeht. Es ist ein Anker.

„Ich geh fischen, ohne die Intention, Fische zu fangen“

Sven schreibt. Autofiction, wie er es nennt — er verbindet Erlebtes mit Erfundenem, gibt seinen Figuren Namen und lässt sie los.

Ich hatte angenommen, dafür brauche er Stille. Falsch gedacht. Sein Lieblingsplatz ist das Café Airas Nunes in der Rúa do Vilar, sein Literaturcafé. Dort scheppern die Tassen, die Untertassen, alles scheppert, und laut geredet wird auch.

„Die letzte Geschichte habe ich neben dem Tisch geschrieben, an dem zehn Spanier eine wirklich angeregte Unterhaltung geführt haben. Das hat überhaupt nicht gestört. Ich bin da irgendwie so mitgeflossen.“

Und wo holt er sich Inspiration? Auf dem Platz. Aber nicht mit Vorsatz.

„Ich glaube, da hole ich mir Inspiration. Aber nicht mit der Intention: Jetzt gehe ich mal raus und hole mir Inspiration, sondern es passiert dann einfach. Es bleibt einfach hängen. Wie so ein Netz, wenn du fischen gehst. Weil die Fischer, die wollen ja Fisch fangen. Ich geh fischen, ohne die Intention, Fische zu fangen.“

Ich glaube, das ist einer der schönsten Sätze, die ich in einem Podcast-Gespräch gehört habe. Und er lässt sich weit über das Schreiben hinaus verwenden.

Vier Wochen ohne Geld: von Berlin nach Bern

An einer Stelle sind wir von Santiago aus einen großen Umweg gegangen — bis nach Nürnberg.

Sven ist irgendwann von Berlin nach Bern gelaufen. Vier Wochen. Ohne Geld und ohne Kreditkarte. Nicht aus Not, sondern weil er wissen wollte, wie sich das anfühlt: sich auf die Freundlichkeit anderer verlassen zu müssen.

Er ging morgens in Bäckereien und fragte nach dem, was vom Vortag übrig war. „Aber ich hab halt nie die alten Sachen bekommen. Ich hab immer was Frisches bekommen auf die Hand. Die Leute waren interessiert, wir sind ins Gespräch gekommen.“

Und dann, kurz vor Nürnberg, ein Gasthaus. Es roch nach Bratwurst, Sauerkraut, Kartoffeln. Er hatte Hunger und wollte eigentlich nur seine Wasserflasche auffüllen lassen.

Die Wirtin nahm die Flasche, sah die Muschel an seinem Rucksack und sagte: „Mensch, ich bin auch schon den Camino gelaufen. Was machst du denn? Wo geht’s denn hin?“

Er erzählte es ihr.

„Setz dich. Setz dich, ich mach dir eine Brotzeit.“

Es gab eine Brotzeit, ein Bier und am Ende ein Zimmer. Obwohl das Haus voll war. Beim Abschied packte sie ihm noch Obst ein, das wog wie blöd, aber er nahm es trotzdem mit.

Leicht war es trotzdem nicht. „Es war auch so dieses: Soll ich wirklich fragen? Ich bin ja kein Bettler.“ Ob es mit der Zeit einfacher wurde? „Das hat mich Überwindung gekostet. Das wurde nie leicht.“

Würde er es noch einmal machen? Ein trockenes „Nö.“ Er hat die Erfahrung gemacht, die er machen wollte.

Was bleibt, wenn es schwer wird

Im Winter 2025 hatten wir schon einmal ein Gespräch, über Svens Wintercamino nach seiner Operation. Diesmal haben wir das Thema nur gestreift, so wollte er es, und so ist es richtig.

Was geblieben ist, ist Dankbarkeit. Und eine Haltung, die mich beeindruckt hat.

„Ich hatte kaum Zeit, das mental aufzuarbeiten“, sagt er. „Weil irgendwas in mir, ganz weich und soft durch die Dankbarkeit gekommen, gesagt hat: Du hast gar keine Zeit, das aufzuarbeiten. Geh einfach weiter, mach das Beste und stell sicher, dass jeder Tag zählt.“

Kein Drama, keine Deutung, keine Frage danach, was das Leben ihm damit sagen wollte. Stattdessen Bescheidenheit.

„Da ist immer eine Quasselstrippe im Kopf, die Drama kreieren möchte. Bescheidenheit ist ein unglaublich gutes Hilfsmittel. Sagen: Hey, it’s okay, buddy.“

Und jeden Tag als eigene Einheit nehmen. Wie auf dem Weg. Mal gute Tage, mal schlechte, mal eine Blase am Fuß, dann ist sie wieder weg.

Dann kam ein Satz, bei dem ich still geworden bin:

„Eigentlich sollten wir mal Beifall klatschen, wenn diese Momente in unser Leben treten, so schwer die sich auch anfühlen im ersten Augenblick.“

Denn ohne diese Zeit hätte er Elida nicht kennengelernt. „Verstehst, was ich meine?“

Den Camino nach Hause nehmen

Wir sind dann bei der Frage gelandet, die viele von euch aus der Community kennen: Wie hält man den Camino lebendig, wenn man wieder zu Hause ist?

Sven hat darauf eine Antwort, die die Richtung umdreht.

„Ich glaube, der einfachste Weg ist, den Camino nicht als etwas Außenstehendes zu betrachten. Nach dem Motto: Okay, jetzt habe ich das mal gemacht, jetzt gehe ich zurück zu meinem alten Leben. Andersrum.“

Als er 2014 nach Berlin zurückkam, hat er es genau so gemacht: „Ich organisiere jetzt mein Leben um dieses Gefühl herum, um diese Emotion, um dieses Gelernte herum.“

Und damit meint er nichts Großes. Er meint ausdrücklich nicht, dass du ab jetzt deine Socken von Hand waschen musst.

„Aber vielleicht den Aspekt von Empathie und Freundlichkeit in den Tag zu bringen. Präsenz. Das fröhliche Aufstehen am Morgen, anstatt das grimmige Aufstehen.“

Dann sagte er einen Satz, den ich mir aufgeschrieben habe, noch während wir dort saßen:

„Der Camino bedeutet ja, jeden Tag zwischen fünfzehn und dreißig Kilometer zu wandern. Der Körper muss sich umstellen. Wir müssen mit Schmerz umgehen, vielleicht auch mit dem psychologischen Schmerz von anderen und dem eigenen. Da passiert so viel. Jetzt haben wir das alles gemacht und dann einfach zur Seite schieben, in ein Foto hineinpressen und an die Wand kleben — das wär schade.“

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Buen Camino im Supermarkt

Es gibt etwas, das auf dem Camino von der ersten Minute an da ist: dieses „Buen Camino“. Begrüßung, Verabschiedung und guter Wunsch in einem. Wertschätzung. Und Nähe zu einem Menschen, den man gar nicht kennt.

Genau das lässt sich mitnehmen. Nicht als Vorsatz, sondern als kleine Handlung: den Verkäufer beim Betreten des Ladens begrüßen und sich beim Gehen verabschieden. In Heidelberg durch die Fußgängerzone gehen und die Leute anlächeln. Simone macht das inzwischen besser als ich.

In Spanien ist es ohnehin selbstverständlich. Sven sagt an der Kasse immer buenos días oder buenas tardes, je nach Tageszeit. Die Damen dort kennen ihn längst.

Svens Geheimtipps für Santiago

Wenn du in Santiago ankommst und mehr als zwei Tage bleibst, hier ein paar Orte, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

  • Das Dach der Kathedrale. Es ist vollständig renoviert und mit Führung begehbar. Von oben siehst du die Altstadt, die Dächer und das Treiben auf dem Platz. Sven war übrigens noch nie oben — Höhe ist nicht seins.
  • Bar A Gramola. Sonntags gegen 18 oder 19 Uhr treffen sich dort Musiker aus der internationalen Community. Irische und galicische Volksmusik, manchmal spielen die Iren die galicischen Stücke mit. Sven sitzt dabei, singt mit oder klopft den Takt auf dem Tisch.
  • Café Airas Nunes, Rúa do Vilar 17. Vormittags klassische Musik, Sessel und Sofas, ruhig genug zum Lesen und Schreiben. Mitten im Zentrum.
  • Der Mercado de Abastos. Frischer Fisch, frisches Obst, sehr guter Wein.
  • Monte Pedroso. Der Berg mit den Antennen, den man vom Parque da Alameda aus sieht. Von oben hast du den besten Blick über ganz Santiago. Ein halber Tag zu Fuß, mit dem Rad geht es auch.
  • Parque da Alameda. Alte Eukalyptusbäume, japanische Bäume, fast wie ein botanischer Garten, dazu der Blick auf den Universitätscampus.
  • Eine Bar mit der besten Tortilla der Stadt — frisch, nicht trocken, fällt fast auseinander. Sven wollte den genauen Namen nachreichen

Und ein Tipp für Fotografen: früh morgens raus, wenn nur die gelben Straßenlaternen leuchten und niemand unterwegs ist. „Das sieht aus, als ob du im Mittelalter gelandet bist.“

„Sag erst mal Ja dazu“

Zum Schluss habe ich Sven gefragt, was er jemandem mitgeben würde, der sich noch nicht traut.

Seine Antwort begann nicht mit Ermutigung, sondern mit Erlaubnis:

„Sag erst mal Ja dazu. Sag erst mal Ja, dass da etwas zweifelt in dir.“

Die Gründe eins bis hundert, warum es nicht geht, sind alle legitim. Wer zum ersten Mal geht, stürzt sich ins Ungewisse.

„Den Weg zu gehen selbst ist ja gar nicht die Herausforderung. Es ist die Entscheidung zu treffen, den Weg zu gehen. Das scheint die größte Herausforderung zu sein für die meisten Menschen.“

Und dann passiert etwas: Die Vorfreude kommt. Sven sieht das in der Community immer wieder — Menschen, die in zwei Jahren gehen und schon jetzt Feuer und Flamme sind, sich vorbereiten, Schuhe kaufen, Fragen stellen.

„Lass auch die Zeit des Zweifelns Teil des Weges sein. Das gehört dazu.“


Wenn du seinen Weg vor Ort begleiten oder ihm eine Frage stellen möchtest: Sven ist in der Jakobsweg-Community unterwegs und dort erreichbar. Er hat sogar angeboten, für Pilger in Santiago zu fotografieren — einfach anklopfen.

Und wenn du mehr über unseren Weg dorthin lesen möchtest: Wie diese siebzehn Tage waren, haben wir in unserem Erfahrungsbericht vom Camino Primitivo aufgeschrieben.

Buen Camino, dein Peter

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