ERFAHRUNGSBERICHT
Camino Primitivo: Unser Erfahrungsbericht nach 17 Tagen (inkl. Friol-Sobrado-Route)
Unser Camino Primitivo Erfahrungsbericht:
Wir sind seit ein paar Tagen wieder zu Hause – und wir haben versucht, die 17 Tage Camino Primitivo für uns zu sortieren. Von Oviedo bis Santiago, mit einer wenig bekannten Extra-Route über Friol und Sobrado, einer Sonnenfinsternis mit Hansaplast-Improvisation und dem Sprung von völliger Einsamkeit ins pure Pilgermeer. Hier ist, was uns jetzt am meisten im Kopf geblieben ist.
Passende Podcastfolge zum Thema:
Unser Camino Primitivo Erfahrungsbericht – und das Geheimnis der nördlichen Route ab Lugo
Seit ein paar Tagen sind Simone und ich wieder zurück. Der Rucksack steht wieder im Schrank, die Wäsche ist längst gewaschen, und trotzdem laufen wir gefühlt noch die Hälfte des Tages irgendwo zwischen Oviedo und Santiago herum. Nur eben im Kopf.
17 Tage waren wir auf dem Camino Primitivo unterwegs, dazu unsere kleine Sonderroute über Friol und Sobrado, auf die wir gleich noch kommen. Und wenn wir versuchen, jetzt, ein paar Tage später, die Frage zu stellen, was eigentlich der Höhepunkt war, dann merken wir: Es gibt keinen einzelnen. Es ist eher dieses Gefühl, das der ganze Weg hinterlassen hat.
Vor allem eins: Ruhe. Nicht die Art von Ruhe, die man sich vornimmt oder die man in einem Wellnesshotel bucht, sondern die, die einfach entsteht, wenn man stundenlang läuft und außer den eigenen Schritten nichts zu hören ist. Auf dem Primitivo waren wir oft lange unterwegs, ohne einen anderen Pilger zu treffen. Simone und ich haben dabei viel geredet, über unser Leben, über Ideen, über das, was in den nächsten Jahren noch kommen soll. Aber es gab genauso viele Stunden, in denen wir kaum ein Wort gesagt haben, und das war nie unangenehm. Man läuft einfach. Ich glaube, genau das fehlt mir im Alltag manchmal am meisten: Zeit, einen Gedanken auch mal zu Ende zu denken, bevor der nächste ihn wieder verdrängt.
Die Ruta de los Hospitales
Ein Tag, der uns sofort wieder einfällt, wenn wir an den Primitivo denken, ist die Ruta de los Hospitales. Wir sind früh in Borres gestartet und hatten mit dem Wetter richtig Glück: Erst kam die Sonne langsam durch die Wolken, die dann golden angestrahlt unter uns lagen, und wir waren am Anfang fast alleine dort oben. Dann ging es stundenlang bergauf, und oben die Weite, freilaufende Pferde mit ihren Fohlen, Kühe mit Kälbern, dazu ein Wind, der einen ordentlich wach macht.
Man merkt an so einem Tag schnell, warum diese Route bei schlechtem Wetter kein Spaß mehr ist. Wir hatten dagegen einen dieser seltenen Tage erwischt, an denen alles passt.
Eigentlich hätten wir schon vorher Schluss machen können. Haben wir aber nicht: Wir hatten gehört, dass in La Mesa noch ein Doppelzimmer frei war, und sind spontan von Berducero noch fünf Kilometer weitergelaufen. Am Ende waren es fast 30 Kilometer, mit ziemlich schweren Beinen saßen wir abends auf der Terrasse unserer Herberge – aber wir waren froh, dass wir es gemacht hatten.
Zwei Tage durchs Nirgendwo
In Lugo haben wir dann den eigentlichen Camino Primitivo verlassen. Statt über die Hauptroute Richtung Melide, wo man relativ schnell auf den Camino Francés trifft, sind wir über Friol nach Sobrado gelaufen. Das waren zwei der besonderen Tage auf diesem ganzen Camino.
Am ersten Tag ging es lange an einem Bach entlang durch ein Naturschutzgebiet, vorbei an alten Bäumen und viel Farn, morgens noch mit etwas Nebel über dem Wasser. Außer dem Plätschern des Bachs war nichts zu hören – und das lag nicht nur an der Uhrzeit. Wir haben an diesem Tag keinen einzigen anderen Pilger getroffen.
Was wir dabei aber auch gemerkt haben: wie sehr man sich auf dem normalen Camino daran gewöhnt, irgendwo Wasser auffüllen oder eine Bar finden zu können. Hier gab es schlicht nichts. Zum ersten Mal auf dem ganzen Weg hatte ich zweieinhalb Liter Wasser im Rucksack, einfach weil wir nicht wussten, wann die nächste Gelegenheit kommt. Am Ende standen 29 Kilometer auf der Uhr, und wir waren ziemlich erledigt.
Am nächsten Tag ging es weiter, wieder fast völlige Einsamkeit, teilweise so zugewachsene Wege, dass man merkt, wie selten diese Route tatsächlich gelaufen wird. Ich kann euch diesen Abstecher gerade deshalb sehr empfehlen. Interessant fand ich dabei aber vor allem eine Erkenntnis über uns selbst: Nach zwei Tagen ganz ohne andere Pilger haben Simone und ich gemerkt, dass uns irgendwann tatsächlich etwas gefehlt hat. Die kurzen Begegnungen, ein Gespräch am Wegesrand, ein zugerufenes Buen Camino. Wir dachten immer, wir genießen die vollständige Einsamkeit am meisten – und teilweise stimmt das. Nur eben nicht ganz ohne Menschen drumherum.
Die Sonnenfinsternis in Sobrado
Sobrado hatten wir uns nicht zufällig ausgesucht. Wir wollten dort am 12. August die totale Sonnenfinsternis erleben, weshalb ich seit Oviedo ein kleines Reisestativ mit mir herumgeschleppt hatte – für exakt eine Minute und 23 Sekunden. Natürlich hatte ich ausgerechnet die Handyhalterung dafür zu Hause vergessen. Also musste Hansaplast-Tape herhalten, um das Handy ans Stativ zu kleben. Hat erstaunlich gut funktioniert.
Wir saßen an dem Abend mehrere Stunden auf einem Feld oberhalb des Klosters, freie Sicht über die ganze Landschaft, und haben gewartet. Langsam veränderte sich das Licht, erst wurde es goldener, dann kam dieses eigenartige graue Dämmerlicht, das sich von einem normalen Sonnenuntergang komplett unterscheidet. Und dann, ziemlich plötzlich, war die Sonne weg, und rund um den Mond erschien die Korona. Wir finden es immer noch schwer, diesen Moment in Worte zu fassen. Was wir aber nicht vergessen werden: Aus dem Dorf und vom Kloster hörten wir plötzlich Menschen applaudieren. Wir saßen dort oben ganz für uns und hörten aus der Ferne diesen Applaus – das hat uns wirklich sehr berührt.
Von der Einsamkeit ins Pilgermeer
Ein paar Tage später kam dann das komplette Gegenprogramm. Wir starteten morgens in Arzúa, und wir mussten erstmal innehalten. Was ist denn hier los? So viele Pilger auf einmal haben wir noch nie gesehen. An Straßenüberquerungen und Stempelstellen gab es regelrecht Stau, Musiker standen am Weg, die Cafés und Bars waren voll.
Nach unseren einsamen Tagen fand ich das erst fast surreal, aber überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil: Es ist etwas Besonderes, wenn so viele Menschen aus völlig unterschiedlichen Ländern auf demselben Weg unterwegs sind, mit im Grunde demselben Ziel. Man versteht sich, auch ohne dieselbe Sprache zu sprechen. Man hilft sich, läuft ein Stück gemeinsam, verabschiedet sich wieder. Auch das ist Camino, genauso wie die stillen Tage davor.
Und läuft man am Etappenende O Pedrozzo einfach noch ein paar Kilometer weiter, hat man den ganzen Camino wieder für sich alleine. Das wäre sowieso mein Geheimtipp Nr.1: Wer den Camino nicht im großen Pilgerstrom mitlaufen will, verhält sich einfach antizyklisch. In den Zwischenorten übernachten und dann loßlaufen. Oder eben so wie wir, m Nachmittag ein Stückchen weiterlaufen.
Santiago – ein Wiederkommen statt ein Ankommen
Am letzten Morgen lagen nur noch knapp neun Kilometer vor uns. Wir ließen uns Zeit. Am Monte do Gozo holten wir uns in der kleinen Kapelle noch einen Stempel und schauten zum ersten Mal auf Santiago de Compostela. Dann ging es langsam in die Stadt, und je näher wir der Kathedrale kamen, desto vertrauter wurde alles: die Gassen, die Unterführung mit dem Dudelsackspieler, und schließlich standen wir wieder auf dem Platz vor der Kathedrale.

Das Gefühl war diesmal anders als letztes Jahr nach unserem Camino Francés. Damals waren wir fast sieben Wochen unterwegs gewesen, und das Ankommen war riesig und emotional. Diesmal, nach 17 Tagen und mit einer Stadt, die wir schon kannten, war es eher ein Wiederkommen. Ach, da sind wir wieder – so ungefähr hat es sich angefühlt. Die Freude war da, ganz klar, aber ruhiger. Simone hat später einen Ausdruck dafür gefunden, der mir sehr gut gefällt: eine stille Freude. Ich glaube, das passt gut zu diesem ganzen Primitivo.
In Santiago haben wir übrigens noch Sven aus unserer Community getroffen, ein schöner Zufall, und spontan mit ihm eine Podcastfolge aufgenommen. Er hat dabei einen Gedanken formuliert, der mir seitdem im Kopf hängt: Nach einem Camino geht es vielleicht gar nicht in erster Linie darum, wieder zurück ins alte Leben zu finden, sondern eher darum, zu schauen, ob man sein Leben ein Stück weit um das herum verändern möchte, was man unterwegs erfahren hat. Ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Aber er beschäftigt mich.

Taschenbuch: Jakobsweg 200 Fragen
Was muss ich wissen, bevor ich losgehe? Diese Frage stellen sich fast alle, die vom Jakobsweg träumen – egal, ob sie ihn gerade erst entdecken oder schon bald die ersten Schritte auf dem Camino gehen.
Und jetzt?
Was von diesen 17 Tagen bleibt, kann ich noch nicht sagen. Der Alltag füllt sich langsam wieder, der Kalender hat neue Termine, das Handy liegt öfter auf dem Tisch als unterwegs. Diese Mischung kennt ihr vielleicht: schön, wieder zu Hause zu sein, und gleichzeitig ein bisschen Wehmut, dass dieser besondere Ausnahmezustand vorbei ist.
Was auf jeden Fall bleibt, ist Dankbarkeit. Dass Simone und ich diese 17 Tage auf dem Camino Primitivo wieder gemeinsam erleben durften. Und Neugier, was davon jetzt mit in unseren Alltag kommt – und was einfach ein schöner Moment bleiben darf, ohne dass sich gleich alles verändern muss.
Wenn du Fragen hast, zur Route über Friol und Sobrado oder zu einem bestimmten Tag, schreib mir gerne in die Kommentare oder in die Community. Ich beantworte das wirklich gerne.
Buen Camino, dein Peter
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