Von Burn-out und Muschelketten

Wie ich auf dem Jakobsweg erwachsen wurde

Es ist der 15. Juni 2019. Gerade drückt der Dechant meiner örtlichen Pfarrgemeinde mir den allerersten Stempel meiner Pilgerreise in mein „Credencial“. Anschließend überreicht er mir lächelnd eine Kette mit einem Jakobsmuschelanhänger. „Musel a Syr – St-Jacques“ ist auf der Rückseite eingeprägt.

Der heilige Jakobus, Santiago resp. Saint Jacques, wie er in Luxemburg oft genannt wird, ist der Schutzpatron unserer Pfarrgemeinde. „Kommt gut in Santiago an“, wünscht mir Claude, der herrlich undogmatische Geistliche, der auch mal gern in seinen Weinkeller einlädt, um dort seinen Weißwein aus Eigenherstellung (großzügig) auszuschenken.

Er benutzt die Pluralform, weil ich nicht alleine auf dem Jakobsweg reisen werde. Einer meiner besten Freunde sollte mich auf diese Reise, von der ich damals noch nicht ahnen konnte, was sie für mich bedeuten würde, begleiten.

Burn-out und Muschelketten

Burn-out: Der Tiefpunkt meines jungen Lebens

Gut ein Jahr zuvor war ich an einem Tiefpunkt meines doch noch recht jungen Lebens angelangt. „Verdacht auf Burn-out“, so schrieb es meine Hausärztin damals in meine Krankenakte.

Tatsächlich fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt vom Leben erschlagen. Ich hatte Millionen Verpflichtungen, hetzte von Veranstaltung zu Veranstaltung und akzeptierte doch bis zum Schluss immer weitere Aufgaben, zum Teil, weil ich zu charakterschwach war, um einfach nur „Nein“ zu sagen, zum anderen aus einer egoistischen Selbstbefriedigung heraus.

Mein Kopf surrte vor Gedanken und ich erinnere mich noch zu gut an schier endlos wirkende schlaflose Nächte sowie ein Gefühl des sinnlosen Verlorenseins, das sich in regelmäßigen Angstanfällen, die ich jedoch fast meisterlich vor der Außenwelt zu verbergen wusste, ausdrückte. Das klassische Bild eines Burn-out eben.

einen alten Traum in die Tat umsetzen

Im Kontext dieser Umstände wurde ich mir langsam bewusst, dass es an der Zeit war, einen alten Traum von mir in die Tat umzusetzen. Ja, die Zeit war reif. Ich sollte den Jakobsweg gehen.

Einige Tage später saß ich dann neben Jo, meinem Pilgerpartner, im Flugzeug nach Porto. Wir hatten uns für den portugiesischen Küstenweg entschieden, da er in gut zwei Wochen zu schaffen war (eine längere Reise war für keinen von uns vom Zeitmanagement her möglich) und damals noch den Ruf eines „Geheimtipps“ genoss.

1000 Fragen im Kopf

Wenn ich heute an den Beginn dieser Reise zurückdenke, dann erinnere ich mich vor allem an eine Art unsichere Erwartungshaltung, die meinen Geist beherrschte. Ich hatte viel über den Jakobsweg gelesen, auch Erfahrungsberichte anderer Pilger*innen, und fragte mich, ob dieser Weg auch für mich etwas, irgendwas, parat hätte.

  • War ich bereit dafür?
  • Ging ich dieses Vorhaben überhaupt „richtig“ an?
  • Ist dies hier überhaupt ein „richtiger“ Jakobsweg?
  • Müsste ich nicht eigentlich vier Wochen lang in strengster Einsamkeit und Askese auf dem Camino Francés laufen?
  • Offenbart der Camino seine Weisheiten auch anderswo oder habe ich vielleicht einen wichtigen Hinweis im Kleingedruckten übersehen?

Zu diesem Zeitpunkt machten mir solche Vorstellung noch Sorgen. Ich war noch gefangen in der Zwangsjacke von Konzepten, die sich über Jahre hinweg aufgebaut und verfestigt hatten. Trotzdem hatte ich jedoch auch ein grundlegendes Gefühl des Vertrauens.

Ich vertraute diesem Weg und den Geschichten der unzähligen Pilger*innen, die ihn vor mir bereits gegangen sind. Ich vertraute aber auch mir und meiner Motivation, die mich bis nach Porto gebracht hatte. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mir wieder vertraute.

Pilgern entlang der portugiesischen Küste

Der Weg schlug uns dann auch recht schnell in seinen Bann. Während der ersten paar Tage führte er uns an der portugiesischen Küste entlang, die kurz nach Porto zwar noch recht kommerziell, danach aber immer heimeliger wurde.

So nah am Meer zu pilgern prägt natürlich die Grundstimmung der ganzen Reise. Unmöglich, sich nicht von dieser großen Weite, die stets neben einem weilt, beeinflussen zu lassen, während sich das dumpfe Geräusch der Schritte auf den schweren Holzpfaden, die sich stetig durch die Sanddünen gen Norden schlängeln, mit dem zeitlosen Rauschen der Wellen vermischt.

Holzpfad Camino Portugues

Der Camino führte uns so nach Vila do Conde, wo wir gleich zu Anfang sehr viele Leute, die wir auf dem Weg nach Santiago immer mal wieder trafen, kennenlernen sollten, und Fão, einem niedlichen Dorf, wo wir uns fast schon wie Einheimische fühlten, sowie Viana do Castelo.

Philosophieren nahe dem Ozean

Diese ersten Tage waren rückblickend unglaublich prägend für unsere ganze restliche Camino Erfahrung. Wir philosophierten nahe dem Ozean, verfluchten die Kopfsteinpflaster auf dem Weg nach Fão, aßen und tranken, als ob es keinen nächsten Tag mehr geben würde. Wir pilgerten mit einem wunderlichen Franzosen, dessen Lebensgeschichte einen eigenen Roman verdiente, durch die Wälder vor Viana do Castelo und freuten uns wie kleine Kinder über jeden weiteren bunten Stempel in unseren Credencials.

Fast kam es einem so vor, als wollte der Camino uns eine kleine „amuse bouche“, einen Appetitanreger, für den Rest unseres Weges bieten.

Das wundervolle am Caminho Português ist, dass er es einem erlaubt, gleich zwei Kulturen auf einer Reise kennenzulernen.

Portugal insbesondere kann ich nicht genug hervorheben. Dieses Land ist auf eine Art und Weise gastfreundlich, die einem mit Momenten fast schon aufopferungsvoll anmutet. Die Menschen, die wir getroffen haben, waren alle sehr zuvorkommend und dies so grundlegend aufrichtig, dass es uns wirklich schwer viel, uns nach der Hälfte unserer Reise von Portugal zu verabschieden.

Dünenweg Camino Portugues de la Costa

Durch eine unserer Mitpilgerinnen fand ich später heraus, dass im Kern der portugiesischen Gastfreundschaft der Begriff „saúdad“ liegt. „Saúdad“ ist ein Wort, für das es im Deutschen keine direkte Übersetzung gibt.

Es bezeichnet das Gefühl, das einem tief in seiner Seele etwas fehlt. Man erfährt es beispielsweise, wenn man einen Ort zum ersten Mal besucht, sich in ihn verliebt, ihn aber nachher, egal wie oft man ihn nochmal besucht, nie wieder so erleben kann, wie beim ersten Mal.

Diese Sehnsucht versteht man in Portugal und folglich ziehen die Einwohner daraus den Schluss, dass jeder Gast, egal von wo er kommt, dieses Gefühl auch kennen muss. Dieses zutiefst menschliche Wissen sehe ich als das größte Geschenk an, das ich aus Portugal mitbringen durfte.

über die Brücke

Mythisches Galizien

Wir überquerten die Grenzbrücke in Valença und befanden uns fortan in Galizien. Im Vergleich zu Portugal begann sich hier gleich zu Anfang, eine grundlegend andere Art der Stimmung zu entwickeln. In Galizien hatte ich das Gefühl, die spirituelle und introspektivische Seite des Caminos noch deutlich stärker wahrzunehmen.

Lag es vielleicht an den mythischen Landschaften, den schroffen Gebirgsketten, deren Gipfel fast konstant in einen dichten Nebelschleier gehüllt waren, oder den Märchenwäldern, die einem das Gefühl vermittelten, in eine Grimm’sche Erzählung gestolpert zu sein?

Unsere Pilgerreise führte uns von O Porriño nach Cesantes, wo wir in einer herzlich geführten Herberge namens „O Refuxio de la Jerezana“, die ich jedem Pilger auf dem Caminho Português wärmstens empfehle, übernachteten.

Liebevoll bereitet man dort den Pilgern ein köstliches Abendessen vor, das man bei gutem Wetter auf der wunderschönen Terrasse mit etwas galizischem Wein aus traditionellen „cuncas“ genießen kann.

Essen und Trinken

magische Klänge auf dem Weg

Auf dem Weg nach Pontevedra hatten wir noch ein Erlebnis, das es verdient, besonders erwähnt zu werden. Auf der Suche nach einem Rastplatz ließen wir uns auf einer Bank vor einer kleinen Kapelle, irgendwo im nirgendwo, nieder.

Es war ein sonniger Tag und wir genossen diese allumfassende Ruhe während unsere Blicke von einem Steinkreuz angezogen wurden, das sich gegenüber von der Kapelle befand.

Auf einmal drang jedoch ein Geräusch aus dem Kirchengebäude und riss uns aus unseren Gedanken. Könnte es sein…? Ja. Da sang tatsächlich jemand ein Lied und begleitete sich auf der Gitarre. Noch bevor wir aufstehen und uns zum nachforschen ins Innere der Kapelle begeben konnten, trat der mysteriöse Musiker selbst ans Tageslicht.

Aus dem Gotteshaus trat ein kleingewachsener Mann, gekleidet in einen schwarz-rot gestreiften Pullover, einem beigen Schal um seinen Hals und mit einem dunklen Cowboy-Hut auf dem Kopf. Er spielte auf einer braunen Gitarre an der auch eine Mundharmonika befestigt war.

Er sang abwechselnd auf „galego“, dem galizischen Regionaldialekt, spanisch und auch englisch.

Während der wolkenfreie blaue Himmel sich endlos weit über unseren Köpfen ausbreitete, drang seine Musik, trotz der uns teilweise unverständlichen Texte, tief in unser Innerstes ein.

Wir sprachen kurz darauf mit der rätselhaften Gestalt, die sich uns als „Viser“ vorstellte (eine Kombination der spanischen Wörter „vida“ (= Leben) und „ser“ (= sein)). Viser erklärte uns, dass er auf den unterschiedlichen Jakobswegen unterwegs sei, um den Pilgern seine Musik zu bringen.

Ein Vorhaben, das ganz offensichtlich nicht ohne Erfolg blieb, den auch vor unserer kleinen Kapelle hatte sich inzwischen eine größere Gruppe von Pilger*innen versammelt und Viser nutzte die Gelegenheit, um etwas schmissigere Musiknummern zum Besten zu geben.

Pilgerstempel

Wir bekamen sogar einen ganz besonderen Stempel, den er selbst gebastelt hatte, von ihm, der ganze vier Felder in unseren Credencials einnahm und so besonders aussah, dass der Herbergsvater in Pontevedra uns verdutzt fragte, wo wir denn den bekommen hätten.

Meine alten Zweifel

Früher zweifelte ich manchmal, ob Begegnungen mit wundersamen Gestalten auf dem Jakobsweg, wie man sie immer mal wieder in Erfahrungsberichten liest, vielleicht ein bisschen übertrieben dargestellt werden. Heute glaube ich jeder einzelnen dieser Darstellungen, denn nichts scheint auf dem Camino unmöglich zu sein.

Die Türme der legendären Kathedrale

Wir erreichten Santiago am 1. Juli 2019. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie begeistert wir waren, als wir die ersten Türme der legendären Kathedrale erblickten. Unbewusst gingen wir immer schneller und fingen aus irgendeinem Grund laut an zu lachen.

Warum? Ich habe bis heute keine genaue Erklärung dafür, aber ich erinnere mich, dass es ein Lachen aus tiefstem Inneren war, ein Lachen, das man einfach nicht unterdrücken konnte.

Am Platz angekommen fielen wir uns erstmal um die Arme und telefonierten nach Hause. Es ist ein sehr seltsames Gefühl, in Santiago anzukommen, weil man als Pilger*in erstmal nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll.

Die Pilgerschaft endet in diesem Moment.

Was offensichtlich und selbstverständlich klingt, bricht dann doch erst auf diesem großen Platz über einen herein. Wir trafen sehr viele unserer Mitpilger*innen vor der Kathedrale und genehmigten uns im Anschluss nicht nur das eine Glas Wein mit ihnen, um das Ende unserer Pilgerschaft gebührend zu feiern.

in Santiago de Compostela

Während des feucht-fröhlichen Gelages stellte mir Caro, eine US-Amerikanerin, die wir auf dem Weg nach Fão kennengelernt hatten, die Frage, was ich denn nun eigentlich mit meiner Muschelkette tun würde.

Ich habe unserem Dechanten zu Hause ja versprochen gehabt, sie nach Santiago zu bringen und dies habe ich ja nun geschafft. Ich ließ mir die silberne Muschelkette durch meine Finger gleiten und dachte über Caros Frage nach.

Die Muschel reist ans Ende der Welt

Es war eine alte Pilgertradition, etwas von zuhause mitzubringen, das man dann auf dem Camino zurücklässt, symbolisch quasi eine Last ablegt. Ich wusste, dass eine andere unserer Mitpilgerinnen sich am darauffolgenden Tag auf den Weg nach Finisterre begeben würde.

Ohne weiter darüber nachdenken zu müssen, legte ich die Kette ab und fragte sie, ob sie bereit wäre, sie für mich mit ans „Ende der Welt“ zu nehmen. Sie kam meiner Bitte nach und so ließ ich die Person, die zwei Wochen zuvor in dieses Flugzeug nach Porto stieg, am Kilometerstein „0“ in Finisterre zurück.

Finisterre

Die besondere Fähigkeit des Caminos

Der Jakobsweg hat die besondere Fähigkeit, das Leben zu „entschlacken“. Über die Jahre bauen sich, gerade bei Menschen aus dem ach so zivilisierten Westen, eine Unmenge an Konzepten und Gewohnheiten auf.

Gewohnheiten, die unser Leben bestimmten, unser Verhalten steuern, uns diktieren, wie wir fühlen und auf bestimmte Situationen reagieren sollen, und doch fallen sie uns oftmals gar nicht auf. So auch bei beginnendem Burn-out.

Der Camino wirkt dem entgegen, indem er uns Raum zum Atmen gibt.

Auf einmal lässt man einfach los und in diesem Moment fühlt man sich, als ob man aus einem langen Traum erwacht. Das Leben ist plötzlich wieder da.

Nicht das trübe, starre Leben, durch das man getrieben wird. Nein, es ist die Rückkehr eines fast verloren geglaubten Lebens, das mancher vielleicht noch aus seinen Kindheitserinnerungen kennt.

Ein Leben gleich einem impressionistischen Bildwerk des späten 19. Jahrhunderts, farbenfroh und intensiv pulsierend. Ein Leben, das man spürt und dessen selbstlose Wärme einem die Brust durchdringt. Es ist die Rückkehr des fluiden Herzens, der Fähigkeit, sanft und geschmeidig durch eine sich im stetigen Wandel befindende Existenz zu gleiten.

Peters Blog trägt den schönen Namen „Jakobsweg-Lebensweg“ und dies trifft den Nagel auf den Kopf. Auch ich habe auf dem Camino nicht nur den Weg nach Santiago, sondern vor allem auch meinen ganz persönlichen Lebensweg gefunden, auf dem ich mich bis heute befinde.

Ich bin auf dieser Reise erwachsen geworden, im dem Sinn, dass ich den starren Blick aufgebrochen habe und eine kindliche Sicht auf mein eigenes Leben zurückgewonnen habe.

Eine Sicht, die es mir erlaubt, jeden Tag als eine Pilgerreise zu betrachten, denn der wahre Jakobsweg ist nicht außerhalb von uns, er fängt nirgends an und hört nirgends auf. Der wahre Weg ist ein innerer und lädt uns jeden Tag zum Pilgern ein. Auch das ist eine Möglichkeit einem beginnenden Burn-out entgegen zu wirken.

Ultreya y Suseya

– T.W.

Über den Autor:

Tom WeberTom Weber ist Schriftsteller und Sprachenliebhaber. Er hat eine Vorliebe für chinesischen Tee und ist ein großer Freund von französischer Musik, insbesondere von den Liedern Jacques Brels. Momentan ist er Schüler an der Übersetzer- und Dolmetscherschule in Köln. Seine Webseite ( In englischer Sprache) findest du auf: https://webertom.com

3 Kommentare
  1. Céline Dedaj
    Céline Dedaj sagte:

    Wunderschön. Vielen Dank für diesen Beitrag Tom! Ich bin letzten Herbst auch den Camino Portugués da Costa gelaufen und schwelge gerade dank Dir in wohligen Erinnerungen. Den Gastbeitrag zu meinen eigenen Weg, der in Porto „begonnen“ hat und auf dem ich immer noch voranschreite, schicke ich dem Peter in den kommenden Wochen sicherlich auch zu. Buen camino weiterhin!

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  2. Beate Zaschke
    Beate Zaschke sagte:

    Hallo Tom, vielen Dank, dass Du uns an Deiner Camino-Erfahrung teilhaben lässt. Das ist ein klasse Bericht, man merkt, dass Du ein Schriftsteller bist. Obwohl ich selbst den Camino Frances letzten erst gelaufen bin, im Dezember 2019, bekomme ich gleich wieder Lust, zu Pilgern, auf dem portugiesischen Weg, nachdem ich Deinen Bericht gelesen habe.
    Ich wünsche Dir alles Gute, pass gut auf Dich auf, jetzt, wo Du wieder in Deinen Alltag zurück gekehrt bist. Liebe Grüße, Beate

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  3. Robert Pachernegg
    Robert Pachernegg sagte:

    Vielen Dank für diesen wunderschönen und berührenden Text. Ich plane den portugiesischen Küstenweg nächstes Jahr zu gehen und freue mich mit jedem Beitrag mehr darauf.

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