ERFAHRUNGSBERICHT
Pyrenäen-Überquerung mit künstlichem Knie: Beats Weg
Das Wichtigste in Kürze: Beat ist zwei Jahre nach dem Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks von Le Puy-en-Velay bis Finisterre gepilgert, fast 1.700 Kilometer am Stück über die Via Podiensis und den Camino Francés. Nach 750 Kilometern durch Frankreich kam er bei der Pyrenäen Überquerung von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles entspannt ans Ziel. Schwierig wurde es erst kurz vor Burgos: Zu hohes Tempo auf dem Weg zur Meseta brachte ihm ein Schienbeinkantensyndrom ein, das er mit kürzeren Schritten, mehr Pausen und fachkundigem Tapen in den Griff bekam. Von Santiago ging er in vier Tagen weiter über Muxía nach Finisterre, sein eigentliches Ziel. Im zweiten Teil des Gesprächs vergleicht Beat außerdem die Pilgerwege in Frankreich und Spanien und erzählt, wie er nach dem Weg im Alltag angekommen ist.
Mit künstlichem Knie bis ans Ende der Welt: Wie Beat 1.700 Kilometer auf dem Camino ging und lernte, dass langsamer manchmal weiter führt
Kann man mit einem künstlichen Kniegelenk den ganzen Camino Francés laufen, von den Pyrenäen bis nach Santiago und weiter bis ans Ende der Welt? Beats Antwort darauf ist eindeutig: ja, wenn du dein Tempo wirklich ernst nimmst und bereit bist, auch mitten im Weg noch einmal langsamer zu werden. Zwei Jahre nach seiner Knieoperation stand er wieder vor den Pyrenäen, diesmal mit einem klaren Gefühl: Er war bereit.
Im ersten Teil unseres Gesprächs haben wir Beats Weg zurück auf den Jakobsweg verfolgt, von der Diagnose über die Operation bis zu den ersten vorsichtigen Etappen durch die Schweiz und Frankreich. In Saint-Jean-Pied-de-Port angekommen, spürte er, wie fit er tatsächlich war. Die Frage, ob er über die Pyrenäen überqueren sollte, hatte er sich bewusst offengelassen. Genau an diesem Punkt setzt dieser zweite Teil an.
Warum Beat den Druck bewusst herausnahm
„Ich hab mir das ganz bewusst offengelassen, damit auch nicht irgendwie der Druck, der innerliche Druck für mich zu groß wird“, erzählt Beat. Wenn er in Saint-Jean ankäme, könnte er zufrieden nach Hause gehen. Die eigentliche Etappe, die Via Podiensis, wäre abgeschlossen. Alles danach wäre eine bewusste Entscheidung, kein Zwang.
Den Ausschlag gab am Ende sein eigener Körper. Er hatte 750 Kilometer warm gelaufen und fühlte sich, wie er sagt, „absolut topfit“. Als er am Fuß der Pyrenäen ein paar Pilger sah, die gerade mit dem Zug angekommen waren und sichtlich Respekt vor dem Aufstieg hatten, war seine Reaktion unmittelbar: „Ja, also die Pyrenäen überqueren, wieso nicht? Also ich bin fit genug.“
Pyrenäen Überquerung: vom Pilger zum Sportler
Beat lief die Etappe, vor der viele Pilger den größten Respekt haben, in einem Zug durch, von Saint-Jean bis Roncesvalles. Dabei erlebte er einen Rollenwechsel, den er selbst offen benennt: „Ich war dann wirklich, das gebe ich zu, ich war nicht mehr Pilgern. Ich war der Wanderer und der Sportler.“ Der Aufstieg gelang ihm mit einem Nebelmeer und einer Aussicht, die er ausgiebig fotografierte und filmte, ohne daraus einen Wettkampf zu machen. Anstrengender als der Aufstieg war für ihn der steile Abstieg danach, bei dem er trotz Warnung im Pilgerbüro versehentlich den falschen, steileren Weg erwischte, wie fast alle anderen an diesem Tag auch.
Er kam entspannt in Roncesvalles an, „weder kaputt noch müde noch sonst was“, wie er selbst sagt, verdankt das aber ausdrücklich den vier Wochen Training davor. Sein Respekt vor der Leistung anderer blieb trotzdem bestehen: „Ich staune und ziehe den Hut von allen Leuten, die da in Saint-Jean unten stehen und den ersten Tag da hochlaufen.“
Wer die Pyrenäen lieber auf einer ruhigeren Route überquert, findet mit dem Camino Aragonés eine Alternative zu Beats Weg über Saint-Jean.
Ankunft in Spanien: die Pilgerherbergen-Fabrik von Roncesvalles
Der Wechsel von Frankreich nach Spanien war für Beat mehr als eine Landesgrenze. In Roncesvalles traf er auf ein durchorganisiertes System mit zweihundertfünfzig Betten, festen Bettnummern und klaren Abläufen, ein Kontrast zum ruhigen Frankreich der Wochen davor. Er nennt es selbst „Pilgerherbergenfabrik“ und erkennt gleichzeitig an, wie gut sie für die schiere Menge an Pilgern funktioniert. Was ihn am meisten störte, war banal: Niemand wollte je ein Fenster offen lassen.
Der Andrang direkt nach der Pyrenäenüberquerung war für ihn der dichteste Abschnitt des ganzen Weges. „So voll, wie die Wege dort oben waren, war es nie mehr danach“, sagt er. Schon ab Zubiri verteilten sich die Pilger spürbar, und je näher Santiago rückte, desto ruhiger wurde es für ihn wieder.
Zwei Länder, zwei Wege: Beats Vergleich
Nach beiden Wegen gefragt, weigert sich Beat, das eine gegen das andere auszuspielen: „Es ist ganz, ganz schwierig, die wirklich zu vergleichen oder zu werten.“ Frankreich empfand er als weniger international, dafür mit einer besonderen Qualität: Auf den französischen Wegen wird in den Unterkünften zu neunzig Prozent gemeinsam zu Abend gegessen, während es in Spanien stärker durchmischt ist, mal Selbstversorgung, mal Restaurant. Landschaftlich zieht er keinen klaren Sieger, lobt aber die Abwechslung des Camino Francés mit Pyrenäen, Großstädten und Meseta.
Sein praktischer Rat an alle, die noch zögern: „Warum, wieso muss man immer nur spanische Jakobswege laufen? Läuft wirklich mal die Vianensis, läuft wirklich mal die Podiensis.“ Wer die Zeit hat, kann seiner Erfahrung nach durchaus von Le Puy bis Santiago laufen, „auch mit einem neuen Knie“, wie er selbst ergänzt.

Jakobsweg Kalender 2027
Spiritueller Kalender mit 36 Impulsen und stimmungsvollen Bildern vom Jakobsweg. Für mehr Achtsamkeit, Inspiration und innere Ruhe im Jahr 2027.
In der Hektik des Alltags spüren viele Menschen: Irgendetwas fehlt. Ruhe. Klarheit. Oder einfach ein Moment zum Durchatmen. Und genau hier setzt der Jakobsweg-Kalender 2027 an – als stiller Begleiter für ein Jahr, das dich immer wieder an das Wesentliche erinnert.
Warum Pamplona nicht das Ende war
In Pamplona hätte Beat mit gutem Gewissen aufhören können. Gute Verbindungen nach Hause, ein erreichbares Ziel, eine „ganz tolle Stadt“, wie er sie beschreibt. Doch sein Körper machte einfach weiter mit. „Es lief einfach fantastisch gut. Es lief einfach wirklich gut und ich hatte Freude“, erzählt er. Die Meseta wurde zum nächsten inneren Etappenziel, während im Hintergrund längst sein eigentliches Ziel stand, das er selbst so beschreibt: irgendwann bis an den Atlantik nach Finisterre zu kommen.
Die Meseta fordert ihren Preis
Was danach folgte, zeigt, dass auch ein gut trainierter Körper Grenzen hat, die sich nicht ankündigen. Kurz vor Burgos wurde Beat, wie er selbst offen zugibt, „ein wenig zu euphorisch“. Seine Etappenlänge blieb dabei unproblematisch, zum eigentlichen Risiko wurde ihr Tempo. Er lief zu schnell, auf einem Untergrund, der genau das nicht verzeiht, und entwickelte ein Schienbeinkantensyndrom, mit dem er in den Herbergen keineswegs allein war: „Wenn fünf Pilger am Tisch saßen, da hatten mindestens drei, wenn nicht vier, hatten irgendwo ein Tape am Schienbein oder am Wadenbein.“
Sein erster Weg in Burgos führte deshalb, wie er selbst erzählt, „zur Apotheke und nicht zur Kathedrale“. Was danach kam, ist genau die Art von Selbstfürsorge, die er später als Lehre benennt: Tempo drosseln, Schritte verkürzen, mehr Pausen einbauen, sich fachkundig zeigen lassen, wie man richtig tapt, und Entzündungshemmer gezielt statt dauerhaft einsetzen. „Es gibt Medikamente, wenn man die dann wirklich den Schmerz zudeckt und nicht mehr merkt, was da wirklich etwas passieren könnte, dann passiert’s dann wirklich“, sagt er dazu, eine Lehre, die er ausdrücklich mit seinem Knie in Verbindung bringt.
Auch ein Weggefährte half ihm in dieser Phase, indem er ihn immer wieder erinnerte: „Bremsen, Bremsen, Bremsen.“ Was einen Abbruch hätte bedeuten können, wäre die Verletzung schlimmer geworden, wurde stattdessen zu einer weiteren Etappe, die Beat mit Geduld statt mit Ehrgeiz löste.
Santiago: eine ruhige Ankunft
Als Beat schließlich auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago stand, blieb die große, überwältigende Emotion aus, die viele Pilger beschreiben. Was stattdessen kam, war etwas Ruhigeres: „Eine innere Zufriedenheit kam hoch. Die war groß.“ Der Grund dafür liegt in seinem eigenen Zielverständnis. Santiago war für ihn nie der eigentliche Abschluss, das wusste er schon in seiner ersten Planung vor zwei Jahren. „Für mich war ja immer das Ziel, echte persönliche Ziel war der Atlantik. Also ich wollte ans Ende der Welt.“
Warum Finisterre für Beat das eigentliche Ziel war
Genau diese Unterscheidung macht Beats Weg besonders. Für ihn war Santiago eine Durchgangsstation auf dem Weg zu seinem eigentlichen Ziel. Erst der Weg über Muxía nach Finisterre, gut 122 Kilometer, die er in vier Tagen ging, „wirklich Sonntagsspaziergang einfach vier Sonntage hintereinander“, brachte für ihn den eigentlichen Abschluss. Am Nullstein von Finisterre kam schließlich das, was in Santiago ausgeblieben war: eine tiefe Dankbarkeit. „Dort kam Dankbarkeit auf. Wirklich Dankbarkeit, dass ich das erleben durfte, dass mein Knie das mitgehalten hat.“
Stolz am Kilometerstein Null
Auf die Frage, worauf er in diesem Moment am meisten stolz war, antwortet Beat ohne Umschweife: „Ich war wirklich auf mich persönlich stolz, das geschafft zu haben.“ Er nennt es sein Projekt, ein Gesamtprojekt, das er wörtlich mit dem Bau eines Hauses vergleicht, mit Verzögerungen unterwegs, aber am Ende fertiggestellt. „Ich bin jetzt wirklich von Zürich bis ans Ende der Welt gelaufen. Das Gesamtprojekt ist jetzt abgeschlossen.“
Insgesamt kam das gesamte Vorhaben, von Zürich aus, mit allen Unterbrechungen durch Knieoperation und Reha, auf etwas über hundert Tage. Allein die letzte, durchgehende Etappe von Le Puy bis Finisterre war mit fast 1.700 Kilometern die längste Strecke, die Beat je an einem Stück gegangen ist, entstanden aus genau der Sorgfalt und Geduld, die ihm sein Arzt nach der Operation eigentlich nicht mehr zugetraut hatte.
Zurück im Alltag: eine bewusst langsame Landung
Anders als viele Pilger, die direkt nach der letzten Etappe in den Flieger steigen, gönnte sich Beat in Finisterre bewusst drei zusätzliche Tage, dazu einen Abstecher nach Porto. Erst fünf oder sechs Tage nach seinem letzten Schritt fuhr er tatsächlich nach Hause. „Das war wirklich der richtige Entscheid“, sagt er rückblickend. Das Ankommen selbst beschreibt er als überraschend einfach, unterstützt von seiner Familie, die seine Leistung sichtlich würdigte.
Ganz ohne Umstellung ging es trotzdem nicht. Die Einfachheit des Unterwegsseins, der Rucksack, der alles enthält, was man braucht, fehlte ihm in den ersten Tagen zu Hause spürbar. Einen eigentlichen Camino-Blues erlebt er aber nicht. Was blieb, ist vor allem eine Gelassenheit, die er selbst am ehesten benennen kann: „Ich musste aber auf niemanden achten. Ich musste nur auf mich achten. Und da kam natürlich wirklich eine gewisse Gelassenheit.“ Er räumt allerdings ein, dass sich diese Gelassenheit zu Hause nicht immer so leicht halten lässt wie unterwegs, wo viele Alltagsprobleme einfach nicht bis zu ihm vordringen.
Was Beat Menschen mitgibt, die einen Weg abbrechen mussten
Am Ende unseres Gesprächs haben wir Beat gefragt, was er jemandem sagen würde, der einen Camino abbrechen musste und darin gerade nur ein Scheitern sieht. Seine Antwort ist ehrlich, ohne es schönzureden: „Für jemanden persönlich, auch für mich war es wirklich ein Scheitern. Das muss man nicht schönreden. Es ist ein Scheitern, aber es muss nicht das Ende bedeuten.“
Sein Rat: die Hoffnung nie ganz begraben, dem Scheitern kurz Raum geben, ehrlich hinschauen, was man beeinflussen konnte und was nicht, und dann wieder realistische Hoffnung zulassen. Für ihn selbst war das Ergebnis ein Projekt, das statt vier oder fünf Monaten zwei Jahre gedauert hat und trotzdem an sein Ziel gekommen ist.
Ein Vorschlag zum Schluss
Wenn du gerade selbst mit einem unterbrochenen Weg lebst, brauchst du daraus keine sofortige Entscheidung zu machen, ob und wann du weitermachst. Beats Geschichte zeigt vor allem eines: Auch ein Weg, der zweimal unterbrochen wurde, einmal durch eine Operation, einmal durch eine Verletzung unterwegs, kann trotzdem bis ans Ende der Welt führen, wenn du bereit bist, dein Tempo daran anzupassen, statt an deinem alten Ehrgeiz festzuhalten.
Beats vollständige Geschichte, von der Diagnose bis zum Kilometerstein Null, kannst du in beiden Teilen unserer Podcastfolge „Zurück auf den Weg“ hören, den ersten Teil dazu liest du im Blogartikel „Camino abgebrochen und fortgesetzt“. Und wenn du selbst gerade an deinem eigenen Weg dranbleibst, ob unterbrochen oder nicht, tausch dich gerne mit anderen Pilgern in der Jakobsweg-Community aus.
Buen Camino, dein Peter
KOSTENLOSER ZUGANG
Gut vorbereitet auf deinen Camino.
Im Buen-Camino-Club findest du praktische Hilfen für deine Vorbereitung: Packliste, Etappenplanung, Herbergen, Downloads und begleitende Inhalte für deinen Camino.
FÜR DEN AUSTAUSCH
Geh den Weg nicht allein.
Tausche dich mit anderen Pilgern aus, stelle deine Fragen, finde Gleichgesinnte. Die Community zum Jakobsweg-Lebensweg.
Weitere Beiträge von Beat lesen
Camino abgebrochen und fortgesetzt: Beats Weg zurück auf den Jakobsweg (Teil 1)
In der Jakobsweg-Community tauschst du dich mit anderen Pilgern aus, dort findest du auch Beats eigene Beiträge zu seinem Weg (kostenlose Anmeldung nötig).
Buen Camino, dein Peter
Ich bin Peter Kirchmann und gehe seit 1993 Pilgerwege quer durch Europa – mehr als 6.000 Kilometer sind so über die Jahre zusammengekommen, den Münchner Jakobsweg immer wieder in Teilstücken. Seit 2015 schreibe ich auf Jakobsweg-Lebensweg darüber, was unterwegs wirklich zählt, und beantworte im Podcast und in der Community die Fragen, die mir Pilger vor ihrem ersten Weg am häufigsten stellen. Was hier steht, kommt aus eigener Erfahrung, nicht vom Schreibtisch aus.




