Jakobsweg abbrechen

Jakobsweg abgebrochen und fortsetzen: Beats Weg zurück auf den Camino

Beat Gassmann Jakobsweg abbrechen ist keine option

Ist ein Jakobsweg nach einer Knie-OP überhaupt noch möglich? Beats Geschichte gibt darauf eine klare Antwort: ja, wenn du dir die Zeit dafür nimmst und in kleinen, überschaubaren Etappen zurückfindest, statt sofort wieder das ganze, alte Ziel vor Augen zu haben. Zwei Jahre nach einem abgebrochenen Jakobsweg und einem künstlichen Kniegelenk lief er über Genf und Le Puy zurück auf die Via Podiensis, bis vor die Pyrenäen.

(Titel-Bild: Gabriele Rohde von der Community mit AI erstellt)

Ist ein Camino nach einer Knie-OP überhaupt noch möglich? Beats Geschichte gibt darauf eine klare Antwort: ja, wenn du dir die Zeit dafür nimmst und in kleinen, überschaubaren Etappen zurückfindest, statt sofort wieder das ganze, alte Ziel vor Augen zu haben. Zwei Jahre nach einem abgebrochenen Jakobsweg und einem künstlichen Kniegelenk lief er über Genf und Le Puy zurück auf die Via Podiensis, bis vor die Pyrenäen.

Den Jakobsweg abbrechen und einen Neustart wagen: Beats Weg zurück auf den Camino

Vielleicht kennst du dieses Gefühl aus deinem eigenen Leben, auch wenn dein Weg kein Jakobsweg war. Ein Plan, auf den du dich lange gefreut hast. Ein Vorhaben, in das du Zeit, Kraft und Hoffnung gesteckt hast. Und dann, manchmal von einem Tag auf den anderen, ist Schluss, nicht weil du es nicht wolltest, sondern weil dein Körper oder die Umstände etwas anderes entschieden haben.

Genau das ist Beat passiert. Wie er damit umgegangen ist, kann etwas mit dir machen, ganz gleich, ob du gerade selbst einen Weg pausiert hast oder nicht.

Ein Traum, der nach zehn Tagen endete

Im Sommer 2024 stand Beat kurz vor seiner Pensionierung. Seine Familie hatte ihm vier, fünf Monate Auszeit zugestanden, und sein Plan war groß: von der Jakobskirche in Zürich aus bis nach Santiago laufen, vielleicht weiter nach Porto, im besten Fall bis Lissabon. Er war gut vorbereitet, hatte trainiert, war, wie er selbst sagt, „wahnsinnig euphorisch“.

Zürich via Jakobi
Beat Gassmann Via Jakobi Schweiz

Nach zehn Tagen war davon nichts mehr übrig. Was als leichtes Ziehen im Knie begann, wurde von Etappe zu Etappe schlimmer, vor allem bei den steilen Abstiegen zwischen den Schweizer Seen. Eine einzige Etappe von siebzehn Kilometern, von Spiez nach Thun, brauchte er am Ende fast neun Stunden, nur noch mit Schmerztabletten, kaum noch in der Lage zu sitzen. „Das war einfach der Horror“, sagt er darüber. Irgendwann blieb ihm keine Wahl mehr: Er musste den Jakobsweg abbrechen und sich das Knie ansehen lassen.

Die Diagnose: künstliches Kniegelenk statt Camino

Die Diagnose traf ihn hart. Der Knorpel im Knie war irreparabel geschädigt, eine Folge, die sich seit einer kleineren Meniskusoperation im Winter zuvor unbemerkt entwickelt hatte. Es half nur noch ein künstliches Kniegelenk. Beat beschreibt diesen Moment offen: „Im Moment war ich ziemlich am Boden zerstört.“ Drei Monate lang kam er kaum aus dem Wohnzimmer, brauchte für jeden Weg ins Dorf das Auto, konnte gerade noch schwimmen gehen.

Die Operation selbst brachte dann, so widersprüchlich das klingt, die erste Erleichterung. Schon am Tag danach konnte er mit Krücken aufstehen, mit weniger Schmerzen als vor dem Eingriff. „Da kam so das erste Glücksgefühl wieder“, erinnert er sich. Was die Ärzte ihm mit auf den Weg gaben, blieb trotzdem ehrlich und ernüchternd: Er würde wieder laufen können, aber vermutlich keine großen Strecken mehr, wie er sie sich gewohnt war. In den ersten Monaten nach der Operation, sagt Beat, habe er selbst überhaupt nicht daran gedacht, jemals wieder einen ganzen Camino zu Ende zu bringen.

Der Weg zurück in kleinen Schritten

Fast ein Jahr verging, bis er es wagte, dort weiterzumachen, wo er 2024 aufgehört hatte. Was blieb, war Physiotherapie, Eigenübungen, kleine Fortschritte, Woche für Woche, bis der nächste Versuch überhaupt denkbar wurde.

Genf: die ersten beschwerdefreien Kilometer

Im Frühjahr 2025 lief Beat den Rest seines unterbrochenen Schweizer Weges bis nach Genf, knapp zwei Wochen, flach, überschaubar. Es war, sagt er, „absolut beschwerdefrei“. Das Knie machte einfach mit, ohne zu zicken. In Genf angekommen, lief er an diesem Nachmittag noch bewusst bis zur französischen Grenze weiter, nur um zu sehen, wo es weitergehen könnte.

Le Puy: ein fremdes Stück Weg

Beat auf dem weg nach Le Puy Via Gebenennsis

Diese zwei Wochen waren der Wendepunkt. Im selben Jahr, im Herbst, wagte Beat den nächsten, deutlich größeren Schritt: drei Wochen von Genf durch das Rhonetal bis nach Le Puy, die Via Gebennensis, für ihn komplettes Neuland. Wieder ohne Beschwerden, wieder mit wachsender Zuversicht. In Le Puy angekommen, besuchte er zwar die berühmte Kathedrale, ging aber bewusst nicht zur Pilgermesse, als hätte er dieses Ritual für den Moment aufgehoben, an dem er wirklich bereit sein würde, noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Der zweite Anlauf ohne festen Plan

Dieser Moment kam am 9. April 2026. Beat stand wieder in Le Puy, diesmal mit Pilgermesse, und machte sich auf den Weg entlang der Via Podiensis, dem französischen Jakobsweg von Le Puy-en-Velay bis Saint-Jean-Pied-de-Port, knapp achthundert Kilometer und einer der klassischen Zubringerwege zum Camino Francés.

Anders als 2024 nahm er sich diesmal kein großes, festes Ziel vor. „Ich nehme jetzt einfach mal Tag und Tag“, beschreibt er seine Haltung. Er unterteilte die Strecke in größere Abschnitte mit eingebauten Ausstiegen: bis Conques, von wo aus ein Bus zurückfährt, oder bis Figeac, Moissac und Condom, wo sich noch einigermaßen vernünftige Verbindungen Richtung Zuhause finden. Jede dieser Etappen war ein Punkt, an dem er sich jederzeit mit gutem Gewissen hätte zurückziehen können, ohne sich als gescheitert zu fühlen.

Genau diese Erlaubnis, aufhören zu dürfen, scheint ihm am Ende geholfen zu haben, weiterzugehen. Woche für Woche wuchs seine Zuversicht, und erst ziemlich spät, irgendwo zwischen den größeren Etappenzielen, kamen ihm überhaupt die ersten Gedanken an Saint-Jean und die Pyrenäen. An Santiago dachte er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

Auch körperlich war dieser zweite Anlauf ein anderer als der Weg durch die Schweiz ein Jahr zuvor. Beat berichtet, dass er sich diesmal spürbar kräftiger fühlte, sicherer bergauf, mit mehr Substanz in den Beinen. Selbst Wetterkapriolen, mitten im April Schneefall auf dem Aubrac, oder ein Tag mit minus neun Grad und kräftigem Wind, konnten daran nichts ändern.

Humor und Genuss als Wegbegleiter

Was in Beats Erzählungen auffällt, ist der Humor, mit dem er selbst kleinere Widrigkeiten nimmt. Eine Episode, die er besonders lebendig schildert, sind die grünen Eichenwickler, kleine Raupen, die an Fäden von den Bäumen hängen und einem quer über den Weg im Gesicht und in der Kleidung hängen bleiben. Beat versuchte, sie mit seinen Wanderstöcken vor sich her wegzuwischen, „wie Lanzelot mit der Lanze“, wie ihm jemand aus der Community schrieb. Ungefährlich, aber lästig, und für Beat vor allem eine gute Geschichte, über die er lachen konnte, statt sich zu ärgern. „Ich verliere zu viel Energie, wenn ich mich da aufrege“, sagt er dazu, „und ich brauche die Energie wirklich, um auf dem Weg vorwärtszugehen.“

Jakobsweg Kalender 2027 Cover

Jakobsweg Kalender 2027

Spiritueller Kalender mit 36 Impulsen und stimmungsvollen Bildern vom Jakobsweg. Für mehr Achtsamkeit, Inspiration und innere Ruhe im Jahr 2027.

In der Hektik des Alltags spüren viele Menschen: Irgendetwas fehlt. Ruhe. Klarheit. Oder einfach ein Moment zum Durchatmen. Und genau hier setzt der Jakobsweg-Kalender 2027 an – als stiller Begleiter für ein Jahr, das dich immer wieder an das Wesentliche erinnert.

Genauso wichtig war ihm der Genuss unterwegs. In Frankreich, erzählt er, werde man auf dem Weg richtig verwöhnt, mit guten Abendessen in den Unterkünften, mit der Gelegenheit, sich nach zwanzig oder dreißig Kilometern mit einem guten Glas Wein zu belohnen. Im Fremdenverkehrsbüro von Cahors entdeckte er eine kostenlose Weindegustationskarte, mit der er sieben verschiedene Weine probieren konnte, „und nach sieben so Schlucklein hatte ich, glaube ich, irgendwie auch zwei Gläser Wein gehabt.“ Kleine Momente wie dieser sind es, die aus einem reinen Kraftakt einen Weg machen, den man auch genießt.

Saint-Jean-Pied-de-Port: ein Abschied, der keiner wurde

Anreise Saint Jean Pied de Port

Als Beat schließlich in Saint-Jean-Pied-de-Port ankam, gönnte er sich einen Ruhetag. Der erste Tag dort, erzählt er, fühlte sich an wie ein Abschied, wie das Ende eines langen, in sich stimmigen Kapitels. Er hatte sein großes Ziel erreicht: die Strecke von Zürich bis an den Fuß der Pyrenäen, die Fortsetzung des Weges, der zwei Jahre zuvor mit einer Diagnose und einer Operation unterbrochen worden war.

Doch am zweiten Tag begann sich etwas zu verschieben. Beat spürte, wie fit er sich fühlte, wie gut trainiert er nach vier Wochen auf der Via Podiensis war. Die Frage, ob er nicht doch noch weiterlaufen sollte, über die Pyrenäen hinaus, hatte er sich bewusst bis zu diesem Moment offengelassen. Genau an diesem Punkt endet der erste Teil unseres Gesprächs, an der Schwelle zwischen einem Ziel, das erreicht war, und einem Weg, der vielleicht doch noch weitergehen würde.

Kann man den Jakobsweg mit einem künstlichen Kniegelenk gehen?

Beats Erfahrung beantwortet diese Frage, die sich viele stellen, bevor sie es überhaupt wagen zu fragen: Ja, ein Camino mit künstlichem Kniegelenk ist möglich, wenn Belastung und Tempo bewusst gesteigert werden und genug Zeit für den Heilungsprozess eingeplant ist. Sein Arzt selbst hatte ihm nach der Operation nur vorsichtig zugetraut, überhaupt wieder größere Strecken zu gehen. Zwei Jahre später stand Beat wieder auf der Via Podiensis, spürbar kräftiger als im Jahr zuvor.

Was diese Geschichte über das eigene Weitergehen zeigt

Was an Beats Geschichte am meisten berührt, ist nicht die schiere Kilometerzahl oder das künstliche Kniegelenk, das seinen Dienst so viel besser tat, als die Ärzte es vorhergesagt hatten. Es ist die Art, wie er seinen Weg zurück gestaltet hat: nicht als einen einzigen, mutigen Sprung zurück in die alte Euphorie, sondern als eine Kette kleiner, überschaubarer Schritte. Zwei Wochen bis Genf. Drei Wochen bis Le Puy. Und dann, ohne festen Plan, Tag für Tag.

Wenn du selbst gerade an einem Punkt stehst, an dem ein eigenes Projekt, eine eigene Reise oder ein eigener Plan unterbrochen wurde, dann liegt darin vielleicht die eigentliche Erkenntnis dieser Folge: Du musst nicht sofort wieder das ganze, ursprüngliche Ziel vor Augen haben. Es reicht, sich ein Stück vorzunehmen, bei dem du jederzeit mit gutem Gewissen wieder aufhören könntest, und dann zu schauen, was danach möglich wird.

Ein Vorschlag zum Schluss

Wenn dich Beats Geschichte an einen eigenen unterbrochenen Weg erinnert hat, brauchst du für den ersten Schritt zurück weder einen fertigen Plan noch die Gewissheit, wie weit du kommst. Es reicht ein Stück, bei dem du jederzeit mit gutem Gewissen wieder aufhören könntest.

Das ganze Gespräch mit Beat kannst du in der aktuellen Podcastfolge „Zurück auf den Weg“ hören. Wie es für ihn an diesem zweiten Morgen in Saint-Jean-Pied-de-Port weiterging und ob er sich tatsächlich noch an die Pyrenäen gewagt hat, erzähle ich dir in der kommenden Folge. Und wenn du selbst gerade an einem eigenen Comeback dranbleibst, tausch dich gerne mit anderen Pilgern in der Jakobsweg-Community aus.

Buen Camino, dein Peter

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