Camino im Alltag: Wie das Gefühl vom Jakobsweg bleibt

Camino Primitivo Sonnenfinsternis in Sobrado dos Monxes

Der Camino im Alltag ist für viele der schwierigere Teil des Weges. Unterwegs trägt dich der Rhythmus fast von allein, doch kaum bist du zu Hause, wirkt alles zu laut und zu schnell. Das Camino-Gefühl geht dabei nicht verloren, es wird nur vom Alltag überlagert – und du kannst es dir zurückholen. In diesem Artikel liest du, was drei Wochen nach unserem Camino Primitivo geblieben ist und welche sieben kleinen Schritte im Alltag wirklich helfen.ero vitae erat.

Camino im Alltag: Wie du das Gefühl vom Jakobsweg mit nach Hause nimmst

Gestern Abend bin ich mit Simone durch den Wald hinter Walldorf gelaufen. Es war schon kühl geworden, in den Baumkronen hing noch etwas Abendrot, und wir sind einfach in unserem Tempo gegangen, so wie wir das wochenlang in Asturien getan hatten. Irgendwann haben wir das Mikrofon mitlaufen lassen und uns gefragt, was von unseren siebzehn Tagen auf dem Camino Primitivo eigentlich übrig ist.

Drei Wochen sind wir jetzt zurück. Das ist lang genug, dass der Alltag wieder da ist, und kurz genug, dass man noch genau weiß, wie es unterwegs war.

Ehrlich gesagt hatte ich mit mehr Wehmut gerechnet. Es kam anders, und genau darüber möchte ich hier schreiben. Denn die Frage, wie man den Camino mit nach Hause nimmt, beschäftigt fast jeden, der einmal gegangen ist. Und viele, die noch überlegen loszugehen, tragen die Sorge schon vorher mit sich: Was ist, wenn das alles verpufft, sobald ich wieder zu Hause bin?

Warum die Rückkehr oft schwerer ist als der Weg selbst

Auf dem Camino hat dein Tag genau eine Aufgabe. Du stehst auf, du gehst, du kommst an, du isst, du schläfst. Alles, was du brauchst, trägst du bei dir.

Zu Hause wartet das Gegenteil, und deshalb ist für viele nicht der Weg das Schwierige, sondern das Danach. Der Alltag erscheint plötzlich laut, hektisch, übervoll, manchmal geradezu fremd. In unserer Befragung von 588 Pilgerinnen und Pilgern, die wir gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Braun ausgewertet haben, wurde das mit Sätzen beschrieben wie „Wie in einer falschen Welt. Alles zu laut, zu schnell“ oder „Der Tag war plötzlich leer“.

Umgangssprachlich nennen wir das Camino-Blues. Es ist aber mehr als ein Stimmungstief. Es ist die Reibung zwischen zwei Lebensformen, die schlecht zueinander passen.

Wenn du das kennst, ist daran nichts falsch mit dir. Es ist die logische Folge davon, dass du unterwegs etwas erlebt hast, das sich mit deinem bisherigen Normalzustand nicht ohne Weiteres verträgt.

Was vom Camino tatsächlich bleibt

Bei mir war es diesmal die Natur. Auf dem Primitivo habe ich zum ersten Mal so bewusst gespürt, welche Kraft in der Stille eines Waldes liegt und welcher Frieden darin wohnt. Das hat mich damals fasziniert, und es hat mich gleichzeitig nachdenklich gemacht, weil ich mich fragte, wie das wohl sein wird, wenn wir zurückkommen und der Camino im Alltag nichtmehr so spürbar ist.

Der Test kam schneller als gedacht. Kurz nach unserer Rückkehr sind wir nach Kopenhagen gefahren, wo unser Sohn Florian seine Abschlussfeier vom Master hatte. Also aus der Ruhe Asturiens direkt hinein in eine große, wuselige Stadt.

Und die Anreise war, gelinde gesagt, lehrreich. Verspätung, verpasster Anschlusszug, Schienenersatzverkehr, wir kamen kurz vor Mitternacht an, zwei Stunden später als geplant. Früher hätte mich das den halben Abend gekostet. Diesmal haben wir vom Bus aus den Sonnenuntergang angeschaut, und es hat uns tatsächlich nichts ausgemacht.

Simone hat das im Gespräch so beschrieben: Sie war einfach im Fluss, ganz präsent, und das Äußere hat sie nicht aus der Bahn geworfen.

Bei mir hat sich das ein paar Tage später noch einmal gezeigt, in einer weit weniger romantischen Situation. Ich hatte in einer Woche dreimal mit Hotlines zu tun, und zwar mit genau der Sorte, die jeder kennt: knapp, genervt, wenig zugewandt. Früher hätte ich mich darüber aufgeregt. Diesmal habe ich es genommen als das, was es war, nämlich ein kurzes Telefonat mit einem Menschen, dessen Tag ich nicht kenne.

Das ist kein spektakuläres Beispiel. Aber vermutlich ist es genau deshalb eines.

Beruhigend finde ich, dass wir damit nicht allein sind. Wenn man die Antworten unserer Befragung nach der Veränderung durchgeht, taucht ein Wort häufiger auf als alle anderen: Gelassenheit. Daneben steht ein gewachsenes Selbstvertrauen und ein neues Gefühl dafür, wie wenig man eigentlich braucht. Und viele schreiben, dass die Wirkung nicht nach ein paar Wochen endet. „Der Camino begleitet mich jeden Tag“, formuliert es jemand Jahre nach seinem Weg.

Die Frage ist also nicht, ob etwas bleibt. Sondern ob wir ihm im Alltag einen Platz geben.

Zwei Wege, den Camino festzuhalten

Das Überraschendste an unserem Abendspaziergang war etwas, das Simone und ich nach all den gemeinsamen Wegen zum ersten Mal so klar bemerkt haben: Wir halten den Jakobsweg im Alltag auf völlig unterschiedliche Weise fest.

Der Weg über die Gefühle

Simone geht über das Empfinden. Ihre Überzeugung ist, dass das Camino-Gefühl gar nicht verloren gehen kann. Es wird nur überlagert, verschüttet von dem, was der Alltag an anderen Gefühlen mitbringt. Und weil es noch da ist, kann man darauf zurückgreifen.

Sie tut das mit einer kleinen Übung, die sie inzwischen fast täglich macht. Sie setzt sich fünf Minuten nach draußen und tut nichts, außer zu sitzen, zu schauen und zu hören. Keine Musik, kein Podcast, sondern die Autos, die Vögel, der Wind.

Fünf Minuten klingen nach wenig. Sie können erstaunlich lang werden, besonders wenn im Kopf schon die Liste dessen läuft, was eigentlich noch zu tun wäre. Simone hat dafür eine Lösung gefunden, über die wir beide lachen mussten: Sie spricht vorher kurz mit ihrem eigenen Verstand und sagt ihm, dass er sich für fünf Minuten in den Liegestuhl legen darf und danach wieder gebraucht wird.

Klingt eigenartig. Funktioniert bei ihr.

Dazu kommt bei ihr das Lesen. Sie geht ihre Tagebücher vom Weg noch einmal durch und schreibt gleichzeitig weiter. Wir schauen auch viele Bilder an, was gerade ohnehin dauernd passiert, weil wir für den Kalender die Aufzeichnungen durchgehen und überlegen, welche Gedanken sich eignen, um genau dieses Gefühl in den Alltag zu tragen.

Weil wir den Jakobsweg-Kalender zusammenstellen, lesen wir unsere Aufzeichnungen vom Primitivo Seite für Seite noch einmal durch. Wir überlegen, welches Foto zu welchem Monat passt und welcher Gedanke es wert ist, ein Jahr lang an einer Wand zu hängen. Simone sagt, dadurch seien wir eigentlich permanent unterwegs, ohne einen Schritt zu gehen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum wir diesen Kalender überhaupt machen. Er sorgt dafür, dass wir dreimal im Monat kurz stehenbleiben und uns erinnern.

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Der Weg über das Tun

Ich gehe anders heran. Bei mir ist die Frage immer: Was kann ich konkret tun?

Nach dem Camino habe ich meine Morgenroutine wieder aufgenommen. Die erste Stunde des Tages bleibe ich handyfrei. Ich stehe auf, setze mich in einen Sessel, lasse meine Gedanken laufen und frage nach der Intention des Tages. Manchmal kommt ein ganzes Bild, manchmal nur ein Wort. Heute war es das Wort Joy, was auch mit Kopenhagen zusammenhängt, denn die Keynote-Rednerin bei Florians Abschlussfeier hat davon gesprochen, wie wertvoll es ist, eine innere Freude zu entwickeln, die von den Umständen unabhängig bleibt. Danach mache ich meine Atemübungen und mein Qigong, und erst dann kommt der Kaffee.

Das zweite ist noch kleiner. Wenn mir jemand entgegenkommt, grüße ich innerlich. Ein imaginäres Buen Camino, mitten in Walldorf.

Und dann gibt es die größeren Formen, ein Fotoalbum anzulegen zum Beispiel, oder Vorträge zu halten und Menschen mitzunehmen, die sich für den Jakobsweg interessieren.

Hier liegt allerdings auch eine Grenze, die man kennen sollte. Jedem, der einem begegnet, vom Jakobsweg zu erzählen, ob er will oder nicht, bewirkt eher das Gegenteil. Simone hat dazu den schöneren Vorschlag gemacht: Statt allen vom Camino zu erzählen, kann man die Menschen einfach freundlich begrüßen oder anlächeln. Auch das ist eine Verbindung, selbst wenn sie nur eine Sekunde dauert.

Welcher der beiden Wege deiner ist, findest du nur heraus, indem du beide ausprobierst.

Sieben Dinge, die du ab morgen tun kannst

Damit das nicht abstrakt bleibt, hier das, was bei uns tatsächlich funktioniert:

  1. Fünf Minuten nach draußen setzen und nichts tun, außer schauen und hören. Kein Handy, keine Musik.
  2. Die erste halbe Stunde des Tages handyfrei halten. Der Unterschied ist größer, als er klingt.
  3. Ein Wort für den Tag suchen. Nicht ausdenken, sondern kurz hinhören, was kommt.
  4. Menschen grüßen, denen du begegnest. Innerlich reicht, wenn dir laut zu viel ist.
  5. Dein Pilgertagebuch wieder lesen und weiterschreiben, auch wenn du längst zu Hause bist.
  6. Einen Abendspaziergang einplanen statt einer Etappe. Nach den ersten Schritten stellt sich das Gefühl von unterwegs erstaunlich schnell wieder ein.
  7. Ein Bild aufhängen, das dich täglich erinnert, ohne dass du etwas dafür tun musst.

Keiner dieser Punkte ist groß. Das ist auch der Punkt. Viel wichtiger als der Umfang ist, dass wir uns überhaupt erinnern und es dann tun.

Und wenn das Fernweh zurückkommt?

Es kommt zurück, verlässlich.

Simone hat sich unterwegs auf dem Primitivo mehrfach gefragt, warum sie sich das eigentlich antut. Kaum waren wir zu Hause, kam der Satz: Eigentlich könnten wir bald wieder los.

In der Studie taucht genau dieses Muster in vielen Antworten auf. Der Wunsch weiterzugehen gehört zur Rückkehr dazu, oft schon in den ersten Tagen.

Ich halte das für ein gutes Zeichen und nicht für einen Rückschritt. Es bedeutet, dass etwas in dir weiß, was dir guttut. Wenn dich das Fernweh packt, findest du in unseren Tipps gegen das Fernweh ein paar Wege, damit umzugehen, ohne gleich den nächsten Flug zu buchen.

Und falls du noch nicht weißt, welcher Weg der nächste sein könnte, hilft dir vielleicht das Jakobsweg-Quiz weiter.

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Taschenbuch: Jakobsweg 200 Fragen

Was muss ich wissen, bevor ich losgehe? Diese Frage stellen sich fast alle, die vom Jakobsweg träumen – egal, ob sie ihn gerade erst entdecken oder schon bald die ersten Schritte auf dem Camino gehen.

Der Camino endet nicht in Santiago

Was Simone und ich beide erst nach dem zweiten gemeinsamen Weg wirklich verstanden haben, ist Folgendes: Das eigentliche Geschenk war nicht die Landschaft und auch nicht die Ankunft. Es war das Leben im Hier und Jetzt.

Wir hatten vorher viele Bücher darüber gelesen. Auf dem Camino Francés haben wir es dann zum ersten Mal selbst erlebt, und der Primitivo hat diese Erfahrung verfestigt. Inzwischen ist es fast selbstverständlich geworden, dass wir diesen einen Tag heute haben.

Dazu gehört auch die entlastende Erkenntnis, dass man immer wieder aus diesem Moment herausfällt. Es gibt To-do-Listen, Termine, Aufgaben, und manchmal Dinge, die einem gar nicht behagen. Das ist in Ordnung. Entscheidend ist nur, dass du weißt, wie du zurückfindest.

Genau das ist für mich der Punkt, an dem aus dem Jakobsweg ein Lebensweg wird.

Ein Vorschlag zum Schluss

Wenn du dir ein Stück Camino nach Hause holen möchtest, brauchst du dafür weder Urlaub noch einen Plan.

Geh heute Abend eine halbe Stunde spazieren. Wenn du nicht allein losgehen magst, frag eine Nachbarin oder einen Freund. Und wenn dir dafür die Zeit fehlt, setz dich fünf Minuten nach draußen, atme, schau und hör, was da ist.

Mehr braucht es nicht für den Anfang.

Wie unsere siebzehn Tage auf dem Camino Primitivo waren, erzähle ich im Erfahrungsbericht. Das ganze Gespräch mit Simone kannst du in der aktuellen Podcastfolge hören. Und wenn du erzählen magst, wie du dir deinen Camino in den Alltag holst, freuen wir uns über deinen Beitrag in der Jakobsweg-Community.

Buen Camino, dein Peter

Buen Camino Club Reise Camino Primitivo

FÜR DEN AUSTAUSCH

Geh den Weg nicht allein.

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