Interviews
Jakobsweg & Lebensweg: Kay Löffler und Peter Kirchmann über das Pilgern, das Älterwerden und die Via de la Plata
In dieser tiefgründigen Begegnung blicken wir hinter die Kulissen eines bewegten Lebens. Kay Löffler war 47 Jahre im Außendienst des Kölner und Bergheimer Ordnungsamts tätig – ein Beruf, der ihn die dunklen Seiten der Gesellschaft lehrte. Auf dem Camino Francés und später auf der Via de la Plata fand er eine neue Perspektive, lernte das Loslassen und entdeckte das Schreiben neu. Ein einladendes Gespräch über die Mut machende Erkenntnis, dass das Leben auch jenseits der 60 noch voller Aufbrüche steckt.
zur Podcastfolge mit dem kompletten Gespräch:
Als Gastgeber des Jakobsweg-Podcasts und Pilger, der seit den 1990er Jahren auf den spanischen Wegen unterwegs ist, darf ich immer wieder Menschen begegnen, deren äußere Wege tiefe Spuren in ihrem Inneren hinterlassen haben. In meiner Arbeit als systemischer Coach erlebe ich oft, wie stark der Weg im Außen unser Inneres spiegelt und verborgene Themen an die Oberfläche bringt. Mein heutiger Gast, Kay Löffler (den meisten einfach als Kay bekannt), ist ein faszinierendes Beispiel für diese Transformation.
Kay hat in seinem Leben viel gesehen. Sehr viel. Als Autor des Buches „Straße der Silberhaarigen“, als ehemaliger leitender Beamter im Kölner Ordnungsamt und als Weltreisender trägt er Geschichten in sich, die von der rauen gesellschaftlichen Wirklichkeit ebenso erzählen wie von der befreienden Stille spanischer Pilgerwege. In unserem Gespräch tauchten wir tief in die Frage ein: Was treibt uns Menschen eigentlich hinaus in die Welt? Und was passiert, wenn wir uns selbst auf dem Weg nicht mehr ausweichen können?
Hier möchte ich die eindrücklichsten Momente unseres Gesprächs mit euch teilen – als Einladung, vielleicht auch über den eigenen Lebensweg nachzudenken.

Die Faszination der Vielseitigkeit: Mit dem VW-Bus nach Indien
Wenn man Kay fragt, was ihn in jungen Jahren auf den Weg gebracht hat, antwortet er ohne Zögern: „Wahrscheinlich war es immer die Neugierde. Ich bin von dem Leben fasziniert und der Vielseitigkeit desselbigen.“ Diese Neugierde ließ ihn in den 1980er Jahren eine radikale Entscheidung treffen. Er nahm nach zehn Jahren im Beruf anderthalb Jahre Auszeit, packte alles in einen VW-Bulli und fuhr los.
Die Reise führte ihn unter anderem vier Monate lang mit der Reisetasche durch Indien. Statt nur romantischer Erleuchtung fand Kay dort eine intensive Auseinandersetzung mit der harten Realität. Er sah bittere Armut, Kinder im Straßenbau und großes Leid.
Diese Erfahrung wurde zu einem prägenden Wendepunkt:
„Ich habe dann Deutschland lieben gelernt. […] Es ist sauber, es ist ordentlich, wir haben Regeln, an die sich fast jeder hält.“
Manchmal müssen wir weit in die Ferne schweifen, um die eigenen Systeme zu schätzen. Nach vier Monaten sehnte er sich nach Ordnung und rief beim Ordnungsamt an – er wollte wieder arbeiten, aber nur noch im Außendienst.
Vom sozialen Brennpunkt zur Harmoniesucht: 47 Jahre Ordnungsamt
Der Beruf beim Ordnungsamt prägte Kays Blick auf die Menschen massiv. Ganze 47 Jahre lang arbeitete er in der Eingriffsverwaltung an vorderster Front gesellschaftlicher Konflikte. Psychiatrieeinweisungen, die Schließung von Arztpraxen und Tierbeschlagnahmungen gehörten zum Alltag.
„Du hast immer fast nur noch mit der schlechten Seite zu tun“, erzählte mir Kay nachdenklich. „Ich habe immer gesagt: Wenn ich nochmal auf die Welt komme, werde ich Lottobote. Dann siehst du glückliche Gesichter.“ Dieser jahrzehntelange ungeschönte Blick führte bei ihm zu einer tiefen inneren Entwicklung:
„Ich bin harmoniesüchtig geworden.“
Wer den ganzen Tag Konflikte löst, sucht im Privaten den Frieden. Vielleicht war es genau diese unbewusste Suche nach innerem Frieden, die ihn Jahre später auf den Jakobsweg führen sollte.
Der emotionale Dammbruch: Der erste Camino Francés
Auf Kays To-Do-Liste stand der Jakobsweg eigentlich für den Ruhestand. Doch 2011 drängte ihn sein Arbeitgeber, Resturlaub abzubauen. Sieben Wochen lagen plötzlich vor ihm. Kay zögerte nicht: Er kaufte einen Rucksack, zog seine Dienststiefel an und flog ohne Rückflugticket nach Saint-Jean-Pied-de-Port.
Ohne echtes Training und mit 11 Kilo auf dem Rücken startete er blauäugig. Doch die wahre Herausforderung wartete tief in ihm. Nach drei Wochen begann sich das „Wirrwarr im Kopf“ zu lichten. Und dann passierte es: Kay, der mit 28 Jahren seinen Vater auf tragische Weise verloren und daraufhin in einen emotionalen „Kripo-Modus“ geschaltet hatte, brach zusammen.
„Ich habe 40 Jahre nicht mehr geweint“, gestand er mir.
„Und nach drei Wochen saß ich auf einmal da, heulend vor einer Herberge, und da ist mir bewusst geworden, dass mein Leben, so wie es zu dem Zeitpunkt war, nicht mehr in Ordnung war, vor allen Dingen meine Ehe nicht.“
Der Camino fungiert hier als gnadenloser, aber heilsamer Spiegel. Er reißt Schutzmauern ein, die wir über Jahrzehnte mühsam errichtet haben. Für Kay gab es kein Zurück mehr in die alte Routine. Zurück in Deutschland ordnete er sein Privatleben komplett neu. Er konnte nicht mehr lügen. Die Wahrheit bahnte sich ihren Weg.

Taschenbuch: Jakobsweg 200 Fragen
Was muss ich wissen, bevor ich losgehe? Diese Frage stellen sich fast alle, die vom Jakobsweg träumen – egal, ob sie ihn gerade erst entdecken oder schon bald die ersten Schritte auf dem Camino gehen.
Die Via de la Plata: Unterwegs auf der „Straße der Silberhaarigen“
Als Kay schließlich in den Ruhestand ging, rief der Weg erneut. Dieses Mal wählte er die längere, einsamere Via de la Plata. Er wollte jenes tiefe „Mit-sich-selbst-sein“ erreichen, das sich auf kurzen Touren oft nicht einstellt.
Auf der Via de la Plata wurde das Älterwerden für Kay zu einem zentralen Thema. Wer mit 65 Jahren in den Ruhestand geht, fragt sich unweigerlich: Gehöre ich jetzt zum alten Eisen?
Die Antwort des Jakobswegs fiel humorvoll aus. Schon am ersten Tag wurde Kay von einem 80-Jährigen überholt. „Da sind verdammt viele Wiederholungstäter unterwegs […] die über 70 waren oder 80 waren sogar […]. Und damit habe ich auch gemerkt: Okay, mit 65 ist das Leben noch nicht abgeschlossen.“
Gelassenheit, Stürze und echte Begegnungen
Was verändert sich, wenn man älter wird und pilgert? Für Kay ist es vor allem eine wachsende Gelassenheit. Man muss nicht mehr alles vorbuchen. Man vertraut darauf, dass es irgendwo ein Bett und Essen gibt.
Dieses Vertrauen half ihm auch bei einem unerklärlichen Sturz auf der Plata, der ihn lädiert zurückließ. Statt Panik griff die Routine: „Einfach Tempotaschentücher auf alle Wunden, die bluteten, und dann muss man eben noch mal eine Stunde laufen bis zur nächsten Ortschaft, und das ging ohne Angst.“
Die Erfahrung, körperliche Grenzen aufgezeigt zu bekommen und sie gelassen zu überwinden, schenkte ihm tiefe innere Ruhe.
Solche Erlebnisse werden oft durch Begegnungen getragen. Kay erzählte von „Egon“, einem 80-jährigen Schweizer, den er seinen „Fensterspringer“ nennt. Egon geht jedes Jahr einen Camino und zeigte Kay eindrücklich: Altern bedeutet nicht, dass man auf der Couch sitzen bleiben muss.
Der innere Antrieb: Vom Suchen und Schreiben
Kay ist im Herzen Autor. Sechs Jahre lang hatte er das Schreiben ruhen lassen und dies als Befreiung empfunden. Doch auf der Via de la Plata kamen die Gedankenströme zurück. Um sie loszuwerden, musste er sie aufschreiben.
Aus Status-Updates für Freunde, die unerwartet hohe Wellen schlugen, entstand sein aktuelles Buch: „Straße der Silberhaarigen“. Der physische Jakobsweg und sein persönlicher Lebensweg verschmolzen beim Schreiben zu einer Einheit. Was treibt ihn immer weiter an? Kay nennt es liebevoll „Unruhe“. Schon mit 15 Jahren schrieb er ein Manuskript mit dem Titel „Der Sucher“. „Das mache ich heute auch noch. Obwohl ich nicht sagen kann, was ich suche.“
Kays Kompass für Pilger-Neulinge
Für alle, die den Ruf des Weges spüren, aber noch zögern, hat Kai einen salomonischen Ratgeber formuliert:
- Weniger Gepäck, weniger Ballast: Zerbrecht euch nicht den Kopf über jedes Gramm Gepäck, während ihr vielleicht körperlich oder seelisch noch alte Lasten mit euch tragt.
- Der Weg ist das Training: Fangt mit kleinen Etappen an. Der Körper kräftigt sich unterwegs von ganz allein.
- Freiheit statt Druck: Bucht nicht vorab – das erzeugt nur Zeitdruck. Nehmt euch die Freiheit, jeden Tag neu zu entscheiden.
- Der Schnupperkurs: Wer unsicher ist, startet ein, zwei Wochen auf dem Camino Portugués. Wem es gefällt, der nimmt sich beim nächsten Mal mehr Zeit – denn dann beginnt die wahre innere Reise.
Den eigenen Weg finden – Eine Einladung zum Austausch
Kays wichtigste Erkenntnis für junge Menschen: Schaut euch erst die Welt an, bevor ihr euch in einem Job verliert. Lernt eure eigenen Prioritäten kennen. Aber ganz gleich, ob 20, 45 oder 65 Jahre alt – der Moment, um aufzubrechen, ist immer jetzt.
Kays Geschichte zeigt, dass der Jakobsweg nicht nur ein geografischer Pfad ist, sondern eine Einladung, sich selbst ehrlich zu begegnen. Wenn du beim Lesen gespürt hast, dass auch in dir eine Sehnsucht nach Aufbruch schlummert, musst du diese ersten Schritte nicht alleine gehen. Wenn du dir dabei Begleitung wünschst, komme gerne in unsere wachsende Gemeinschaft! In unserer Jakobsweg-Community tauschen wir uns über genau diese Fragen aus – von der Packliste bis zu den tiefen emotionalen Prozessen. Weitere Impulse findest du jederzeit auf der Startseite von jakobsweg-lebensweg.de.
Der Weg wartet auf dich. Buen Camino!
Über die Autoren dieses Beitrags:
Peter Kirchmann (Gastgeber & Autor) Peter Kirchmann ist Publizist, Autor und seit den 1990er Jahren passionierter Pilger. Nach vielen Jahren als Geschäftsführer im Einzelhandel verbindet er heute als systemischer Coach und Community-Leiter auf jakobsweg-lebensweg.de die äußere Erfahrung des Pilgerns mit der inneren Führung und Persönlichkeitsentwicklung.
Kay Löffler (Gast & Interviewpartner) Kay „Kai“ Löffler war 47 Jahre lang leitender Beamter im Kölner Ordnungsamt. Seine Erfahrungen aus der Eingriffsverwaltung machten ihn früh zu einem scharfsinnigen Beobachter. Seit 2011 zieht es ihn auf die Jakobswege in Spanien. Seine Erlebnisse verarbeitet er als Autor, unter anderem im Buch „Straße der Silberhaarigen“. (Link zur Autorenwebseite von Kai Löffler)
Kays aktueller Termin & Links zur Folge: Wenn du Kay Löffler live erleben und noch tiefer in seine Geschichten eintauchen möchtest, bist du herzlich zu seiner nächsten Buchlesung eingeladen:
- Kostenlose Anmeldung zur Lesung am 25.06.2026: Hier kostenlos Ticket sichern
- Kays Homepage: www.kayloeffler.eu
- Kay auf Facebook: Hier geht es zu seinem Profil
- Kays YouTube-Kanal: [Hier geht es zu den Videos rund um den Jakobsweg





