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Hospitalero werden: Der stationäre Pilger
Was passiert eigentlich hinter der Tür einer Pilgerherberge, wenn du längst wieder unterwegs bist? Vier Hospitaleros geben Antworten.
zur Podcastfolge:
Hospitalero werden: Der stationäre Pilger
Du kommst abends an, die Füße brennen, der Rucksack fühlt sich an wie ein zweiter Körper, den du eigentlich schon vor Stunden abwerfen wolltest. Und dann steht da jemand an der Tür, bevor du überhaupt deinen Namen gesagt hast, und reicht dir ein Glas Wasser. Kein großes Aufheben, keine Show. Nur diese eine, ruhige Geste, die dir sagt: Du bist angekommen.
Jeder, der den Jakobsweg gelaufen ist, kennt diesen Moment. Und fast keiner denkt darüber nach, wer eigentlich hinter dieser Geste steht. Wer bleibt, während wir Pilger längst wieder unterwegs sind. Wer sich Tag für Tag um Menschen kümmert, die er nie zuvor gesehen hat und vielleicht nie wiedersehen wird.
Für die neue Podcastfolge habe ich mit vier Menschen gesprochen, die genau das tun. Andreas, Franz, Aurelia und Marita sind Hospitalero und Hospitalera, unter anderem in der bekannten Herberge La Faba am Camino Francés. Was sie mir erzählt haben, hat mich noch lange begleitet. Und genau das möchte ich hier mit dir teilen.
Vom Pilger zur Hospitalera: Wie der Weg dorthin beginnt
Bei keinem der vier war der Einstieg geplant. Aurelia kam 2009 zum ersten Mal auf dem Camino Francés durch La Faba, blieb über Nacht und wurde, wie sie es selbst nennt, sofort in den Bann dieses Ortes gezogen. Über die Jahre lief sie viele weitere Caminos, übernachtete in unzähligen Herbergen, und irgendwann wurde ihr klar, welchen Beitrag diese Orte zur Völkerverständigung leisten. Das war der Punkt, an dem sie beschloss, selbst Teil davon zu werden.
Franz kam über seine Frau dazu, die schon Hospitalera war und einen Partner für den Dienst suchte. Er hatte selbst schon in La Faba übernachtet, der Ort hatte ihm gefallen, und so musste er sich nicht lange überreden lassen.
Marita erzählt eine andere Geschichte. 2006, ihr erster Camino Francés, eine schwierige Nacht mit körperlicher und emotionaler Belastung. Der Hospitalero damals nahm sich Zeit für sie, ohne aufdringlich zu sein, gab ihr eine Matratze und eine Decke, und sie fühlte sich zum ersten Mal wirklich gesehen. Genau in diesem Moment entstand der Wunsch, selbst einmal diesen Dienst zu tun.
Drei Geschichten, drei völlig unterschiedliche Wege. Und doch liegt allen dasselbe zugrunde: ein Moment, in dem der Camino selbst etwas in Bewegung gesetzt hat, das größer war als der nächste Schritt.
Der Alltag hinter der Herbergstür
Was viele Pilger nicht sehen, ist der Rhythmus, der sich hinter jedem Tag verbirgt. Andreas beschreibt es so: Man ist selbst wie ein Pilger, nur stationär. Man bleibt, während andere über den Berg ziehen, meist Richtung Triacastela, und begrüßt ab 14 Uhr die nächsten, die ankommen.
Dazwischen liegt die Arbeit, die kein Gast zu Gesicht bekommt. Schlafsäle säubern, Toiletten putzen, die Küche wieder herrichten, oft anderthalb bis zwei Stunden lang, je nachdem, wie viele Pilger in der Nacht zuvor da waren. Dann ein gemeinsames Frühstück, kleine Arbeiten rund um die Herberge, die Kasse, der Rasen, die Kirche. Und irgendwann, wie Andreas sagt, fiebert man schon der Marke 14 Uhr entgegen. Denn neue Pilger bedeuten neue Geschichten.
Sein liebster Moment am Tag liegt allerdings davor. Morgens um sechs, wenn er die Kirche öffnet. Ein paar Kerzen brennen noch von den Pilgern des Vortags, es ist kalt und dunkel, und er setzt sich für ein paar Minuten hin, bevor der Tag beginnt. Ein Moment reiner Stille, bevor draußen wieder das Leben einsetzt.
Was es wirklich braucht
Auf die Frage, welche Eigenschaften man für diesen Dienst mitbringen sollte, fällt bei allen vier ein ähnliches Bild. Humor, Geduld, Gelassenheit. Franz ergänzt einen Punkt, der mir besonders hängen geblieben ist: Urteilsvermögen. Die Fähigkeit, in einem Moment zu erkennen, ob ein erschöpfter Pilger einfach nur Ruhe braucht oder ob es ernster ist und der medizinische Dienst gerufen werden muss.
Marita bringt es auf einen Punkt, der über die reine Tätigkeit hinausgeht. Wer als Hospitalera arbeitet, um sich selbst zu profilieren oder um etwas zu bekommen, ist ihrer Meinung nach mit der falschen Motivation dabei. Wer dagegen bereit ist zu geben, bekommt am Ende unglaublich viel zurück. Das war für mich einer der Kernsätze des ganzen Gesprächs.
Auch die Frage, ob man selbst Pilgererfahrung mitbringen sollte, beantworten die vier klar. Andreas nennt es, etwas augenzwinkernd, „Street Credibility“. Wer selbst schon einmal völlig erschöpft in einer Herberge angekommen ist, kann die Ankommenden später besser verstehen. Marita bestätigt das aus eigener Erfahrung: Wer selbst schon einmal kurz davor war, den Hospitalero am Kragen zu packen, weil eine Dusche einfach nicht warten konnte, weiß später genau, wie man mit dieser Ungeduld umgeht.
Begegnungen, die bleiben
Zwei Geschichten aus dem Gespräch haben mich besonders berührt.
Die erste erzählt Aurelia aus dem Jahr 2023. Zwei Pilgerinnen, eine aus Russland, die andere aus der Ukraine, trafen sich unterwegs und beschlossen, gemeinsam weiterzugehen. In La Faba angekommen, standen sie zusammen in der Küche und kochten, ganz selbstverständlich, ganz ohne große Worte. Aurelia sagt, die Symbolik dieser Pilgerfreundschaft sei ihr sofort aufgefallen. Mir ging es beim Zuhören genauso.
Die zweite Geschichte reicht über Jahrzehnte. Eine Französin verlor vor über vierzig Jahren ihren Mann, einen Militärpiloten, der in Französisch-Polynesien mit seiner Maschine verschollen blieb. Jahre später ging sie mit ihrem zweiten Mann den Jakobsweg und traf in La Faba beim Abendessen zufällig auf einen Landsmann. Im Gespräch stellte sich heraus, dass auch er beim Militär gewesen war, zur selben Zeit am selben Ort. Als sie erzählte, ihr erster Mann sei dort verschollen, stand der Mann auf, weinte und ging. Die Geschichte, so erzählte Aurelia, war für ein Vereinsbuch aufgeschrieben worden und schien damit beendet.
Doch sie ging weiter. Jahre später, bei einem dreiwöchigen Einsatz im Oktober 2023, stand ein Pilger vor Aurelia und stellte sich als Sohn dieser Französin vor. Er hatte in La Faba genau den Ort besucht, an dem seine Eltern einst diesen besonderen Camino-Moment erlebt hatten, ohne es zunächst zu wissen. Im Gästebuch hinterließ er Worte, die Aurelia sichtlich bewegten. Eine Geschichte, die man kaum für möglich halten würde, wäre sie nicht tatsächlich so geschehen.
Verändert man sich selbst durch diesen Dienst?
Wer als Pilger unterwegs ist, kommt bekanntlich verändert zurück. Aber gilt das auch für die, die stehen bleiben? Marita bejaht das ohne Zögern. Sie ist gelassener geworden im Umgang mit Alltagsproblemen, sagt sie, weil sie in der Herberge immer wieder erlebt hat, wie Menschen völlig aufgelöst ankommen und wenig später, nach einem Tee und ein paar ruhigen Worten, plötzlich wieder bei sich sind.
Andreas beschreibt etwas Ähnliches, mit einem anderen Wort dafür. Er nennt La Faba einen magischen Ort, ohne selbst ein esoterischer Mensch zu sein, wie er betont. Die Ruhe, die Gelassenheit, die dieser Ort ausstrahlt, hat ihn all die Jahre über immer wieder erreicht, gemeinsam mit seiner Familie, mit der er den Dienst mehrfach übernommen hat.
Missverständnisse über den Dienst
Nicht jede Vorstellung von diesem Dienst hält der Realität stand. Marita erzählt von einer Pilgerin, die sich das Leben als Hospitalera romantisch vorstellte, mit ein bisschen Pilger-Verwöhnen und entspannter Atmosphäre. Auf die Nachfrage, ob dazu auch putzen gehöre, kam nur ein entsetztes „Iiiih, putzen“. Die Realität sieht anders aus. Putzen, schrubben, organisieren, und das oft über Stunden, gehört genauso zum Alltag wie die schönen Begegnungen.
Wie der Einstieg gelingen kann
Für alle, die sich fragen, wie sie selbst diesen Weg einschlagen könnten, gibt es aus dem Gespräch mehrere konkrete Ansätze:
- Direkter Kontakt zu einer Herberge, die einen selbst besonders beeindruckt hat. Marita hat genau so angefangen: Herbergen abtelefoniert und einfach gefragt, wie der Einstieg funktioniert.
- Mitgliedschaft in einem Verein wie Ultreia e.V., der Hospitaleros vermittelt und vorbereitet.
- Trainings und Workshops, wie sie zum Beispiel die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft anbietet, um vorab einen ersten Eindruck zu bekommen.
- In La Faba läuft der Einstieg über ein Tandem-Prinzip: Neue Hospitaleros arbeiten gemeinsam mit erfahrenen Kollegen, sodass sich die wichtigsten Aufgaben innerhalb weniger Tage erschließen.
Andreas betont, dass die Quote derer, die nach einem ersten Einsatz sagen, das sei ihnen alles zu viel gewesen, erstaunlich klein ist. Wer diesen Dienst einmal ausprobiert hat, kommt meistens wieder.
Was das mit deinem eigenen Weg zu tun haben kann
Beim Zuhören ist mir aufgefallen, wie sehr sich dieser Dienst mit dem deckt, was viele von uns auf dem Camino selbst gesucht haben. Loslassen vom eigenen Ehrgeiz, vom Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen. Sich zurücknehmen, um für andere Raum zu schaffen. Genau das beschreibt Marita, wenn sie sagt, dass es nicht darum gehen darf, sich selbst zu profilieren.
Viele von euch, die diesen Podcast hören, stehen mitten im Leben, tragen Verantwortung im Beruf oder in der Familie, und sehnen sich nach einer Aufgabe, die sich echt anfühlt statt bloß erledigt zu werden. Der Dienst als Hospitalero oder Hospitalera ist genau so eine Aufgabe. Kein Ehrenamt im klassischen Sinn, sondern eine Rückkehr an einen Ort, der einem selbst einmal viel gegeben hat, mit der Bereitschaft, jetzt selbst zu geben.
Für manche wird das ein konkreter nächster Schritt sein: ein Anruf bei einer Herberge, eine Anfrage bei einem Verein. Für andere bleibt es zunächst ein Gedanke, der eine Weile mitläuft, bevor er reif genug ist, um daraus zu handeln. Beides ist in Ordnung. Der Camino hat noch nie jemanden gedrängt. Er hat nur immer wieder die richtigen Türen geöffnet, wenn jemand bereit war, hindurchzugehen.
Ein Satz zum Mitnehmen
Am Ende des Gesprächs habe ich alle vier nach einem letzten Rat für alle gefragt, die noch zögern. Maritas Antwort war schlicht und trifft für mich genau den Kern: Höre auf dein Herz, und wenn es ruft, dann geh einfach. Andreas ergänzt es mit einer ähnlichen Nüchternheit: Einfach ausprobieren.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Folge. Der Weg als Pilger und der Weg als Hospitalero unterscheiden sich weniger, als man zunächst denkt. Beide beginnen mit demselben ersten Schritt. Und beide belohnen vor allem die, die bereit sind, sich wirklich einzulassen.
Wenn du selbst gerade über deinen eigenen Camino nachdenkst, über eine Neuorientierung, oder einfach über die Frage, wie du dem Weg etwas zurückgeben könntest, dann hör dir die komplette Folge gerne an. Die Geschichten von Andreas, Franz, Aurelia und Marita verdienen mehr Raum, als ein Blogartikel bieten kann.
Verein VLTREIA e.V. und die Herberge La Faba
Die Herberge La Faba wird vom Stuttgarter Verein VLTREIA e.V. getragen, gegründet 1991 zur Förderung der mittelalterlichen Jakobswege. Ehrenamtliche Hospitaleros und Hospitaleras übernehmen dort jeweils für einige Wochen den Dienst und sorgen dafür, dass Pilger auf der Etappe von Villafranca del Bierzo nach O Cebreiro einen Ort zum Ankommen finden.
Wenn du selbst über einen Einsatz als Hospitalero oder Hospitalera nachdenkst, findest du alle Informationen dazu auf www.lafaba.de.

Taschenbuch: Jakobsweg 200 Fragen
Was muss ich wissen, bevor ich losgehe? Diese Frage stellen sich fast alle, die vom Jakobsweg träumen – egal, ob sie ihn gerade erst entdecken oder schon bald die ersten Schritte auf dem Camino gehen.
Zwei Wege, Hospitalero zu werden
Für den Dienst als Hospitalero oder Hospitalera gibt es im Grunde zwei Wege. Der eine führt über eine der etablierten Organisationen und Jakobusgesellschaften in Deutschland, der andere führt direkt zu einer Herberge, ganz ohne Vermittlung dazwischen. Beide Wege sind legitim, und welcher zu dir passt, hängt vor allem davon ab, wie viel Struktur du dir wünschst und wie viel Eigeninitiative du mitbringen möchtest.
Der Weg über eine Organisation
Wer sich lieber begleitet in diesen Dienst einarbeiten möchte, findet in Deutschland mehrere Anlaufstellen. Die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft in Aachen bietet regelmäßig Vorbereitungswochenenden an, etwa in Uder bei Heiligenstadt oder in Limburg, und vermittelt anschließend an das spanische Netzwerk der freiwilligen Pilgerherbergseltern, die sogenannten hospitaleros voluntarios.
Ähnlich funktioniert es bei regionalen Vereinen wie der Fränkischen St. Jakobus-Gesellschaft in Würzburg, die sowohl über eigene Häuser wie das Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen vermittelt als auch persönliche Beratung anbietet. Der Freundeskreis der Jakobuspilger Paderborn bereitet seine Freiwilligen sogar mit einem zweiwöchigen Spanischkurs direkt vor Ort auf ihren Einsatz in der Casa Paderborn in Pamplona vor. Und der Verein VLTREIA e.V. aus Stuttgart, der die Herberge in La Faba betreibt, arbeitet nach einem Tandem-Prinzip: Neue Hospitaleros werden für die ersten Tage mit erfahrenen Kollegen zusammengelegt.
In Spanien selbst koordiniert die Federación Española de Asociaciones de Amigos del Camino de Santiago eigene Vorbereitungskurse für den Einsatz als hospitalero voluntario, allerdings auf Spanisch. Wer den Weg über eine deutsche Organisation wählt, muss sich darum in der Regel nicht selbst kümmern.
Ein Satz aus dem Interview mit Marita bringt die Haltung dahinter gut auf den Punkt:
„Wer bereit ist zu geben, bekommt sowieso unglaublich viel zurück.“
Der unabhängige Weg: direkt zur Herberge
Der zweite Weg führt ohne Umweg über eine Organisation direkt zur Herberge. Viele kleinere, oft private oder kirchlich getragene Häuser entlang der verschiedenen Jakobswege suchen eigenständig nach Unterstützung. Der Kontakt läuft dann unmittelbar: eine Mail an die Herberge, ein Anruf, manchmal sogar eine kurze Nachricht über WhatsApp, wenn es sich um ein sehr kleines Haus handelt.
Wer eine bestimmte Herberge im Blick hat, weil sie einem selbst auf dem eigenen Camino besonders in Erinnerung geblieben ist, kann diese ganz einfach direkt kontaktieren. Verzeichnisse wie gronze.com listen die meisten Herbergen entlang der spanischen Jakobswege inklusive Kontaktmöglichkeit auf. In der Nachricht reicht meist eine kurze Vorstellung: wer man ist, welche Pilgererfahrung man mitbringt, in welchem Zeitraum man sich vorstellen könnte, und welche Sprachen man spricht.
Dieser Weg verlangt etwas mehr Eigeninitiative, dafür aber auch mehr Freiheit bei der Wahl von Ort und Zeitraum. Die Einweisung erfolgt vor Ort informell, häufig im direkten Austausch mit den bisherigen Hospitaleros, die noch für ein paar Tage bleiben und die wichtigsten Handgriffe zeigen.
Kurz und knapp: Das brauchst du in jedem Fall
- Eigene Pilgererfahrung, idealerweise mit ausreichend Kilometern
- Mindestens zwei Wochen Zeit, manche Häuser akzeptieren auch eine Woche
- Grundkenntnisse in Spanisch, an manchen Orten notwendig
- Bereitschaft zu körperlicher Arbeit und einfachen Unterkünften
- Teamfähigkeit und die Fähigkeit, eigenverantwortlich zu handeln
Der Einsatz ist grundsätzlich ehrenamtlich. Unterkunft und Verpflegung werden meist gestellt, Anreise und Rückreise trägt man selbst.
Welcher Weg passt zu dir?
Wer den strukturierten Rahmen einer Organisation schätzt, findet über die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft, die Fränkische St. Jakobus-Gesellschaft oder Vereine wie VLTREIA e.V. einen soliden Einstieg mit Vorbereitung, Austausch und einem Netzwerk erfahrener Hospitaleros im Hintergrund. Wer lieber direkt handelt und eine bestimmte Herberge im Kopf hat, kann genauso gut selbst den Kontakt suchen und sich unabhängig bewerben.
Beide Wege führen am Ende zum selben Ort: an eine Herbergstür, an der irgendwann ein erschöpfter Pilger steht, und du bist derjenige, der das Glas Wasser reicht.


